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Was passiert bei einer Stammzellenspende und wie kann ich Spenderin werden?

Bei der Stammzellenspende handelt es sich vorrangig um eine Blutspende und ein Wattestäbchen reicht, um sich registrieren zu lassen. Wir haben alle Mythen geklärt.

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Was passiert bei einer Stammzellenspende und wie kann ich Spenderin werden?
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Die Kolleginnen gruselt es, als ich das Thema "Stammzellenspende" vorschlage. Wirbelsäulenoperation, Entnahme des Knochenmarks, Risiken und Schmerzen kommen den meisten Menschen in den Sinn, wenn sie davon hören. Dass alleine schon die Stammzellen-Registrierung diese Gefühle in uns hervorruft, ist Anlass genug, um einige Mythen zu klären. Nur sehr selten wird Knochenmark gespendet. In den meisten Fällen wird Blut abgenommen und gespendet – und das kann Leben retten. Zum Beispiel von Personen, die an Leukämie (Blutkrebs) erkrankt sind. Doch BEVOR man überhaupt spenden kann, ist es notwendig, sich registrieren zu lassen.

Registrieren kann man sich bereits via Blutabnahme oder Wangenabstrich, wobei Letzteres die gängigere Methode für die Registrierung ist. Falls man als Spender oder Spenderin in Frage kommt, kann man noch immer entscheiden, ob man sein Blut oder – wie in seltenen Fällen – das Knochenmark spenden will. Für 20 Prozent aller an Leukämie erkrankten Personen in Österreich gibt es keine Stammzellen-Spenderinnen und Spender. Um die gängigsten Fragen zur Stammzellenspende zu klären, haben wir mit Prim. Univ. Prof. Dr. Christian Sebesta, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung im SMZ-Ost, gesprochen.

Wie läuft eine Stammzellen-Registrierung ab?

Die Gewebetypisierung wird mittels Bluttest oder Wangenabstrich ermittelt. Dazu besucht man eines der vielen Spenderzentren in Österreich. Dort wird man über Zweck, Durchführung und Risiken der Stammzellenspende umfassend informiert und auch die Spendentauglichkeit wird vor Ort abgeklärt. Nach der Registrierung werden die Daten in das Österreichische Stammzellregister in anonymisierter Form aufgenommen. Die Daten stehen nun weltweit für Suchanfragen zur Verfügung. Ab dann kann man benachrichtigt werden, wenn man als Spenderin oder Spender in Frage kommt. Selbstverständlich kann man aber - ohne Angabe von Gründen - jederzeit von der geplanten Spende zurücktreten. Falls sich jemand entschließt, sich als SpenderIn registrieren zu lassen, genügt die telefonische Kontaktaufnahme mit dem Spendenzentrum. "In einigen Ländern gibt es bereits Test-Kits für zu Hause. In Österreich noch nicht", so Dr. Sebesta.

Wer darf Stammzellen spenden bzw. welche Bedingungen müssen erfüllt werden?

Die Personen, die sich registrieren lassen, sollten weder massiv unter- noch übergewichtig sein, so Sebesta. "Ein gesundes Gewicht bzw. leichtes Übergewicht ist perfekt." Potenzielle Spenderinnen sollten zwischen 18 und 50 Jahren sein. "Die Einnahme von Medikamenten, die das blutbildende System nicht schädigen, wie zum Beispiel gegen erhöhten Blutdruck sind kein Problem", erklärt Sebesta. Auch die Anti-Baby-Pille sei kein Ausschlussgrund für die Registrierung. "Alle Medikamente, die auf das Knochenmark keinen Einfluss haben, sind grundsätzlich kein Hindernis." Verwandte der erkrankten Person, aber auch völlig fremde Menschen, können als Spender oder Spenderin geeignet sein. "Gerade deshalb ist es notwendig, dass sich so viele Personen wie möglich registrieren lassen", erklärt Dr. Sebesta. Wenn der Wunsch, auf diese Weise etwas Sinnvolles zu tun konkret wird, kann man sich alle nötigen Informationen jederzeit in den Spendenzentren beschaffen, oder einen Online-Termin vereinbaren.
Potenzielle Spenderinnen und Spender sind sehr willkommen und werden gerne über alle Details aufgeklärt.

