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Macht Stress uns glücklich und schlank?

Kein Mensch empfiehlt: Mehr Stress! Und trotzdem sind viele regelrecht süchtig danach. Gut so, denn Stress macht nicht dick, sondern schlank. Nicht gereizt, sondern tiefenentspannt. Autor Urs Willmann erklärt, wie man die positive Kraft von Stress bewusst nutzt!

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Stress macht glücklich und schlank

Wer Stress positiv nutzt, kann mehr erreichen!

© istockphoto.com

Für die meisten von uns ist Stress etwas Schlechtes, etwas, das man zu vermeiden versucht. Doch warum eigentlich? Neurowissenschaftler konnten herausfinden, dass uns Stress zu Spitzenleistungen antreibt. Ärzte, Leistungssportler, Spitzenköche... sie alle brauchen den Stress, um erfolgreich und glücklich zu sein. Dies konnte auch Wissenschaftsredakteur Urs Willmann in Gesprächen mit Hirnforschern und Ärzten, durch Tests im Stresslabor und am eigenen Leib erfahren. Er weiß nun: Stress ist ein unverzichtbares Lebensmittel. Der 51-jährige recherchiert seit Jahren zum Thema "Stress" und versucht mit seinem neuen Buch unsere Sichtweise auf Stress radikal zu verändern. Er selbst sagt von sich, er sei ein Energie-Junkie, der extreme sportliche Herausforderungen sucht und gerne leidenschaftlich arbeitet. Wir haben mit dem Journalisten, der seit 17 Jahren für die Wochenzeitung "Die Zeit" schreibt, darüber gesprochen, wie man die positive Kraft von Stress nutzt, um nicht nur glücklich, sondern auch schlank zu werden!

WOMAN: Stress ist doch eigentlich etwas, das sich keiner wünscht. Sie sind da anderer Ansicht?
Willmann: Nicht nur ich bin anderer Ansicht. Wir alle lieben den Stress: Wir schauen uns Horrorfilme an, gehen ins Fußballstadion und lesen schwedische Krimis, in denen auf abscheulichste Art und Weise gemordet wird. Nervenkitzel oder Angstlust sind weit verbreitet – eine ganze Unterhaltungsindustrie baut auf diesem Verlangen auf. Was wir dank dieses Angebots erfahren, ist nichts anderes als Stress. Bestimmt haben Sie „Scream“ gesehen: Da ging Ihr Puls in die Höhe, Ihr Blutdruck, Sie hatten Angst … trotzdem sind Sie beglückt aus dem Kino gelaufen.

»Stress ist eine geniale Einrichtung der Natur, dazu gedacht, unsere Leistung und Aufmerksamkeit zu erhöhen.«

WOMAN: Trotzdem steigt die Zahl der Erkrankungen durch Stress... wie etwa Migräne, Übergewicht oder Burnouts. Was läuft hier schief?
Willmann: Eine reine Frage der Dosis. Stress ist eine geniale Einrichtung der Natur, dazu gedacht, unsere Leistung und Aufmerksamkeit zu erhöhen. Aber es ist ein Fehler, die Stressreaktion permanent aufrecht zu erhalten. Da gehen unsere Vorräte im Körper zur Neige. Ständig in Alarmbereitschaft sein, erschöpft uns: Wir bekommen Kopfschmerzen, nehmen uns keine Zeit für Sport und Erholung. Eine Überdosis Stress ist genauso ungesund wie eine Überdosis Wasser. Wir wissen, dass Wasser für uns lebensnotwendig ist – aber wir können ertrinken, wir können sogar sterben, wenn wir zuviel davon trinken, Wasser kann uns totschlagen… Daher rate ich zu Stress in vernünftigen Dosen, genauso wie beim Wasser: Täglich soviel, wie es Ihnen gut tut.

WOMAN: Viele Menschen hetzen beruflich von einem Termin zum nächsten und kommen abends und am Wochenende dann auch noch in einen Freizeitstress, weil sie 1000 Unternehmungen planen. Wieso entspannen diese Leute nicht lieber mal?
Willmann: Vermutlich würden sie viel lieber entspannen. Und das sollten sie auch tun. Der schlechteste Weg ist allerdings, sich auch in der Freizeit Dauerstress aufzuhalsen, indem man zuviel einplant. Entweder Sie schaffen ein Ausgleichsprogramm mit völliger Muße oder entspannen sich auf die effizienteste Art, die uns zur Verfügung steht: mit Auspowern. Da bekommen Sie zwar massiven körperlichen Stress, verbrauchen aber die tagsüber aufgestaute Energie. Das macht Sie herrlich müde. Als Folge davon zwingt der Körper Sie zur Ruhe. Freizeitstress kann also sehr gesund sein.

