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Superorgan Immunsystem: So hältst du es bei Laune!

Michael Hauch ist Kinder-und Jugendarzt in Düsseldorf. Seine Frau Regine Medizinjournalistin. Anschaulich und unterhaltsam stellen sie uns das Immunsystem vor.

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Superorgan Immunsystem: So hältst du es bei Laune!

Es mehren sich Beweisen, dass das Gehirn sehr wohl mit dem Immunsystem kommuniziert

© iStock

Es mag Bewegung, aber keinen Hochleistungssport. Findet Probiotika cool und ekelt sich vor Junk Food. Es kämpft unermüdlich für unsere Gesundheit, ist manchmal ratlos, aber meistens genial. Dürfen wir vorstellen: Ihr Immunsystem. Wie es arbeitet, was es stärkt oder schwächt und warum man überhaupt krank wird, besprechen wir mit zwei Experten. Plus: der neueste Stand der Medizin.

Für uns ist seine pausenlose Schufterei selbstverständlich. Nur wenn das Immunsystem mal ein bisschen auszulassen scheint, beklagen wir uns: Schon die dritte Verkühlung! Was ist da los? Ja, was denn? Vielleicht irritieren wir die Immunabwehr selbst -mit zu vielen Stresshormonen, zu wenig Schlaf oder zu wenig Bewegung? "Alles in allem ist unser Verteidigungsbündnis aber ein ziemlich geniales System", zollt Dr. Michael Hauch dem inneren Bollwerk großen Respekt. Gemeinsam mit seiner Frau, der Wissenschaftsjournalistin Regine Hauch, hat der Arzt das Buch "Ihr unbekanntes Superorgan" geschrieben. Und alles zusammengetragen, was auch Sie über Killerzellen &Co. bestimmt noch nicht wirklich wussten.

»Die Natur investiert nicht allzu viel in das Immunsystem der Männer«

WOMAN: Wo im Körper hat unser Immunsystem nun sein Hauptquartier?
Michael Hauch:
Es ist überall, wo wir es brauchen, und besteht aus vielen Komponenten, die miteinander kommunizieren. Darm, Milz, Mandeln, Thymus, Knochenmark, Lymphknoten. Sie alle lernen in Sachen Immunabwehr ständig dazu. Mit einem Wort: ein Superorgan.

Regine Hauch: Da sind Patrouillen, die ständig durch den Körper cruisen. Stimmt nicht alles, blasen sie zum Angriff. Es gibt praktisch für jede Gefahr die passende Truppe aus Abwehrzellen, die Feinde töten und verschlingen. Andere sind Spezialisten, die Antikörper bilden und damit Widersacher erledigen. Sie erinnern sich noch jahrelang an diese Feinde und wissen genau, was zu tun ist, falls sie ihnen wieder begegnen.
Michael: Und dann die Schlägertrupps, die nochmal radikal aufräumen.

Manchmal denkt man aber, das Immunsystem arbeite nicht gut, weil man sich einen Schnupfen nach dem anderen einfängt!
Regine:
Wenn das Bollwerk wirklich nicht arbeiten würde, wären wir ganz schnell schwer krank oder gar tot. Aber tatsächlich arbeitet unser Immunsystem nicht immer gleich gut. Vielleicht weil wir gerade übermüdet sind oder gestresst, oder weil es von zu vielen Erregern gleichzeitig angegriffen wird.

Michael: Dann braucht es ein wenig medikamentöse Hilfe, aber die Hauptarbeit erledigt es allein. Nebenbei kümmert es sich darum, körpereigene Zellen abzutöten, die gerade dabei sind, sich zu bösartigen Tumoren zu entwickeln. Manchmal ist es leider auch ratlos und weiß nicht, wie es mit einem unbekannten Angreifer umgehen soll. Aber gemessen an dem, was es jeden Tag leistet, sind seine Fehlleistungen überschaubar.

Mit Erholung und Schlaf sollte man also nicht gerade sparen?
Regine
: Ja, Forscher fanden heraus, dass schon geringer Schlafmangel das Immunsystem schwächt und den Viren die Bahn frei macht für Infektionen. Es werden dann nicht genug Abwehrzellen gebildet, und die wenigen sind müde, haben keine Lust auf Verteidigung.