Stammzellenspende

Wie läuft die Stammzellen-Spende ab?

Es gibt drei Vorgehensweisen, wie ihr eure Stammzellen spenden könnt: Via Blut, Knochenmark oder Nabelschnurblut. Letzteres geht natürlich nur, wenn ihr vor einer Geburt steht. Die periphere Stammzellenspende – also die Blutspende – ist die am häufigsten durchgeführte Spende.
Periphere Stammzellenspende (Blutspende): Fünf Tage vor der Blutspende, bekommt der oder die SpenderIn ein Medikament, das die Blutstammzellen vermehrt. Das Blut wird dann ambulant entnommen. Das dauert ca. fünf bis sechs Stunden. Das Blut wird durch eine spezielle Maschine geleitet, die die Stammzellen herausfiltert. Das dauere zwar einige Stunden, erklärt Sebesta, findet aber in einer angenehmen Atmosphäre statt und sei völlig ungefährlich. Die Stammzellenspende wird anschließend für die Transplantation aufbereitet. Der oder die Spenderin darf gleich nach der Blutabnahme nach Hause.
Etwas aufwändiger ist eine Knochenmarkspende: Die Knochenmarkspende wird sehr selten durchgeführt, da sie nur für eine bestimmte Form von Blutkrankheit, die "Aplastische Anämie" hilfreich und oft lebensrettend ist. Der oder die Spenderin wird dazu stationär im Krankenhaus aufgenommen. In Vollnarkose wird mittels Punktion das Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen. Der Vorgang, bei dem ca. 1,5 Liter Knochenmark entnommen werden, dauert ungefähr eine Stunde. Der oder die Spenderin kann das Krankenhaus in den meisten Fällen am nächsten Tag verlassen.
Eine spezielle Situation ist die Gewinnung von Blutstammzellen aus der Nabelschnur: Nach der Abnabelung des Babys, werden die in der Plazenta verbliebenen Stammzellen über das Nabelschnurblut gewonnen. Schwangere sollten sich früh genug melden, wenn sie Stammzellen spenden möchten.

»"Das Knochenmark wird aus dem Beckenknochen entnommen. Knochenmark ist etwas völlig anderes als Rückenmark, womit es aber oft verwechselt wird."«

Hat man bei einer Stammzellenspende Schmerzen?

Bei einer Knochenmarkspende ist man unter Vollnarkose. Danach sind leichte Blutergüsse im Bereich des Einstichs möglich. "Grundsätzlich bestehen keine Risiken bei einer Knochenmarkspende. Die Entnahme des Knochenmarks kann eine Spur schmerzhaft sein. Lediglich die Narkose birgt ein gewisses, aber heute sehr geringes Risiko", so Dr. Sebesta. Auch die möglichen Nachwirkungen sind unbedeutend, wirkliche Probleme treten in spezialisierten Zentren fast nie aus. "Im Vergleich zu dem Nutzen, den die Knochenmarkspende bringt, sind die Risiken akzeptabel und sehr überschaubar", so Dr. Sebesta. Bei der Stammzellspende gibt es einige Nebenwirkungen, die das Stammzellen anregende Medikament betrifft. Es kann vorkommen, dass man einige Tage mit grippeähnlichen Symptomen zu kämpfen hat. Nach der Stammzellen-Spende sind jährliche Blutuntersuchungen sinnvoll und werden routinemäßig ambulant durchgeführt. Sie stellen einen Vorteil und keine Belastung für die Spenderin und den Spender dar.

Wann bedarf eine Patientin oder ein Patient einer Knochenmarkspende?

"Die Knochenmarkspende kommt nur sehr selten in Frage. Für eine spezielle schwere und unbehandelt Tödliche Erkrankung kann sie aber die Rettung sein. Bei der aplastischen Anämie ist das Knochenmark des Erkrankten so schwer geschädigt, dass Transplantation des gesamten Knochenmarks eines Spenders notwendig sein kann und bessere Ergebnisse, als eine Stammzelltransplantation erbringt", so Dr. Sebesta.
Das Ziel für jede Indikation ist es, so viele potenzielle Spenderinnen und Spender wie möglich zu rekrutieren. "Die sensiblen Testmethoden erlauben es, eine Abstoßung der Stammzellen weitestgehend zu vermeiden. Je mehr Personen sich registrieren lassen und je größer diese Datenbank ist, desto größer ist die Chance für den einzelnen Erkrankten tatsächlich einen passenden Spender zu finden. Für 20 Prozent der Erkrankten finden wir leider derzeit keinen passenden Spender." Die Rate der erfolgreichen Transplantationen könnte noch weiter erhöht und die Spendersuche könnte verkürzt werden, wenn sich mehr Menschen dazu entschließen würden, sich registrieren zu lassen, so Dr. Sebesta.

