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Zwischen Suizid und Kampf: das Schicksal jesidischer Frauen

Das Schicksal jesidischer Frauen durch den IS: vergewaltigt, versklavt und zwangsverheiratet. Aber diese Frauen wollen sich wehren und Mut machen.

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Die Sonnen-Brigade
© CNN Freedom Project_Bharati Naik

Erst vor Kurzem präsentierten wir hier ein Interview mit der 16-jährigen Zeinat, ein jesidisches Mädchen, das als Sklavin von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi gehalten wurde, aber flüchten konnte. Die jesidische Volksgruppe ist immer wieder Ziel von brutalen Verfolgungen im Nahen Osten - mit besonders perfider Konsequenz aktuell durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS): Tausende Männer wurden bereits getötet, noch mehr Frauen und Kinder wurden versklavt, vergewaltigt und zwangsverheiratet.

CNN-Korrespondentin Atika Shubert beschreibt nun in einer berührenden Kolumne ihr Zusammentreffen mit jesidischen Mädchen und Frauen, die kämpfen und anderen Mut machen wollen:

"Ich habe ein deutsches Wörterbuch und Gummibärchen mitgebracht. Auch wenn es etwas unpassend erscheint. Aber was bringt man drei jungen Frauen mit, die vom IS gefangen gehalten und als Sklavinnen verkauft wurden?

Als ich die drei Frauen traf, war ich erstaunt, wie ‚normal‘ sie wirkten: Sie lästerten über ihre Freundinnen, die nun in einem anderen Flüchtlingslager in der kurdischen Stadt Dohuk leben; Sie lachten über Wörter, die sie im Wörterbuch fanden und die sie bald in ihrer neuen Heimat Deutschland brauchen werden.

Erst als sie sich ihre Kopftücher umwickelten und anfingen über ihre Gefangenschaft durch den IS zu sprechen, änderte sich mein erster Eindruck. Sie sprachen sehr leise und benutzten Pseudonyme, um sich zu schützen. In dem Interview nannten sie sich Noor, Busra und Munira.

Noor berichtete mir, sie sei von elf Männern vergewaltigt worden. Busra sah zu, wie zwei Ärzte das ungeborene Kind ihrer Freundin abtrieben. Sie war im dritten Monat schwanger. Munira, die jüngste der drei Mädchen, sagte wenig. Allerdings sah ich ein Tattoo auf ihrem Arm. Es ist der Name ihres Vaters, der ihr mit einer Nähnadel und einem Kugelschreiber gestochen wurde, während sie auf ihr Schicksal auf dem Sklavenmarkt des IS wartete.

Schwangere Jesidinnen wurden zur Abtreibung gezwungen:


Während des Interviews weinte keine der dreien. Tatsächlich zeigten sie kaum Gefühle. Sie sagten nur, dass sie sich daran erinnern konnten, Angst gehabt zu haben oder müde gewesen zu sein.
Diejenigen, die weinten, waren die Menschen, die sich ihre Geschichten anhörten. So wie Ameena Hasan, eine ehemalige irakische Abgeordnete. Sie stellte uns den jungen Frauen vor – nur drei von über 100, die sie und ihr Mann gerettet haben, indem sie ein geheimes Netzwerk aufbauten und die Mädchen in Sicherheit schmuggelten.

Bei ihr Zuhause unterhielten wir uns bei einer Tasse Tee über ihre Rettungsaktionen, als das Telefon klingelte und ein jesidisches Mädchen in der Leitung fragte: „Wann werde ich gerettet?“. Dem Mädchen gelang es, an ein Mobiltelefon zu kommen. Ameena Hasan blieb ruhig und versicherte ihr, dass sie sie bald herausholen würden.

Ameena Hasan versucht, so vielen wie möglich zu helfen. Allerdings können nicht immer alle Mädchen, die auf Ihre Unterstützung hoffen, so lange warten. Sie kennt einige, die während der Wartezeit Suizid begingen und sie fürchtet, dass dies keine Einzelfälle waren. „Ich bin nur ein Mensch und kein ganzer Staat“, erklärt sie uns.

IS-Sklaverei: Jesidische Frauen begehen Suizid


Auch ich musste weinen.
So schwer es auch war, über die Erlebnisse dieser Frauen zu hören, gab es auch positivere, hoffnungsvollere Berichte: Zum Beispiel die Frauen von der "Sonnen-Brigade", einer militärischen Einheit von Jesidinnen. Keine der Frauen hat bisher an der Front gekämpft. Doch alleine das Tragen der kurdischen Uniform erfüllt sie mit einer Bestimmung.

Die „Sonnen-Brigade“ – Frauen kämpfen gegen den IS:


Mein Lieblingskonzept war ein Fotoprojekt, das von UNICEF organisiert wurde. Hier konnten die jesidischen Mädchen und Frauen ihre jetzige Welt durch eine Kameralinse abbilden. Sie schossen wunderschöne Bilder von stolzen Jesidinnen und ihren traditionellen Gewändern, von den blauen Augen eines Flüchtlingskindes, von einer Urgroßmutter, die majestätisch in ihrem Flüchtlingszelt sitzt.

Jesidische Mädchen zeigen ihr Leben durch ihre Kameralinsen:


Bevor wir wieder aufbrachen, besuchten wir erneut Busra in ihrem Zelt. Ich wollte mich für das Gespräch mit ihr bedanken und wollte mich vor allem von ihr verabschieden. Denn anders als die beiden anderen Mädchen, wird sie nicht nach Deutschland weiter fliehen, sondern im kurdischen Flüchtlingslager bleiben. Sie will ihre Mutter, die mit der Situation der entführten und vermutlich bereits toten Familienmitglieder nicht umgehen kann, nicht alleine lassen. Als ich eintrat, saß sie auf einem Stapel Matratzen und bot mir großzügiger weise Tee an. Sie nahm meine Hände und sagte: „Bitte erzähle unsere Geschichte“. Und das tat ich."

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