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Nachbarschaftsprojekt "StoP": Stadtteile ohne Partnergewalt

Nach Hamburger Vorbild läuft derzeit in Wien ein Pilotprojekt an, das zu ermutigen will, Partnergewalt nicht länger zu verschweigen oder zu dulden - sondern Unterstützung anzubieten.

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Nachbarschaftsprojekt "StoP": Stadtteile ohne Partnergewalt
© AÖF

Diese Situation kennen wohl die meisten: Man hört aus der Nachbarwohnung oder von der Straße einen lauten Streit, Kinder die weinen oder schreien, umfallende Möbel oder sonstiges Gepolter. Man weiß aber nicht genau, wie man sich verhalten soll. Bei den Nachbarn anläuten? Oder gleich die Polizei rufen? Fragen wie „mische ich mich da zu sehr in die Privatsphäre anderer Menschen ein?“ oder „was, wenn das wirklich nur ein harmloser Streit ist?“ gehen einem durch den Kopf. Viele Menschen entscheiden sich in solch unsicheren Situationen dafür lieber nichts zu machen. Aber das kann leider oft die falsche Entscheidung sein.

Eben dieser Unsicherheit im Umgang mit häuslicher Gewalt will nun ein Projekt des Vereins Autonomer Österreichische Frauenhäuser (AÖF) entgegenwirken. Die Initiative „StoP“ - was so viel heißt wie „Stadtteile ohne Partnergewalt“ - wird im 5. Bezirk in Wien erstmalig in Österreich anlaufen. Vorbild ist ein ein mit Preisen ausgezeichnetes Projekt aus Hamburg. Dort ließ sich Maria Rösslhumer vom AÖF ausbilden, um das Projekt auch nach Österreich zu tragen. „Viele Menschen die häusliche Gewalt mitbekommen, möchten etwas machen, wissen aber nicht wie“, so Rösslhumer. Deshalb ist das Ziel des Nachbarschaftsprojekt, die Menschen in ihrer Wahrnehmung von Gewalt zu schulen, um im Fall der Fälle richtig zu reagieren.

Und was heißt „richtig“, wenn man alarmierende Geräusche aus der Nachbarwohnung hört? „Wichtig ist der Situation zu begegnen, ohne sich selbst zu gefährden“, so Rösslhumer. Und dafür gebe es mehrere Möglichkeit. „Eine Möglichkeit ist immer, die Polizei zu rufen.“ Das würden viele Menschen aber nicht machen, weil sie Angst haben, dass die Polizei dann zu ihnen in die Wohnung kommt oder der Nachbar erfährt, wer ihm die Polizei geschickt hat und dann möglicherweise selbst in Gefahr schwebt. „Viele wissen nicht, dass man auch anonym die Polizei anrufen kann und keinen Besuch oder Konsequenzen fürchten muss“, sagt Rösslhumer. Und: Es sei immer besser einmal zu viel als einmal zu wenig die Polizei zu rufen, wenn jemand Opfer von Gewalt sein könnte.

Unterschiede mit geschultem Gehör erkennen

Eine andere Variante sei, die Situation in der Nachbarwohnung zu stören und damit die vermutete Gewalt zumindest kurzfristig zu unterbrechen. „Man kann zum Beispiel bei der betreffenden Wohnung anläuten und fragen, ob man sich Salz ausborgen kann.“ Damit würde man sich nicht offensichtlich in den Streit einmischen, aber gleichzeitig zeigen, dass man da ist und eben mitbekommt, wenn laut geschrien wird. „Und im Falle dessen, dass Kinder betroffen sind, kann man natürlich auch immer beim Jugendamt anrufen“, sagt Rösslhumer. Wobei auch das schwierig sei, denn um zu unterscheiden ob ein Kind schreit bzw. weint, weil es Gewalt ausgesetzt ist oder ob es wegen „normaler“ Ursachen - wie etwa nicht ins Bett gehen zu wollen - schreit, brauche man ein geschultes Gehör.


Wenn man sich gar nicht sicher ist, was man tun soll, ist eine Variante auch bei der Frauenhelpline (0800/222555) anzurufen und sich beraten zu lassen. Apropos Frauenhelpline: Wenn man das Gefühl hat, eine Frau aus der Nachbarschaft ist von häuslicher Gewalt betroffen, sei eine Möglichkeit auch immer, ihr zum Beispiel eine Karte mit dieser Nummer oder anderen Ansprechpartnern bzw. Institutionen zu geben, rät Rösslhumer. Genau dieses Wissen in der Nachbarschaft zu verbreiten, sei eines der ersten Ziele des Projekts. Und das geschehe mit Hilfe von sogenannten MultiplikatorInnen, die eigens dafür ausgebildet werden um dann eben als AnsprechpartnerInnen vor Ort in der Nachbarschaft zu fungieren und auch selbstständig Aktionen wie Info-Tische aufzustellen, durchzuführen.


Deshalb freut sich Rösslhumer auch sehr darüber, dass die Wohnpartner, die sich im Auftrag der Stadt Wien um das Zusammenleben im Gemeindebau kümmern, bereits an Board sind. Auch der Bezirk Margareten ist dem Projekt soweit wohlgesonnen - ob es auch zu einer fixen Kooperation kommt, wird noch entschieden. Rösslhummer ist aber optimistisch, in Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery (SPÖ) eine Partnerin zu finden. Darüber hinaus soll das Projekt auch wissenschaftlich begleitet werden, um fundierte Erkenntnisse für einen weiteren Ausbau von „StoP“, das in Margareten als Pilotprojekt geführt wird, zu erhalten.

Alle Bewohnerinnen und Bewohner des 5. Bezirks sind herzlich dazu eingeladen, sich als MultiplikatorInnnen ausbilden zu lassen. Bei Interesse einfach bei Maria Rösslhumer unter maria.roesslhumer@aoef.at oder 01/5440820 melden. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier.

Die wichtigsten Kontaktnummern
Polizei: 133
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800/222555
Frauenhausnotruf Wien: 05/7722
Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: 01/5853288
Männerberatungsstelle Wien: 01/6032828