»Es gibt Formen von Blutkrebs, die ohne die Stammzellen eines gesunden Spenders nicht geheilt werden können. «

Welche Krankheiten können durch eine Stammzellenspende geheilt werden?

Stammzellenspenden werden vor allen Dingen bei Personen mit Leukämie eingesetzt. Manche Leukämie-Formen können ohne Stammzellen-Therapie nicht erfolgreich behandelt werden, so Dr. Sebesta. Man unterscheidet zwischen allogener und autologer Stammzelltransplantation.
"Bei der autologen Stammzellen-Therapie erhält der oder die PatientIn die eigenen, aufbereiteten Stammzellen. Bei der allogenen benötigt man einen Spender oder eine Spenderin", so Dr. Sebesta. Bei der autologen Therapie werden die eigenen Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert, auch wenn der Patient oder die Patientin krank ist. "Die Stammzellen werden konserviert. Danach erhält der oder die PatientIn eine hochdosierte Chemotherapie, sodass alle bösartigen Zellen eliminiert sind. Die Chemotherapie zerstört alle Leukämiezellen, aber leider auch die gesunden blutbildenden Zellen im Knochenmark. Wenn der oder die PatientIn dann kein funktionierendes Knochenmark mehr hat, gleichzeitig aber tumorfrei ist, erhält er oder sie die eigenen gesunden Stammzellen zurück. Das Knochenmark bildet die lebensnotwendigen roten und weißen Blutkörperchen und die für die Blutgerinnung notwendigen Blutplättchen. Weil auf diese Weise der Tod verhindert wird, sprechen wir von Stammzell-rescue.
Allerdings gibt es auch spezielle Formen (Indikationen) von Leukämie, wo FremdspenderInnen gebraucht werden. Das sind genau jene Menschen, die im SpenderInnen-Register erfasst werden."

Lernt man die Person kennen, der man die Stammzellen gespendet hat?

Die Registrierung und die Stammzellenspende verläuft in Österreich anonymsiert. "Dass die Spenderinnen und Spender die Person kennenlernen, der sie die Stammzellen gespendet haben, ist nicht vorgesehen", so Dr. Sebesta.

»"Mit ganz wenig Aufwand und praktisch ohne ein nennenswertes Risiko kann jede Frau und jeder Mann im richtigen Alter und unter den oben genannten Voraussetzungen zu einem Lebensretter werden."«

Warum informieren die Hausärzte- und Ärztinnen nicht über die Stammzellenspende?

"Prinzipiell könnten sie das", sagt Dr. Sebesta. "Die Meldung der Stammzellen-SpenderInnen erfolgt natürlich individuell und auf Wunsch des Betreffenden. Es gibt zahlreiche sinnvolle Aufklärungsinitiativen und gute Öffentlichkeitsarbeit. Auch im Internet gibt es seriöse Seiten, etwa der Medizin- Unis, mit sachlicher und umfassender Information. Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich für eine Stammzellenspende zu motivieren und die Sinnhaftigkeit zu vermitteln. Das Register kann aus unserer Sicht gar nicht groß genug sein. Wir sind sehr glücklich über jeden, der sich testen lässt, denn jeder von uns kann von einer Krankheit betroffen sein, die nur auf diesem Weg heilbar ist."

Wie viele Personen lassen sich pro Jahr in Österreich für eine Stammzelle registrieren?

In Österreich ließen sich im Jahr 2015 nur 2.000 Personen registrieren. Im Jahr 2017 waren in Österreich insgesamt rund 67.200 Stammzellen-Spenderinnen und Spender eingetragen.

Hier findet ihr weitere Infos zu den Spendenzentren: Spendenzentren in Österreich