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Supermodel Cordula Reyer im WOMAN-Interview über ihre Famile, ihr Buch & mehr

Österreichs erfolgreichster Modelexport Cordula Reyer, 48, spricht in WOMAN über ihre starke Gefühlsseite, miese Stimmungen beim Arbeiten, den Loslösungsprozess von Sohn Benjamin und ihr neues Buch (erscheint am 14. September)


Supermodel Cordula Reyer im WOMAN-Interview über ihre Famile, ihr Buch & mehr

Dem einwöchigen Ligurienurlaub mit ihrer ältesten Schwester Claudia-Maria und deren beiden erwachsenen Söhnen hat Cordula Reyer, 48, gleich ein paar Tage Erholung im Haus ihrer Mutter in Gießhübel drangehängt: Hierher komme ich immer wieder, wenn ich meine Familie besuche“, sagt das einstige spätberufene Supermodel, das in den Neunzigern neben Naomi Campbell, Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Claudia Schiffer zu den gefragtesten Fotogesichtern der Welt zählte. Obwohl sie damals schon 25 und Mutter eines dreijährigen Knirpses war (Ben ist heute 25). Jetzt hat die Tochter des verstorbenen Burgmimen Walther Reyer ihr erstes Buch geschrieben: „Glücklichsein für Fortgeschrittene“ heißt es und ist eine Anleitung dafür, seine Schwächen lieben und in Stärken umwandeln zu lernen. Und wenn man Reyer so zuhört, scheint sie eine Frau zu sein, die damit nicht nur den äußeren Glanz meint. „Ich brauche immer wieder den Rückzug. In Gesellschaft sein und sich zu unterhalten, ist zwar schön, kann aber manchmal auch anstrengend sein. Ichkenne das von Shootings und von meiner Großfamilie. Ich habe ja drei echteGeschwister, drei Halb- und drei Stiefgeschwister. Da werde ich von außen so stimuliert, dass ich mir danach bewusst Zeit nehme, um alles zu verdauen und das herauszufiltern, was ich für mich mitnehmen will“.

WOMAN: Frau Reyer, Ihr Buch heißt „Glücklichsein für Fortgeschrittene“: Setzt das anfängliches Grundglück voraus, um es zu verstehen?

Reyer: Nein. Das war der Wunschtitel des Verlages. Ich wollte es „Ganz schön anders“ nennen, weil das Buch verschiedene Aspekte vereint: Mode, Makel, Altern und die Dinge, die einen belasten, malanders zu sehen. Wir einigten uns dann auf diesen Titel. Die Idee zu dem Buch wurden mir vom Herausgeber Nikolaus Brandstätter und Nicole Adler präsentiert – es ist also nicht auf meine Initiative heraus entstanden. Man hat mich wohl deshalb auserkoren, weil ich ein erfahrenes Fotomodell bin, das schon viel von der Welt gesehen hat. Mir hat das gefallen, denn es geht nicht nur um Beauty-OPs und Schönheitsideale, sondern darum wie man ein Leben sehen undleben möchte. Da spielt es keine Rolle, ob man Supermodel ist, Anwältin oder Hausfrau. Der Blick von innen ist auch entscheidend, nicht nur der äußereRahmen wie Beruf oder Besitz.

WOMAN: Würden Sie an Ihrem Körper herumschnipseln lassen?

Reyer: Nein, das glaube ich nicht. Aber: Fragen Sie mich in zehn Jahren. Ich kann’s verstehen, dass Frauen das machen lassen. – wenn sie sich danach in ihrem Körper wohler fühlen, bitte! Das soll jeder für sich selbst entscheiden.

WOMAN: Ist mehr Selbstliebe nicht besser als jedes Skalpell?

Reyer: Selbstliebe ist ein großes Wort. Selbstakzeptanz wäre schon gut genug. Ich habe mich als Model zum Glück nie als Marionette oder Schachfigur gesehen. Nur einmal war’s so: bei dem Elite-Modelcontest, den ich überraschend gewonnen habe. Das war mir dann ALLES so peinlich, das ich mir schwor, mich niemals mehr einer unangenehmen Situation auszuliefern. Wenn sich innerlich was sträubt, mach ich nicht mit. Egal, mit welchem Verlust das verbunden ist.

