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Stillen oder nicht stillen? Was für eine Frage!

Stillen ist das Beste fürs Kind. Weiß auch Mamabloggerin Sybille. Trotzdem fühlte sie sich zeitweise zur Melkmaschine degradiert. Müssen wir das Stillen lieben?

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Stillen oder nicht stillen? Was für eine Frage!
© iStockphoto

Obwohl ich mit einer Privatversicherung gesegnet bin, mein Frauenarzt bei der Geburt dabei war und ich die Tage danach gemeinsam mit meinem Mann und dem kleinen Schreihals im Familienzimmer verbringen durfte, empfand ich die Tage mit einem Neugeborenen im Krankenhaus nicht gerade als die schönste Zeit meines Lebens.

Gott möge mir meine dreiste Undankbarkeit verzeihen, aber ein Billigdruck von Kik und ein Clever-Sekt aus dem Plastikglas unmittelbar nach der Geburt machen aus einem normalen Krankenzimmer noch lange nicht das Hilton!

Da mir Freundinnen glaubhaft versichert haben, dass in öffentlichen Krankenhäusern alles noch viel schlimmer ist, würden mich wohl einige Frauen wegen dieser Aussage am liebsten steinigen. Aber im Ernst: Lustig ist das nicht, wenn die Stillberaterin (wer hat als Kind übrigens den Wunsch, später mal Stillberaterin zu werden, rutscht man da rein?!) samt rehäugiger Assistentin beinahe stündlich dein „Reich“ aufsucht, dir ungefragt die Bluse aufreißt und an deinem Busen herumrubbelt. Mit einem fröhlichen „So, jetzt wird gestillt!“ wurde da eifrig ans Werk gegangen und ich quasi zur Melkmaschine degradiert.

»Und dann wurde ich zur Melkmaschine degradiert«

Kaum war ich nach der Geburt halbwegs aus dem Delirium erwacht, kamen die Abgesandten der internationalen Stillliga (nicht lachen, diese Terrorvereinigung gibt es wirklich!) mit ihrem Pleasantville-Lächeln in unser Familienzimmer geschwebt und „überzeugten“ mich sanft davon (wenn nötig hätten sie mich dafür wahrscheinlich auch sediert), dass Stillen das überhaupt Wichtigste in unser aller Leben ist, quasi der heilige Gral aller existierender Existenzen.

NATÜRLICH hätte man völlig freie Wahl und könne sich auch entscheiden, nicht zu ... nein, das wollen wir jetzt gar nicht laut aussprechen! Will man nicht stillen, muss man wirklich einige Killerargumente wie .„Wir haben alles versucht, aber die Brustwarzen waren zu entzündet!“ oder „Das Kind hat eine Saugdemenz!“ parat haben, denn einfach zu sagen, dass man das nicht möchte, gilt nicht.

Als frischgebackene Mutter ist man erschöpft – und soll trotzdem alle 3 Stunden zum Stillen antreten

Da es bei uns mit dem Stillen mehr oder weniger klappte, begann für uns jetzt der ganz normale Busen-Wahnsinn. Die ersten drei Monate gab es für meine Tochter quasi nur drei Seinszustände: schlafen, von uns in stundenlanger Anstrengung gewippt werden oder schreien, und das in einem Verhältnis von ca. 7: 20 : 73.

Obwohl ich mich ernsthaft bemühte, mein sonniges Gemüt auf sie wirken zu lassen, heulte die kleine Kröte also mehr oder weniger von Geburt an durch. Und jedes Mal, wenn uns eine Schwester dabei „erwischte“, MUSSTE ich stillen. „Stillen nach Bedarf“ nennt man das – und in unserem Fall war dieser Bedarf quasi Tag und Nacht gegeben. Das führte dann auch dazu, dass meine Kleine in den ersten drei Wochen ausschließlich schlief, wenn sie dabei an meiner Brust nuckeln konnte, im Prinzip war ich also ihr menschlicher Schnuller.

Rückblickend ist das natürlich der reinste Wahnsinn, aber wie soll man es als frischgebackene Mutter besser wissen? Und wie soll man keine Wochenbettdepression bekommen, wenn man nicht mal mehr Herr über sich und seinen eigenen Busen ist?? Nicht nur, dass sich plötzlich jeder bemüßigt fühlt, dir mehrmals täglich in alle Körperluken zu gucken, nein, auch dein Busen gehört ihnen plötzlich wie selbstverständlich!

