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Endlich wieder Gastro, endlich wieder Leben!

Susanne Kristek ist Buchautorin – mit einem Faible für Kaffeehäuser. Früher saß sie unterm Tisch und hat Leute belauscht. Eine Sache davon hat sich geändert … Mehr verrät sie in ihrer Kolumne.

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Endlich wieder Gastro, endlich wieder Leben!
© Privat

Es ist 10 Uhr und ich warte auf einen geschäftlichen Termin in einem traditionsreichen Restaurant in der Wiener Innenstadt. Man könnte hier rund um die Uhr essen und trinken, vom Frühstück mit Prosecco, über einen kleinen Business Lunch mit Weinbegleitung, bis hin zum Afterwork Cocktail.

Die Betonung liegt auf "könnte", wenn man nicht wie ich gerade mitten in einer F.X. Mayr Kur Ausleitung wäre. Dann könnte ich mir all die Köstlichkeiten in der Vitrine schnappen: Punschkrapferl, Himbeertörtchen, belegte Brötchen. Und das Schönste dabei wäre: Ich könnte mir alles servieren lassen! Ein Segen, nachdem wir alle monatelang mit Essen nur zum Abholen hatten. Mit Take Away Boxen vom Lokal, oder die ganz vorbildlichen mit dem eigenen Geschirr von daheim. Am Muttertag in einem Landgasthaus hat mich eine Dame überholt, die hatte den Kartoffelsalat in einer XL Schüssel abgeholt. Ich kann nicht ausschließen, dass es vielleicht eine Babybadewanne war. "Liebe Mutti, gestern war ich noch drin, heute essen wir alle daraus Erdäpfelsalat!" Schön! Ich kann mir den Salat aber weder servieren noch einpacken lassen, stattdessen sitze ich bei Kräutertee und Dinkelbrot und bemühe mich alles gut einzuspeicheln.

Für mich als Autorin ist ja die Gastronomie und Hotellerie nicht nur was zum Essen, Trinken und Schlafen, sondern auch der wichtigste Quell meiner Inspiration! Fremde Gespräche zu belauschen habe ich schon als Kind gern gemacht. Vielleicht so ein Einzelkinddingens …

Damals bin ich am liebsten unter dem Tisch gesessen, auf dem meine Großeltern mit ihren Freunden Karten gespielt haben. Offiziell habe ich gewartet, dass jemand unabsichtlich 10 oder 50 Groschen (Das war die alte Währung!) fallen lässt, weil das durfte ich mir dann behalten. 100 Groschen war dann 1 Schilling und das war ein Kaugummi aus dem Automaten. Aber inoffiziell war das Zuhören und Belauschen der Geschichten der Erwachsenen das Beste daran. Welcher Bauer wann schon sein Saatgut ausgefahren hat, wer den kommunal angeschafften Mähdrescher nicht rechtzeitig retourniert hat, wer schon wieder eine kalbende Kuh im Stall hat. Sowas eben.

Das ist mir geblieben. Nur dass ich heute eher selten unter Tischen versteckt sitze, aber die Ohren sind immer noch gespitzt wie früher. Und die Augen beobachten auch neugierig das bunte Treiben, das inzwischen wieder in der österreichischen Gastronomie herrscht.

Wie sich unbekannte Menschen freundlich anstrahlen, wie man sich zaghaft annähert, zur Begrüßung auf die Schulter klopft, statt mit dem Ellbogen zu stupsen. Wie man sich fesch herausgeputzt hat, als wäre dieser Mittwoch ein Sonntag. Wie der Herr mit dem Stecktuch anmerkt, dass das Registrierungsformular nur wenig Platz für den Eintrag seiner E-Mail-Adresse bietet, wie die Dame mit den Perlenohrringen erzählt, dass sie jeden Tag vor dem Fernseher turnt. "Fit mit Philipp". Wie die Kellner durch die Gänge flitzen und „Passt alles so?“ fragen.

Ja. Es passt alles so. Sogar sehr.

P.S.: Sicherheitshalber schaut´s vielleicht doch unter die Tische …

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