WOMAN: Bleiben wir beim Körpergefühl: Haben Sie sich in Ihrer Haut immer gut gefühlt?

Reyer: Nein, als ich 15 war und schon 1,80 Meter groß, kam ich mir wie ein bedrohliches Monster vor (lacht) . Nach außen war ich eine g’standene Frau, aber im Inneren noch sehr kindlich und kindisch. Ich spürte, dass das nicht Hand in Hand geht. Ich trug deshalb immer die flachsten Schuhe und Schminke war bei uns zuhaue sowieso nicht erlaubt.

WOMAN: Weil es etwas Verruchtes hat?

Reyer: Ich weiß nicht warum, habe das nie hinterfragt... Später habe ich mich dann gerächt, als ich Fotomodell wurde und mit dickem Kajalstrich unter den Augen posierte (lacht) ! Das musste er dann so hinnehmen.

WOMAN: Gibt es eigentlich Tage, wo Sie Ihr Spiegelbild anwidert?

Reyer: Ja, wenn ich mit dem falschen Fuß aufstehe. Da braucht’s gar keinen Spiegel, um mir über mich selbst zu denken: „Bitte, gehe mir nicht auf die Nerven!“ (lacht) Aber meistens sehe ich mich gerne an. Auch auf Fotos. Ich habe da eine gewisse Distanz zu meinem Bild.

WOMAN: Sie schreiben auf humorvolle Weise über Ihre „böhmische Nase“, Ihre Augenringen, Ihrem übergroßen Mund. Wenn man über sich lachen kann, zeugt das von einem gesunden Selbstbewusstsein. War das immer so?

Reyer: Das wuchs mit der Zeit. Ich bekam ja ewig lang mein Ego befriedigt, was das Aussehen betrifft. Meine Mutter, die eine sehr schöne Frau ist, hat sich nie viel aus der Optik gemacht. Ihr war die Familie immer wichtiger. Wir KINDER sind ihr Elixier!

WOMAN: Sie schauen Ihrer Mutter ähnlich. Ähneln Sie sich auch charakterlich?

Reyer: Nein, wir sind sehr verschieden. Ich wollte immer eigenständig sein und brauche Freiheit. Das Leben als Hausfrau und Mutter allein würde mir nicht reichen. Es war sicher ein Motor für mich, es anders zu tun als meine Mutter. Sie hätte auch ein anderes Leben führen können. Vielleicht lebe ich ihre ungelebten Seiten aus. Das tun Kinder ja oft...Ich bewundere sie sehr. Für mich wäre es schwierig, so selbstlos wie sie zu sein!

WOMAN: Sie bekamen Ihren Sohn mit 22. War Ben ein Wunschkind?

Reyer: Ja, Muttersein machte mir nie Angst. Es war eine bewusste Entscheidung. Ich habe damals in Italien und Frankreich gemodelt und Bens Vater hat mich während unserer zehnjährigen Beziehung sehr unterstützt. Wir wollten damals beide keine Babysitter und so blieb einer von uns beim Kind, wenn der andere arbeitete. Als Ben noch klein war, kümmerte sich vor allem sein Vater und meine Mutter um ihn. Und als wir uns trennten, mehrheitlich ich. Oder Freunde, die selbst Kinder haben. Auchmeine jüngere Schwester Cristina war mir eine große Stütze.

WOMAN: Sie wirken natürlich und wenig einschüchternd…

Reyer: Durch meinen Vater lernte ich, dass man die Öffentlichkeit nicht allzu ernst nehmen soll. Ich wussterelativ früh, was ich will und vor allem was ich nicht will. Aber das meiste hat sich along the way entwickelt. Nach der Schule habe ich eine Schneiderlehre begonnen, wollte Kostümbildnerin werden, aber dann kam alles anders. Man kann das Leben nicht 100 % planen. Besser ist es, wenn man sich einfach dem stellt, was es dir gerade vor die Füße weht. Von meinem Vater habe ich gelernt, das Alleinsein zu genießen. Er hatte eremitische Züge wie ich und hat sich oft aus dem trivialen Alltag ausgeklinkt. Ich hatte früher -wie jeder, glaub ich -Angst vor der Einsamkeit. Aber durch meinen Vater habe ich verstanden, dass ich mich mit mir allein auch sehr sicher fühlen kann. Ich finde die Ruhe und Langsamkeit in meinem Leben wunderschön. So kann ich bei mir selbst bleiben und weiß, wer ich bin.

