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Sozialwissenschaftlerin & Psychologin Petra Schwarz: "Ich erforsche die Männer!"

Mann in Not – Einfühlsam und erfolgreich, aber allein: Männer stecken in der Beziehungskrise! Worans liegt, erforscht Coach Petra Schwarz.

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Sozialwissenschaftlerin & Psychologin Petra Schwarz: "Ich erforsche die Männer!"
© Roland Unger

Mann, Mitte 30, gebildet, gutes Einkommen, Eigenheim, sucht SIE. Nein, das ist keine Kontaktanzeige, sondern der vorrangige Wunsch der Hauptklientel der Männerakademie ( www.maennerakademie.com ) in Wien. Eine Anlaufstelle für Herren auf der Suche nach ihrer Identität und einer glücklichen Beziehung. Eine der Expertinnen vor Ort ist die Psychologin und Sozialwissenschaftlerin Petra Schwarz, 44. Sie begleitet Männer dabei, ihre Persönlichkeit zu finden, zu stärken und ihr Bewusstsein zu schärfen um für die komplexen Aufgaben in der heutigen Beziehung gerüstet zu sein. Ihre Erfahrungen: Seine Aufgaben und Rollen sind nicht mehr einfach vorgegeben. Es ist Zeit, dass sich jeder individuell auf den Weg macht!

WOMAN: Männercoachings boomen mit welchen Themen kommen die Herren der Schöpfung zu Ihnen?

Schwarz: Generell sind es alle Themen aus Privatleben, Beruf, Partnerschaft das Hauptanliegen der Männer ist jedoch, dass sie Partnerschaft suchen und finden wollen. Also das, was man eher der Frauenecke zuordnet: der Wunsch nach Beziehung.

WOMAN: Warum ist das Kennenlernen einer Partnerin für Männer so schwierig geworden?

Schwarz: Aus mehreren Gründen. Einer davon ist, dass sich die Motivationen für Partnerschaft verschoben haben. Man ist ja erst seit relativ kurzer Zeit der Ansicht, dass Liebe und Emotion der Grund für eine Beziehung sein sollen und nicht mehr die wirtschaftliche und existenzielle Notwendigkeit. Die Strukturen, die früher Halt gegeben haben, sind also weniger bis kaum mehr da.

WOMAN: Das hat sich doch auch bei uns Frauen verschoben, wir haben uns emanzipiert...

Schwarz: ...und damit sind wir beim Kernthema. Sie braucht mich gar nicht, erzählen viele Männer. Klassisches Beispiel: Die Frau bedrückt etwas, und sie spricht mit dem Mann darüber. Er versucht, seine Zuwendung dadurch zu zeigen, dass er ihr eine Lösung anbietet nach dem Motto: Schau, ich bin gut, ich kann dir helfen und nehme das in die Hand. Die Frau jedoch ist total irritiert, weil sie gar keine Lösung will, sondern nur möchte, dass er zuhört, mitschwingt und mitfühlt.

WOMAN: Müssen Frauen und Männer also klarer ihre Bedürfnisse kundtun?

Schwarz: Ja. Menschen finden jemanden als Partner attraktiv, wenn der sie in ihrer Rolle als guter Mann oder als gute Frau bestätigt. Da muss man sich zuerst aber seiner eigenen Bedürfnisse klar werden und wissen, was man gut findet. Also sich mit sich selbst auseinandersetzen. Seinen Gefühlen und Wahrnehmungen Platz einräumen. Das ist ein mühsames Stück Arbeit im Leben, die eigene Identität und die eigenen Bedürfnisse herauszufinden.

WOMAN: Warum ist der Mann noch immer oder schon wieder auf der Suche danach?

Schwarz: Es ist für alle Menschen eine lebenslange Aufgabe, Identität zu finden. Den Männern fehlen in unserer Kultur zum einen die Rituale, nach denen ganz klar ist: Jetzt ist aus dem Jungen ein Mann geworden. Zum anderen hat sich der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen verschoben. Statt bis zum Teenageralter hat der Mann heute bis etwa Mitte 20 Narrenfreiheit und kriegt dann mit 30 einen Erwachsenenschock. Und die veränderten Aufgaben und Rollen tragen auch zur Verunsicherung bei.

WOMAN: Erwarten Frauen vielleicht auch zu viel von den Männern?

Schwarz: Schon viel, aber das Gleiche wird ja von der Frau erwartet. Sie soll Mutter sein, erfolgreich im Job, Geliebte & auch Frauen erleben dieses Zerrissenheitsgefühl. Es ist das Leben, das diese Anforderungen stellt! Unsere Kultur, unsere Vielfältigkeit an Rollen und Aufgaben!

WOMAN: Inwieweit tragen die Mütter die Verantwortung für die Männer von morgen?

Schwarz: Natürlich wirkt sich die väterliche Abwesenheit aus mittlerweile ist ein Drittel der Mütter alleinerziehend. Denn die stärkste Lernmöglichkeit hat der Mensch am Vorbild.

WOMAN: Was können Alleinerzieherinnen tun?

Schwarz: Das sagt sich natürlich leicht, aber wichtig wäre zu versuchen, männliche Bezugspersonen ins soziale Netz zu holen: den Onkel, den Sport- oder Musiktrainer, einen Freund.

WOMAN: Zurück zum erwachsenen Mann: Was ist seine größte Herausforderung bezüglich Partnerschaft?

Schwarz: Da gibts mehrere Punkte. Zum einen beklagen Frauen immer noch, dass Männer entweder tatsächlich physisch nicht anwesend sind oder sich den Frauen nicht wirklich zuwenden. Das scheint ein wichtiges Bedürfnis zu sein. Zum andern ist es für den Mann wichtig zu wissen: Wie lasse ich die Frau spüren, dass ich sie wirklich schätze? Das Wesen einer guten heutigen Partnerschaft ist es, ein Team zu sein. Gemeinsam alles anzupacken, sich gegenseitig zu entlasten. Der Schlüssel dafür: fragen, was man will zuerst sich selbst und dann die Partnerin.

WOMAN: Womit wir wieder bei der Identität wären, der Frage und Suche nach uns selbst...

Schwarz: Genau. Das vermeintliche Problem birgt auch die Lösung. Denn wer suchet, der findet! Was uns dabei helfen würde: nicht mehr so in Kategorien zu denken, also Mann Frau, Softie Macho. Sich klar darüber werden, dass wir aufgrund unseres Lebensstils unendlich viele Möglichkeiten und Bedürfnisse haben und zwar sehr individuelle! Das Ziel ist, diese Verschiedenartigkeit der Lebensentwicklung anzunehmen, mit allen Risiken und Chancen.

WOMAN: Ein anspruchsvolles Ziel.

Schwarz: Absolut. Ich hoffe, dass den Menschen klar wird, dass es nicht nur darum geht, dass die Männer ihr Ding machen und die Frauen ihr Ding. Sondern dass alles, was der eine Teil tut oder nicht tut, eine Wirkung auf den anderen hat. Das wäre ein wichtiger erster Schritt.

Thema: Psychologie