WOMAN: Wie unterscheidet sich guter Stress von schlechtem Stress? Können Sie Beispiele nennen?
Willmann: In der Dauer. Kurzzeitstress schadet nicht, auch dann nicht, wenn Sie sich über andere Verkehrsteilnehmer wahnsinnig aufregen oder Sie dem Chef unter Hochdruck etwas abliefern müssen. Sogar Todesangst kann harmlos sein – wenn sie am Ende die Achter- oder Geisterbahnfahrt unverletzt verlassen. Schlecht ist dagegen der Langzeitstress, den Sie zum Beispiel erfahren, wenn viele unerledigte Arbeiten Sie bis in die Nacht hinein verfolgen. Wenn Sie über Monate so unter Druck sind, dass Sie sich nicht ausruhen können. Den Kontrollverlust, den sie im Stress erleben, müssen Sie schon beizeiten wieder abstellen.

WOMAN: Was stresst Sie persönlich?
Willmann: Fußballspiele! An einem Tag, an dem der FC St. Pauli spielt, bin ich nervös und freue mich darauf, ins Stadion zu gehen. Da weiß ich: Mich erwarten 90 Minuten Aufregung, die mich mittelfristig schön beruhigen. Genießen kann ich auch den Stress, den ich beim Laufen erlebe.

WOMAN: Diese Art von Stress ist doch angenehm... Ich spreche von Stress, der Sie nervt!
Willmann: Ich bin kein guter Multitasker – ich will mich lieber auf eine Aufgabe konzentrieren. Gleichzeitig an andere Dinge zu denken oder viele andere Dinge parallel nebenbei erledigen zu müssen, empfinde ich als unangenehm. Auch eine Art von Stress.

Stress macht glücklich und schlank


WOMAN: Wie schafft man es nicht gleich vom guten Stress in den schlechten Stress zu kippen? Der Grad dazwischen muss doch schmal sein, oder?
Willmann: Je mehr man über die kurzzeitigen Stressattacken lernt, desto leichter fällt es einem, Stress wahrzunehmen – und eben gerade nicht in den schlechten Bereich zu geraten. Ich habe festgestellt, dass man Stress „lernen“ kann. Im Idealfall so, dass man durch Kurzzeitstress resistent gegen Langzeitstress wird: Nicht etwa nur, indem man mit körperlichem Stress Kreislauf und Immunsystem stärkt, sondern indem man lernt, wann einem die Stressreaktion nicht hilft – beim Abarbeiten lästigen Bürokrams etwa. Das Bewusstsein, dass die Stressreaktion einst gedacht war, um gegen Säbelzahntiger zu bestehen, hilft, ihn am Schreibtisch gar nicht zuzulassen – weil er da schlichtweg meist nichts nützt.

WOMAN: Gibt es denn eigentlich Menschen, die völlig stressresistent sind? Wenn ja, wie machen die das?
Willmann: Es gibt unterschiedlichste Formen von Resilienz. Beneidenswert sind die, die aufgrund ihrer Natur gar nicht in Stress geraten, wo der Stress ihnen nicht helfen kann. Die können sich gar nicht vorstellen, wegen einer Steuerklärung in Stress zu geraten. Und wenn sie im Verkehrsstau festsitzen, analysieren sie die Situation optimal rational und kommen zum Schluss: nix zu machen, folglich besteht auch kein Grund, den Blutdruck zu erhöhen. Andere haben zwar Stress, aber leben in einer Art und Weise, in der sie die während der Stressattacke bereitgestellte Energie und die Hormone umgehend wieder verbrauchen und abbauen. Menschen, die sich jeden Tag viel bewegen, haben fast nie Gesundheitsprobleme wegen ihrer Arbeitshektik.

WOMAN: Warum setzen sich manche Menschen ganz bewusst Stresssituationen aus? Ist denen so langweilig?
Willmann: In gewissem Sinn ja. Ohne Kick fehlt ihnen etwas. Das hängt damit zusammen, dass Stress unser Belohnungszentrum aktiviert. Die ausgeschütteten Hormone erzeugen ein Wohlgefühl. Läufer kennen das vom sogenannten Runner's High; und Kinder sind manchmal ganz aufgedreht und hibbelig vor lauter Versteckspielen (was in ihnen eine Stressreaktion ausgelöst hat). Solche Wohlgefühle wollen wir wiederholen – mit den gesündesten Drogen, die es gibt: Der eigene Körper beliefert uns mit Endorphinen und dem Kuschelhormon Oxytocin. Wie von anderen Drogen können wir auch von diesen abhängig werden. Daher der Ausdruck „Adrenalinjunkie“.

