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Starautor Arno Geiger im WOMAN-Interview über seinen Vater, sein neues Buch & Co.

Arno Geiger: Das neue Buch des Starautors ist sehr persönlich. In "Der alte König in seinem Exil" beschreibt er Leben und Demenzkrankheit seines Vaters.


Starautor Arno Geiger im WOMAN-Interview über seinen Vater, sein neues Buch & Co.
© APA/Helmut Fohringer

Der Vorarlberger Autor ist bekannt für seine Familienromane wie "Es geht uns gut". In seinem neuen Buch schildert Arno Geiger, 42, ein Problem, das immer mehr Menschen betrifft – und gibt Lösungsansätze ...

Woman: Immer mehr Menschen erkranken an Demenz. Wollten Sie mit Ihrem Buch das Tabu brechen dass darüber geschwiegen wird?

Geiger: Früher war das ein Tabu, da hieß es: „Der ist verkalkt oder senil.“ Ich glaube, die Menschen wurden versteckt, weil sich die Angehörigen schämten.

Woman: Ihr Vater lebt mit Demenz seit über zehn Jahren.

Geiger: Zum Glück. Und ich hoffe, er bleibt uns noch lange erhalten. Ich wollte das Buch zu seinen Lebzeiten schreiben, das Ende sollte offen bleiben.

Woman: Es ist ein sehr persönliches Buch, glauben Sie, Ihr Vater wäre damit einverstanden?

Geiger: Ich wollte meinen Vater nicht nur in einer Lebenssituation schildern, in der er den dritten Socken sucht, sondern die vielfältige Person zeigen, die ein langes Leben hatte. Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich Grund zur Annahme gehabt hätte, er würde es nicht wollen.

Woman: Sind Sie als Angehöriger nicht selber verzweifelt an
dem Verlust seiner Erinnerung?

Geiger: Die Anfänge waren schrecklich. Wir, meine Mutter und drei Geschwister, versuchten eine Art zu finden, mit dieser schrecklichen Krankheit so umzugehen, dass wir daran nicht verzweifeln: Wir leisteten
Widerstand.

Woman: Indem Sie sich in das Denken Ihres Vaters hineinfühlen?

Geiger: Nein, indem wir alle versuchen, dieser Katastrophe auch
Glücksmomente abzutrotzen.

Woman: Zu lachen?

Geiger: Ja, aber auch, dem Vater die Unruhe zu nehmen, dass er
ein Gefühl von Sicherheit bekommt. Und dass man dann auch im einen oder anderen Moment lacht, entspannt und glücklich ist. Das ist das Maximale, was man herausschlagen kann.

Woman: Fühlen Sie sich nicht oft auch schuldig?

Geiger: Ja, weil man immer das Gefühl hat, man tut zu wenig. Ich empfinde auch heute: Erschöpfung, unglaubliche Trauer und Wut. Aber dann wieder plötzlich: ein Gespräch mit dem Vater, das so substanziell ist und bei dem man spürt, er hat mir noch was zu sagen.

Woman: Die Ausweglosigkeit macht hilflos?

Geiger: Das kommt in Wellen und ich empfinde das auch heute noch: Erschöpfung, unglaubliche Trauer und Wut. Aber dann plötzlich ein Gespräch mit dem Vater das so substantiell ist und man spürt, er hat mir noch was zu sagen. Klar, ich klammere mich halt dann an diese Dinge, die wertvoll sind.

Woman: Ein Trost!

Geiger: Man hat einen lebendigen Menschen vor sich, der halt sein Gedächtnis verloren hat, also man kann die Hoffnung eigentlich nicht aufgeben.

Woman: Woman: Erkennt Sie Ihr Vater?

Geiger: Er weiß ganz genau, dass ich ihm eine sehr nahe Person bin, aber meistens hält er mich für seinen Bruder, was aber für mich keinen Unterschied macht. Ob jetzt Sohn oder Bruder, Hauptsache, Familie.

Woman: Denken Sie manchmal: „Das könnte mir auch passieren“?

Geiger: Nein, Panik habe ich keine. Es ist so, dass ich es mir nicht wünsche und dass ich hoffe, dass mir das erspart bleibt, und zwar bitte, bitte, bitte.

Woman: Aber denken Sie nicht, wozu, wenn es keine Heilung gibt?

Geiger: Doch, das habe ich mich auch 1.000-mal gefragt, und auch mit diesen Fragen lässt man ein bisschen Dampf ab. Weil es nicht nachvollziehbar ist: Warum ist die Welt so eingerichtet? Entweder ich leiste Widerstand, oder ich gehe unter.

Woman: Wann haben Sie mit dem Buch angefangen?

Geiger: 2004 habe ich gespürt, da passiert etwas unglaublich wichtiges mit uns und ich möchte davon erzählen. Es ist eigentlich undenkbar, nicht davon zu erzählen. Und mir war auch klar, dass die Demenz des Vaters das eine ist, was Dinge sichtbar macht, also dass da eine Dynamik reinkommt und ich würde auch sagen, dass es vor allem ein Buch über das Leben ist. Als ich das Buch vor einem Jahr geschrieben habe, war ich genau halb so alt wie mein Vater, ich 42 und er 84, und ich fand, das war jetzt der richtige Zeitpunkt so irgendwie eine Bilanz zu ziehen.

Woman: Halten Sie es für ein Schicksal, was Ihre Familie da durchlebt?

Geiger: Es ist insofern ein Schicksal, als dass es die einen trifft und die anderen nicht. Also es gibt schon so was wie Schicksal, man kann es auch Zufall nennen.

Woman: Hatten Sie jemals das Gefühl eines schlechten Gewissens?

Geiger: Ich habe unglaublich oft ein schlechtes Gewissen. Man möchte ja alles richtig machen und man kann nicht alles richtig machen und man kann auch nicht das eigene Leben aufgeben, das bringt nichts. Und gleichzeitig: Was sitzt du hier, warum bist du nicht bei deinem Vater. Ich habe sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich viel profitiert habe in den vergangenen Jahren, von den Erfahrungen, die ich gemacht habe, dadurch dass mein Vater dieses ungnädige Schicksal aufgebürdet bekommen hat. Aber ich weiß natürlich auch, dass ihm das gefallen würde. Er ist mein Vater, er bringt mir was bei.

Woman: Sie schreiben über den schönen Dialog, „Was ist wichtig“., Waren Sie gerührt?

Geiger: Ja, das kommt von tief drinnen, dass er das sagt. Er ist ein freundlicher Mensch, er ist auch ein sehr großzügiger Mensch. Also wenn er sagt eben „Ich wünsche dir vieles, vieles und jedenfalls mehr, als ich habe“.

Woman: Worauf kommt es wirklich an im Leben?

Geiger: In diesem Zusammenhang ist mir wichtig, das Gefühl der Reue vom Hals zu halten. Ich werde immer zurückschauen und Reue empfinden, das ist klar, aber ich möchte es mir so gut wie möglich ersparen.

MEHR zu Arno Geiger finden Sie in WOMAN 03/2011!

Redaktion: Andrea Braunsteiner