Was soll man sonst noch eher vermeiden?
Michael:
Welche Anti-Aging-Strategien dem Immunsystem wirklich helfen, weiß man noch nicht genau. Fest steht: Wer sein Leben rauchend und mit Junk Food auf der Coach verbringt, wird eher nicht alt.

Bewegung ist essenziell!

Wie hilft Bewegung unserer Abwehr?
Michael:
Unsere Immunzellen schwimmen in den Lymphbahnen durch den Körper. Ohne Bewegung, also ohne Muskelpumpe, gleicht das Lymphsystem einem stehenden Tümpel. Immunzellen kommen nicht zu ihren Einsatzorten. Schon eine halbe Stunde zügiges Gehen bringt Antikörper und Immunzellen in Fahrt.
Regine: Die WHO empfiehlt 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Das gefällt auch dem Immunsystem. Hochleistungssport mag es dagegen gar nicht. Die Cortisolausschüttung steigt dann an und unterdrückt die Abwehr. Wie auch bei Stress.

Im Netz wird man ja mit Tipps bombardiert, wie man die innere Kampfmannschaft unterstützen kann. Vor allem Nahrungsergänzungsmittel werden angeboten.
Michael:
Gesunde Menschen brauchen keine Nahrungsergänzungsmittel. Die können sogar krank machen. Es gibt den aktuellen Fall einer Patientin, die regelmäßig Selen eingenommen hat. Sie wollte ihr Immunsystem stärken und Haut und Haaren Gutes tun. Sie kam dann blind und dement in die Klinik.

Schrecklich! Aber welche Nahrungsmittel, Vitamine und Mineralstoffe braucht man?
Regine:
Wer sich gesund und ausgewogen ernährt, also wenig Fleisch, dafür viel frisches Gemüse, Obst, Nüsse und Getreide, am besten noch bio und aus regionalem Anbau, macht alles richtig.
Michael: Das Immunsystem isst mit, es ist der Teil unseres Körpers, dessen Zellen sich am meisten teilen, es braucht also Energie und Auf baustoffe. Untergewicht bringt es aus dem Gleichgewicht, ebenso aber auch Übergewicht. Zu viel Fett und Kohlenhydrate, vor allem Zucker, stören es bei der Arbeit. Spezifisch auf das Immunsystem wirken die Vitamine A, C, D -aber viel hilft nicht viel. Empfehlenswert sind Probiotika, am besten "Alltagsprobiotika", wie man sie in ganz normalem Joghurt oder Bio-Sauerkraut findet. Spurenelemente wie Eisen und Zink mag das Immunsystem, ebenso sekundäre Pflanzenstoffe, sogenannte Glucosinolate, wie sie in Kohl und anderen Gemüsesorten vorkommen. Studien sagen, dass sie Krebs vorbeugen. Es gibt aber noch keine Dosisempfehlungen.

Wenn ich krank werde, Fieber habe, was passiert da im Körper?
Michael:
Wir fühlen uns matt, fiebern, Nase und Augen sind rot, und schon denken wir, das Immunsystem habe uns im Stich gelassen. In Wirklichkeit arbeitet es bereits auf Hochtouren. Die Fieberwärme beschleunigt den Stoffwechsel, Immunzellen können sich so eher bilden. Das Herz schlägt schneller, die Blutgefäße weiten sich, dadurch kommen die Immunzellen flinker an ihren Einsatzort, zum Beispiel an eine Wunde oder bei Virusangriffen zu den Schleimhäuten. Die weiten Gefäße sind dann als Rötung zu sehen. Mit der Fieberhitze werden auch die Erreger selbst bekämpft. Wenn es geht, keine Fiebersenker nehmen, sondern viel trinken und Bettruhe einhalten.

Männer leiden dann ja bekanntlich meist viel mehr als Frauen ... !
Regine:
Ja, die armen Männer! Man muss in einer Frauenrunde nur "Männerschnupfen" sagen und alle lachen. Das ist ein bisschen gemein, denn Männer werden tatsächlich mehr krank als Frauen. Das hat damit zu tun, dass die Natur nicht allzu viel in das Immunsystem der Männer investiert.
Michael: Für Männer gilt die Devise "Live hard and die young": Die Natur übertrug ihnen die Aufgabe, Gene weiterzugeben. Dafür brauchen sie Testosteron. Dieses Hormon regt die Spermienproduktion an und macht Lust auf Sex, aber es unterdrückt auch die Bildung von Abwehrzellen. Der Grund, dass Männer eher Infekte bekommen.