Urs Willmann - Stress macht schlank
Der Autor: Urs Willmann, seit 17 Jahren Wissenschaftsredakteur bei "Die Zeit", weiß wie man Stress positiv nutzt!

WOMAN: Wie konnten Sie herausfinden, dass Stress sogar ziemlich gut für uns ist?
Willmann: Ich fragte mich, warum die schönsten Arbeitstage jene sind, an denen richtig die Post abgeht. Warum wir glücklich tausend Tode im Kino sterben und in der Rückblende jene Fußballspiele als die besten betrachten, die lange auf der Kippe standen. Ich wollte wissen, was Spannung – das Wort Stress bedeutet ursprünglich nichts anderes – in uns auslöst. Also recherchierte ich und staunte über die Resultate, die ich zutage trug. Plötzlich ließ sich erklären, warum wir verrückt sind nach dem angeblich so bösen Stress, warum er uns antreibt – und dass er medizinisch betrachtet völlig unbedenklich ist, solange wir ihn richtig nutzen. Da wusste ich: Das könnte auch andere interessieren.

WOMAN: In Ihrem neuen Buch behaupten Sie sogar, dass Stress uns fit und schlank macht. Wie geht das?
Willmann: Ganz einfach, Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol bringen uns auf Trab. Der erhöhte Blutdurchfluss reinigt die Adern und schützt so vor Kreislauferkrankungen. Außerdem vergisst, wer gestresst ist, oft den Hunger. Deswegen sagt man zum Beispiel auch, dass Verliebte von der Liebe und der Luft leben. Denn in ihrem Stresszustand – Verliebte zeigen eine astreine Stressreaktion mit Herzklopfen und Bluthochdruck – denken sie zuallerletzt ans Essen. Noch effizienter reduzieren Sie Ihr Gewicht allerdings mit körperlichem Stress. Fitnesstrainer können einen richtig schön fertig machen – und die Muskeln wachsen einzig und allein durch diesen Stress: nach dem für sie traumatischen Stress baut die Muskelzelle beim Reparieren neue Eiweiße ein und vergrößert sich so. Auf diese Weise entstehen Muckis.

Stress macht glücklich und schlank

»Auch nützlich ist der Stress, wenn Sie jemanden in sich verliebt machen möchten.«

WOMAN: Haben Sie Tipps, wie man Stress im Alltag gewinnbringend nutzen kann?
Willmann: Ich nutze den Zeitmangel, in den ich hineingerate, um ab und zu zur U-Bahn zu sprinten. Nichts hasse ich mehr, als ein Bus, der mir vor der Nase davonfährt. Also sprinte ich, wenn ich ihn sehe. Solche kurzen Kicks fördern die Fitness enorm – eine Art High-Intensity-Training im Alltag. Auch nützlich ist der Stress, wenn Sie jemanden in sich verliebt machen möchten.

WOMAN: Ich soll jemanden stressen, damit der sich in mich verliebt? Das verstehe ich jetzt nicht...
Willmann: Nehmen Sie die Person mit auf die Achterbahn oder auf die Hängebrücke. In Höhenangst (also im Stress) verlieben sich Menschen leichter, weil sie innere Aufregung spüren und diese auf die Person beziehen, mit der sie auf der Brücke stehen. Das ist keine Witz, Studien haben exakt diesen Zusammenhang nachgewiesen.

WOMAN: Was genau erwartet die Leser in Ihrem Buch?
Willmann: Ich erkläre einerseits die medizinischen und psychologischen Hintergründe der Stressreaktion, ihre wohltuende Wirkung, und schildere andererseits die Phänomene einer positiven Stresskultur, wie ich sie größtenteils auf meinen Recherchereisen und im Alltag selber erlebt habe. Im Buch ist beschrieben, warum Kunst, Musik, Bücher, Filme oder Fußball wohltuenden Stress auslösen – und wie die Evolution dank Stress überhaupt auf Touren kam: Ohne Stress gäbe es keine Mehrzeller und erst recht keinen Menschen. Insofern kann man das Buch als Inspirationsquelle nutzen, um sich am Stress zu erfreuen und mit ihm ein schön stressiges Leben zu gestalten.

WOMAN: Wer sollte Ihr Buch lesen?
Willmann: Alle, die sich bisher einfach nicht vorstellen können, dass der Stress eine einzige Absicht verfolgt: Ihnen zu helfen.

Urs Willmann - Stress macht schlank

Das Buch "Stress. Ein Lebensmittel" von Urs Willmann ist ab 2. Mai 2016 für 19,99 im Buchhandel erhältlich.

Themen: Psychologie,