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Streitpunkt: Beschneidung

Sein bestes Stück ist ihm heilig! Werden davon auch nur wenige Millimeter entfernt, beginnt der Streit um den Penis. Für die einen ist es religiöse Tradition, für die anderen ein hochtraumatischer Einschnitt. In WOMAN sagen beschnittene und unbeschnittene Männer, wie es um ihre Angst ums eigene Gemächt steht.


Streitpunkt: Beschneidung
© Erich Reismann

Robert Hartinger, Moderator, 36 (siehe Bild oben).

"Ein beschnittener Penis ist schöner und hygienischer – und ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch viele Frauen das so sehen. Ob man beim Sex länger kann, wie es häufig angenommen wird, weiß ich nicht: Ich stoppe weder bei mir noch bei meinen unbeschnittenen Freunden mit. Somit habe ich keinen Vergleich. Was ich aber sagen kann: Ich bin durch meine Beschneidung definitiv kein Marathonmann im Bett. Ich wurde schon als Zweijähriger operiert, weil ich eine Vorhautverengung hatte. Erst als ich später im Bubeninternat war, habe ich festgestellt, dass es bei meinen Schulkollegen da unten anders aussieht. Ich wurde deshalb aber nie gehänselt, und mir war es auch vollkommen egal. Wenn ich allerdings einmal einen Sohn haben sollte, würde ich einer Beschneidung nur dann zustimmen, wenn es notwendig ist. Denn mit einem medizinischen Eingriff ist schließlich immer ein gewisses Risiko verbunden. Ob ein Gesetz gegen rituelle Beschneidungen sinnvoll ist, kann ich nicht sagen, nachdem ich mich mit der Thematik nicht im Detail auseinandergesetzt habe. Wovon ich aber überzeugt bin: Welcher Standpunkt auch immer – man sollte seine Meinung nicht zu radikal vertreten!"

Mario Lackner, Sexualpädagoge, 33.

"Beschneidung ist nicht gleich Beschneidung! Manchmal ist die Entfernung der Vorhaut medizinisch notwendig. Für mich persönlich wäre eine Phimose der einzige Grund, einer Beschneidung zuzustimmen. Rituelle Beschneidungen an Kleinkindern sind für mich hingegen ein Eingriff in das Menschenrecht und ein körperlicher wie psychischer Gewaltakt. Der beschnittene Penis erinnert einen dann bis ans Lebensende dar an, dass andere über einen bestimmt haben. Gleichzeitig ist es für Muslime und Juden aber ein klares Bekenntnis zu Gott. Ich bin dafür, dass wir Genitalverletzungen durch symbolische Akte ersetzen, wo beispielsweise ein Ritzer in die Vorhaut gemacht wird. Das wäre eine intelligente Lösung, unter der weder Religionsfreiheit, Rituale noch Tradition leiden würden und mit der das Recht auf Körperunversehrtheit bewahrt werden könnte."

Michael Wieser, Touristiker, 37.

"Ich habe viele jüdische Freunde, mit denen ich mich gelegentlich über das Thema unterhalte. Im Judentum sind Beschneidungen eine jahrtausendealte Tradition, durch die man sich seines Glaubens bewusster werden soll. Das Ganze hat zudem einen weiteren Vorteil: Ein beschnittener Penis ist hygienischer! Ich persönlich würde mich aber nur dann unters Messer legen, wenn eine Vorhautentfernung notwendig wäre, ich konvertieren würde oder meine Partnerin sich einen beschnittenen Penis wünscht. Allerdings sollte eine Beschneidung erst in einem entscheidungsfähigen Alter durchgeführt werden – damit fielen moralische Bedenken weg. Eine gesetzliche Regelung, die Beschneidungen verbietet, finde ich nicht gut. Ich bin für Religionsfreiheit. Es geht doch vielmehr darum, Toleranz im Alltag zu leben!"

Cahit Kaya, Grafiker, 33.

Meine Beschneidung hat in einem Vorarlberger Krankenhaus stattgefunden. Ich wurde dort abgeliefert, ohne zu wissen, was mich erwartet. Bis heute kann ich mich an den Schmerz nach der Beschneidung erinnern! Die schlimmste Erfahrung war aber, dass ich als Volksschulkind nicht verstanden habe, was da mit mir passiert. Mein Sexleben hat darunter nicht gelitten, aber meine Psyche. Wegen dieses Kindheitstraumas habe ich noch immer Schlafstörungen. Ein Mitgrund, warum ich mit dem Islam schon in meiner Jugend abgeschlossen habe. 2010 bin ich auch formal ausgetreten und setze mich seitdem für eine gesetzliche Regelung der Beschneidung ein! Das Mindestalter sollte nicht unter 16 Jahren liegen, wie bei Schönheits-OPs. Wird eine Beschneidung früher durchgeführt, ist es eine Vergewaltigung des kindlichen Verstandes."

Gökhan Tonguc, selbstständig, 32.

"Als ich acht war, sind meine Familie und ich für meine Beschneidung in die Türkei geflogen. Natürlich war auch ein wenig Angst dabei, aber ich hatte einen großen Bruder, der bereits beschnitten war, und er hat mir gut zugeredet. Vom Ablauf her ist es eine große Zeremonie mit Musik, Essen und Geschenken. Der Narkosestich in den Penis tat zwar etwas weh, danach hab ich aber nichts mehr gespürt. Muslime werden von klein auf auf diesen Schritt zum Mannsein vorbereitet. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich dazu gezwungen wurde, und habe mit meiner Beschneidung keine Probleme – weder körperlich noch psychisch. Die heftigen Debatten darüber
finde ich absurd. Ich bin gegen eine gesetzliche Regelung – jeder soll leben, wie er es für richtig hält."

Redaktion: Katharina Domiter, Petra Mühr