Wir Frauen sind also bevorzugt?
Michael:
Frauen geben Leben weiter. Das Immunsystem engagiert sich daher für Frauen, solange sie im gebärfähigen Alter sind. Danach lässt der Schutz nach. Besonders gut funktioniert das Immunsystem während der Schwangerschaft. Viele Immunzellen sausen durch den Körper und wachen darüber, dass die Schwangere nicht krank wird. Bestimmte Immunzellen, die regulatorischen T-Zellen, spielen eine noch wichtigere Rolle: Sie schützen das Kind, das zur Hälfte die väterlichen Merkmale hat, davor, vom Immunsystem als fremd erkannt und schon als befruchtetes Ei abgestoßen zu werden. Impfungen wirken bei Frauen übrigens besser, allerdings bekommen sie öfter Autoimmunerkrankungen.

Warum das?
Regine:
Weil das besser aufgestellte Immunsystem dann auch eher mal überbordend reagiert.
Michael: Autoimmunerkrankungen können allerdings viele Ursachen haben. Gene spielen eine große Rolle, auch Rauchen kann das Risiko erhöhen. Bei einigen, z. B. bei Diabetes 2, auch Übergewicht. Impfungen erhöhen das Risiko nicht! Einige Forscher vermuten, dass man mit Probiotika Rheuma oder Diabetes vorbeugen kann.

Keine Impfung ist keine Option

Sind Sie ein Befürworter von Impfungen?
Michael:
Ja. Impfungen sind eine der größten Errungenschaften der Medizin, sie retten jedes Jahr hunderttausendfach Leben. Sie funktionieren nach einem genialen Prinzip, das eigentlich aus der Natur kopiert ist: Man präsentiert dem Immunsystem Erreger in abgeschwächter Form und bringt es damit dazu, Antikörper zu bilden. Und schon ist der Mensch gegen die Krankheit geschützt. Die heute zugelassenen Impfungen sind sehr sicher, Impfschäden äußerst selten. Für unverzichtbar halte ich Impfungen gegen Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus und Masern.

Allergien werden häufiger. Liegt das auch daran, dass Kinder vor möglichen Keimen überbeschützt werden?
Michael:
Die Neigung zu Allergien ist angeboren. Aber ob die Allergie tatsächlich auftritt, hängt mit vielen äußeren Faktoren zusammen. Zum Beispiel damit, ob ein Kind per Kaiserschnitt geboren wird oder auf natürlichem Weg, ob die Mutter es stillt, ob es ältere Geschwister hat, deren Keime sein Immunsystem schon früh trainieren. Ob es auf einem Bauernhof mit Tieren aufwächst -oder auch nur in der Nähe -oder in einer sauber geschrubbten Großstadtwohnung, in der es keinerlei Chance auf die große "Naturimpfung" hat.
Regine: Kinder möglichst viel draußen spielen lassen, am besten auch früh Kontakt mit Tieren ermöglichen! Im Haushalt keine Desinfektionsmittel verwenden, denn die töten auch die guten Keime, die Trainingspartner für das Immunsystem! Allerdings sollten Eltern sich und ihren Kindern vor den Mahlzeiten die Hände gründlich mit Seife waschen: 20 bis 30 Sekunden lang - entspricht zwei Strophen von Happy Birthday.

»Das Immunsystem passt sich genau an unseren Lebensstil, sogar an unseren Wohnort an!«

Apropos happy: Wirkt sich Optimismus auch entsprechend vorteilhaft aus?
Michael
: Ganz klar: Positive Erwartungen stimulieren das Belohnungssystem, und dieses aktiviert die Immunabwehr.
Regine: Also ruhig mal sich selbst mit guter Laune beglücken!
Michael: Gut belegt ist auch: Senioren, die am Tag der Grippeschutzimpfung positiv gestimmt sind, bilden in den Wochen danach mehr Antikörper als jene mit schlechter Laune. Wer also morgens schon schlecht drauf ist, sollte sich lieber nicht impfen lassen.