WOMAN: Haben Sie das mit 30 schon gewusst?

Reyer: Schön wär’s! Aber nein, damals war ich noch viel zu hektisch und schnell unterwegs. Außerdem für ein kleines Menschenleben verantwortlich! Da blieb gar nicht die Zeit, mich zu reflektieren. Der Weg zu mir selbst begann erst mit der Selbständigkeit meines Sohnes und meiner Reife. Die beste Schule war das Zusammensein mit vielen Menschen. Da lernte ich viel über mich und andere. Aber vor allem halfen mir Gespräche mit Frauen. Ich mag Frauen sehr gerne. Der Austausch mit ihnen – nicht nur mit meinen nahen Freundinnen sondern auch Frauen aus anderen Generationen – ist immer sehr bereichernd!

WOMAN: Welche Frauen sind solche inspirierenden Mentorinnen oder Vorbilder?

Reyer: Ganz einschneidend war meine Professorin Eva Keppel in der Schule, BORG III. Ich hatte sie in Deutsch, Psychologie und Religion. Sie förderte mich in meinem Wesen, meinem Ausdruck und nahm mich so wie ich bin. Auch die Fotografin Elfie Semotan, mit der ich viel zusammenarbeitete, war prägend. Dabei war Modeln für mich nie ein „Beruf“ – zumindest solange ich in Österreich blieb. Erst in Frankreich und Amerika hat sich das geändert.

WOMAN: Sie arbeiteten mit Starfotografen wie Patrick Demachelier, Helmut Newton, Richard Avedon. Auch die haben manchmal ihre Launen. Hat Ihnen einmal wer das Gefühl gegeben, dass Sie nicht genügen?

Reyer: Echte Profis tun das nicht, wenn sie einen buchen, wissen sie genau, warum. Schwierig ist es mit solchen, die es dieses Renommee nicht haben. Ich erinnere mich noch an ein Horrorshooting in Brasilien: Statt blauem Himmel und Sonnenschein, hat es die ganze Zeit geregnet, wir standen im Gatsch und auf den Bildern war alles grau in grau. Der Fotograf ging noch dazu gerade durch eine wahnsinnig schwierige persönliche Phase, war sehr launisch und verlor ständig die Beherrschung. Man fragt nicht, was los ist, ist ja diskret, aber seine Stimmung färbte auf alle ab. Seine Gefühlsschwankungen brachten mich öfter zum Weinen. Aber das ging auch vorbei! diesem Job muss man erkennen, dass die Stimmung am Set oft gar nichts mit einem selbst zu tun hat. Ich weiß Menschen zu schätzen, die achtsam mit anderen sind.

WOMAN: Meinen Sie damit Steven Meisel von der US-Vogue, für den Sie sogar wild vor der Kamera herum sprangen, obwohl es Ihnen anfangs peinlich war?

Reyer: Genau. Er war wahnsinnig geduldig und einfühlsam. Wenn man ein Gegenüber hat, das an einen glaubt, geht alles leichter. Das ist im Job so, aber auch in privaten Beziehungen.

WOMAN: Nicht umsonst meinten Sie über Meisel einmal: „Ein guter Fotograf ist wie ein guter Liebhaber“. War er Ihr Lover?

Reyer: (lacht) Nein, der ist schwul. Ich hatte noch nie mit einem Fotografen, mit dem ich arbeitete, ein Verhältnis.

WOMAN: Never fuck the company and costumers…

Reyer: So ist es!

WOMAN: Sind Sie jetzt liiert?