Hinter vorgehaltener Hand flüsterte mir eine der wenigen verständnisvollen Krankenschwestern zu, dass zwar „im Allgemeinen“ kein Busen zu klein zum Stillen sei, dass es aber trotzdem durchaus vorkommen konnte, dass die kleinen Vampire einfach nicht genug bekamen – selbst wenn man sich zum ersten Mal im Leben gerade wie Baywatch-Pam fühlte (eines der wenigen euphorischen Gefühle meiner Reise in die Gynäkologie). In so einem Fall sollte man dann einfach zuhause ein kleines Fläschchen zufüttern, damit der kleine Mensch in der Nacht auch länger schlafen konnte. Ich, die Ungeduld in Person, wollte natürlich nicht bis Zuhause warten – ich wollte Ruhe und zwar sofort!

In einer besonders schlimmen Nacht erdreistete ich mich also, eine der Schwestern nach einem Fläschchen zu fragen. Sie sah mich nur mitleidig an und meinte pikiert: „Jetzt gehen Sie mal eine halbe Stunde auf Ihr Zimmer und überlegen sich, ob Sie das wirklich brauchen. Wenn Sie dann immer noch das Gefühl haben, dann mache ich Ihnen selbstverständlich eines.“ Damals war ich natürlich sofort vom schlechten Gewissen eingeschüchtert, im Nachhinein würde ich der Schwester aber gerne mal die Meinung geigen.

»Mein Busen gehört mir, ich erkläre ihn zum Sperrgebiet!«


Wenn wir schon gerade dabei sind: Ich finde es Schwachsinn, eine Mutter, die wahrscheinlich gerade das Schlimmste überstanden hat, das sie je in ihrem Leben erlebt hat, nicht und nicht schlafen zu lassen, weil ständiges Stillen und Bonding rund um die Uhr ja so unsagbar wichtig sind. Immerhin kommt es nicht von ungefähr, dass Schlafentzug eine international anerkannte Foltermethode ist! Warum um alles in der Welt lasst ihr hypermodernen Experten uns völlig erschöpfte Frauen nicht ein einziges Mal einfach ausschlafen, damit wir wieder Kraft haben für diese unglaublich herausfordernden Aufgaben, die da auf uns zukommen? Ist nicht nach einer einzigen letzten ruhigen Nacht immer noch genügend Zeit, rund um die Uhr für das Kind da zu sein, für den Rest seines Lebens?

Aber zurück zum Stillen: Besonders in Erinnerung ist mir auch mein Kinderarzt geblieben, der doch tatsächlich meinte, dass Stillen quasi die Hermès-Tasche der Post-Sex-and-the-City-Mütter sei. Nur die Elite der Frauenwelt stille bis das Kind etwa zwei Jahre alt sei. Obwohl mich der Doc im schicken Abercrombie-Hemd damit fast gefangen hätte, fiel mir gerade noch rechtzeitig die Tochter unseres Bäckers ein. Obwohl sie ihren Sohn gestillt hatte, bis er in die Volksschule kam, war sie wahrlich weit entfernt von elitärem Chic – und mit der Erinnerung an die liebe Frau schrieb ich auch den verlockenden Gedanken des Perma-Stillens ab. Man muss ja auch nicht jedem Trend folgen.

Man möge mich nicht falsch verstehen: Das Stillen war für mich – wenn meine Tochter und ich mal zwischendurch damit allein waren – auch ein schönes Erlebnis. Etwas eigentümlich vielleicht, aber trotzdem ein sehr intimer Moment zwischen uns beiden. Oder auch zwischen uns dreien, wie damals an Silvester, als ich es mir nicht nehmen lassen wollte, das Festessen, das mein Mann gekocht hatte, auch zu genießen und deswegen mitten am Tisch stillte, während ich mich mit Bratkartoffeln vollstopfte – zugegeben nicht gerade eine meiner ästhetischen Sternstunden…

Nichtsdestotrotz: Mein Busen gehört mir (und wenn ich das will, dann höchstens noch meinem Kind) und sonst keinem. Für andere ist das Sperrgebiet – und da lasse ich mir nächstes Mal eine einstweilige Verfügung drauf ausstellen!

Über die Autorin: Sybille Maier-Ginther ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Susanne Holzer schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog „Hand aufs Herz“ darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf Facebook.com/handaufsherzblog.

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