Was war bei den Recherchen Ihre eigene, spannendste Erkenntnis?
Michael:
Wie alt unser Immunsystem schon ist. Vor 600 Millionen Jahren etwa bildeten sich bereits bei einigen Einzellern erste Bestandteile: Defensine, eine Art Breitbandantibiotika, die wir Menschen noch heute massenhaft auf der Haut haben. Im Laufe der Evolution entwickelten sich immer komplexere Lebewesen, schließlich auch der Mensch. Das Immunsystem war dabei der Erfolgsschlager.
Regine: Anfangs überkam mich manchmal Panik, als ich erkannte, dass wir von Millionen Keimen umgeben sind. Was da allein alles auf meiner Haut lebt und auf der meiner Mitmenschen! Was wir austauschen, wenn wir uns abbusseln oder die Hände reichen! Dann fand ich es unfassbar beruhigend, wie unser Immunsystem Tag und Nacht für uns schuftet, dass es sich im Laufe unseres Lebens genau an unseren Lebensstil, sogar an unseren Wohnort anpasst und irgendwann wie ein Maßanzug sitzt.

Selbst über die Vagina können Erreger eindringen!

Wer aller im Kampf mithilft

Erste Barriere. Unsere oberste Hautschicht besteht aus Hornhautzellen und ist der erste Außenposten unseres Immunsystems. Verstärkt wird er von Bakterien der Hautflora sowie Defensinen, körpereigenen Antibiotika. Sie werden bei Kontakt mit Bakterien, Pilzen, Toxinen und Viren sofort produziert. Eine versiffte Computertastatur, ja nicht einmal eine verdreckte Klobrille kann uns so schnell was anhaben.

Schwachstellen. Um uns krank zu machen, müssen Erreger erst mal vorbei an der Hautschranke. Das schaffen sie nur über Wunden oder über Schleimhäute von Augen, Nase, Mund - bei uns Frauen auch über die Vagina.

Die Superbrigade. Die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, sind Teil des Immunsystems. Phagozyten, Granulozyten und natürliche Killerzellen kurven wachsam im Körper herum. Will sich eine Entzündung breitmachen, schneiden wir uns in den Finger oder entwickelt sich plötzlich Krebs, melden sie das und beginnen schon mal, die Feinde zu fressen. Die Monozyten transportieren den Zellmüll ab.

Gedächtniskünstler. B-Zellen produzieren spezifische Antikörper, T-Zellen erkennen und binden Antigene -und sind im Fall von Krankheitserregern sofort mit ihrem Wissen, "Den kenn' ich doch schon", zur Stelle.

Weitere Helfer. Zytokine regulieren das Wachstum und die Differenzierung der Zellen. Ist etwas nicht in Ordnung, fordern sie Hilfe der Fresszellen u. a. an. Auch das Komplementärsystem hilft mit. Übrigens: Spucke, Schleim, Tränen und Magensäure killen Keime ebenfalls.

Stress tut dem Immunsystem gar nicht gut

Was weiß man? Wo steht die Medizin?

Stress. Chronischer Stress schädigt das Immunsystem. Akuter Stress, etwa ein kleiner Beziehungskrach oder ein unangekündigter Vokabeltest, kann dagegen heilsam sein.

Touch Me. Berührungen geliebter Menschen lassen auch das Immunsystem nicht kalt. Studien zeigten, dass wir weniger Erkältungskrankheiten bekommen, wenn wir uns geborgen fühlen.

Wechselwirkung. Man weiß heute, dass das Immunsystem bei psychischen Störungen wie Depressionen, Demenz und Angststörungen eine große Rolle spielt. Es gibt erste, sehr spannende Versuche, psychische Krankheiten über das Immunsystem zu heilen, zum Beispiel Depressionen mit Antibiotika.

Feind. Krebs entsteht, wenn Zellen entarten, sich ungehemmt vermehren und im Körper trotz schwer arbeitenden Immunsystems die Oberhand gewinnen. Vererbung kann eine Rolle spielen, Infektionen, Rauchen, Alkohol, Umweltgifte oder einfach nur der Zufall. Ein direkter Zusammenhang zwischen Psyche und Krebs wurde bisher nicht nachgewiesen.

Immuntherapien gegen Krebs werden als ultimative Methode gefeiert. Tatsächlich können sie einigen Patienten helfen, aber längst nicht allen. Und was nach der Therapie passiert, ist weitgehend unerforscht. Unsere Immunabwehr ist ein so fein austariertes Verteidigungsbündnis, dass jedes Eingreifen dramatische Folgen haben kann. In ein paar Jahren dürften wir mehr darüber wissen.