Reyer: Ja, seit ein paar Jahren.

WOMAN: Pflegen Sie eigentlich mit Campbell, Schiffer, Patitz & Co. heute noch eine Freundschaft?

Reyer: Ja, mit Tatjana Patitz,Marie-Sophie Wilson, die viel mit Peter Lindbergh arbeitete und Annika Ackermann, einer Deutschen, die aber bald mit dem Modeln aufhörte.

WOMAN: Wie schafften Sie es damals eigentlich, sich gegen diese starke Konkurrenz zu behaupten?

Reyer: Keine Frau schaut aus wie ich! Und über die Auftragslage, also wer wie viele Jobs kriegt, habe ich mir nie den Kopf zerbrochen. Ich ließ mich nicht für alles buchen.

WOMAN: Sind Sie ein emotionaler Mensch?

Reyer: Wenn ich in all den Jahren nicht meine Gefühle zugelassen, sondern verdrängt hätte, wäre ich jetzt tot! Angeblich bin eine Dramaqueen! Diese theatralische Art habe ich wohl von meinem Vater.

WOMAN: Als Model sind Sie noch mehr auf Perfektion konditioniert als normale Frauen…

Reyer: Nein. Wenn ich mich zu dick fühle, mache ich Sport: Yoga, Stepptanz, afrikanischen Tanz, Reiten, Rollschuhfahren…Ich suche die Abwechslung. Immer das Gleiche wird mir langweilig.

WOMAN: Modeln Sie jetzt noch?

Reyer: Ab und zu Fotoshootings. Je älter man wird, desto weniger arbeitet man. Aber das ist gut so, denn ich mag ja auch nicht mit 25jährigen Mädels am Set stehen.

WOMAN: In zwei Jahren sind Sie 50. Das ist eine Zäsur…

Reyer: …ein Moment, um inne zu halten, dankbar zu sein und definitiv kein Grund zu jammern. Ich habe ein privilegiertes Leben. Worüber sollte ich jammern? Das wäre lächerlich, Granteln auf hohem Niveau! Dafür würde ich mich schämen...

WOMAN: Eine schöne Erkenntnis, wenn Sie wissen, dass wahrer Reichtum von innen kommt. An welchem Punkt hat sich Ihr persönliches Wertesystem verschoben?

Reyer: EEs hat sich nicht verschoeben. Aber um etwas zu ändern, muss man an sich arbeiten. Der Gedanke setzt die erste Tat. Negative Gedanken sind kontraproduktiv, sie muss man ausjäten wie Unkraut. Und darauf vertrauen, dass das Gute zu einem kommt und sich eine bestehende Struktur verändern kann. Manchmal verändert sich eine Struktur auch, wenn man es selbst gar nicht will, aber es einfach in der Natur liegt. Der Auszug meines Sohnes von zuhause vor acht Jahren war so ein Punkt.

WOMAN: Wieso war das schlimm für Sie?

Reyer: Es war gar nicht mein Loslassenmüssen, sein Flüggewerden. Sondern das Bewusstsein, dass ich für mein Kind plötzlich nicht mehr jeden Tag da sein brauche, weil er seinen eigenen Weg geht. Mit der Zeit wird man gelassener, denn man weiß ja, dass man sich aus diesen schwarzen Löchern immer wieder herausziehen kann. Wichtig ist nur, dass man sich dann eben um seine inneren Bedürfnisse kümmert. Wenn ich mal eine Zeit lang perspektiven- oder antriebslos bin, ist das okay. Dann mache ich Dinge, die mir gut tun und plötzlich tut sich eine neue Richtung auf. Manchmal relativieren sich Sorgen schon nach einem Spaziergang.

WOMAN: Wenn Sie selbst eine Idee hätten, keine Verlagsauflagen, frei wären in der Themenwahl und vom Verkaufsdruck: welches Buch würden Sie dann schreiben?

Reyer: Kurzgeschichten aus meinem Leben. Die waren so wahnsinnig kitschig, skurril, eigenartig und romantisch, dass ich das gerne teilen würde…

Interview: Petra Klikovits