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Twitter-Userin teilt ihre Erfahrung: Stalking ist nicht romantisch

Er hat tagelang nach ihrer Nummer geforscht, sie findet das gar nicht romantisch: Eine Twitter-Userin heizt die Debatte rund um die Romantisierung von Stalking an.

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© istockphoto.com/Martin Dimitrov

Stell dir vor, du sitzt im Zug und kommst mit einem Typen ins Gespräch. Du interessierst dich nicht wirklich für ihn, bist aber höflich und plauderst ein bisschen, bevor du aussteigst. Stell dir weiter vor, wie dir Tage später dieser Typ eine Nachricht auf Facebook schreibt: "Yo, ich bin's Josh aus dem Zug. Habe deine Nummer von einem deiner Freunde bekommen, hoffentlich stört dich das nicht" Dies könnte der Beginn einer romantischen TV-Serie sein, wäre da nicht der Creep-Faktor, der durch die Decke geht. Und deshalb hat sich Twitter-Userin Lyndahx auch nicht über die Nachricht gefreut, sondern sich gegruselt. Doch das war noch nicht alles...

Denn die Geschichte von Lyndahx und dem creepy Typen geht noch weiter. Und nachlesen kann man das auf ihrem Twitter-Profil, wo sie den Chatverlauf mit folgenden Worten gepostet hat: "Ich habe nur kurz mit einem Typen im Zug gesprochen, das war letzte Woche. Wir haben nicht mal unsere Social Media Kanäle ausgetauscht oder so, doch heute hat er mich angeschrieben. Reagiere ich über, wenn ich sage, dass ich das ohne Ende gruselig finde?"

Nein, Lyndahx, du reagierst nicht über! Denn die Sache ist mehr als unheimlich. Vor allem, wenn man solche Gesprächsfetzen zu lesen bekommt: "Ich habe dich auf Insta gesucht und weil du Leuten folgst, die ich kenne, habe ich nach dir gefragt" . Er weigert sich dann im Laufe des Gesprächs zu sagen, woher er die Nummer wirklich hat. Tatsächlich will er die Info nur rausrücken, wenn sie mit ihm ausgeht: "Wenn du wissen willst, woher ich die Nummer habe, dann ist das die Bedingung, nimm es oder lass es."

Lyndahx schlägt sich während dem Chatverlauf sehr souverän. Sie macht den Typen immer wieder darauf aufmerksam, dass seine Herangehensweise mehr als komisch und fragwürdig ist. Daraufhin reagiert er scheinbar verärgert oder zumindest verwirrt: "Warum bist du jetzt so komisch? Ich will dich doch nur kennenlernen" Abschließend konfrontiert sie ihn sogar mit dem auf die Situation zutreffenden Begriff: Stalker-ish. Daraufhin keine Nachricht mehr.

"Ich habe deine Nummer von deinen Freunden bekommen..."

Dass ihr Posting binnen kürzester Zeit viral ging, ist nicht verwunderlich, denn diese Thematik schlägt gerade in die Kerbe einer brandaktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Die wurde von der Netflix-Serie "You – Du wirst mich lieben" ausgelöst, wo es um einen Stalker und seine Angebetete geht. Die Serie hinterfragt gewissermaßen unsere Vorstellung von Romantik. Denn vergleicht man Märchen, Sagen und moderne Liebesfilme, haben sie häufig eins gemeinsam: Der starke Mann kämpft um die schwache Frau, egal, ob sie einverstanden ist oder nicht.

So machen männliche Serien- oder Filmcharaktere in romantischen Komödien oft extreme Dinge, um ihre Partnerin (oder Angebetete) für sich zu gewinnen. Sie fahren nachts zum Haus und spielen laut Musik, sie warten vor dem Arbeitsplatz oder bewegen Freunde dazu, sich für sie einzusetzen. Da es fast immer so rüberkommt, als wäre die Anstrengung genau das, was das Herz der Angebeteten erweichen lässt, kann man diese Aktionen getrost als "romantisch" verkaufen. Obwohl sie eigentlich recht creepy sind.

Und so wird gerade nicht nur in den Online- und klassischen Medien die Bedeutung von Romantik hinterfragt, sondern auch in den sozialen Medien. Bestes Beispiel eine Twitter-Diskussion von Oktober 2018:

Obwohl sich in den Kommentaren laute Zweifel breit machten, dass die Geschichte vielleicht gar nicht echt ist, betonten viele UserInnen wie romantisch diese Aktion nicht sei und wünschen dem Betreffenden Glück. Andere wiederum versuchen dem Poster klar zu machen, wie schlecht diese Idee ist: "Hm das klingt auf der einen Seite cool, auf der anderen Seite etwas merkwürdig, dass du sie ohne ihr Wissen beobachtest und auf ihr Handy schaust..." oder "Wenn das ein Typ bei mir machen würde, würde ich rennen. Das ist übergriffig, weil du sie ganz offensichtlich seit mehreren Tagen/Wochen beobachten (sic!)"

Dass sich die UserInnen trauen, Klartext zu reden und ein solches Verhalten zu verurteilen, ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Denn Stalking, also das willentliche Verfolgen einer Person, ist nicht romantisch. Es ist kein gleichgestellter Dialog zweier Menschen, die sich vielleicht interessant finden könnten. Vielmehr überschreitet dabei ein Mensch die Grenze des anderen, ohne Empathie und Verständnis für Privatsphäre.

Themen: Report, Sexismus