Ressort
Du befindest dich hier:

"Ich sage Mama zu ihr!"

Er musste aus seiner alten Heimat Syrien fliehen, um zu überleben. Seit einem Jahr lebt Zakariya al Halabi hier. Heuer feiert er zum zweiten Mal Weihnachten. Hier seine berührende Geschichte.

von

Flüchtling in Österreich - Zakariya al Halabi Interview

Zakariya Batal (22) und seine neue mama Andra Khan (51)

© Lukas Beck

"Aber ich bin ja kein Kind mehr", meint Zakariya Batal, 22. Er schüttelt den Kopf, verdreht verspielt übertrieben die Augen und lacht verlegen. Es geht um den Adventskalender, den Andrea Khan, 51, für ihn besorgt hat. "Der gehört zu Weihnachten einfach dazu", erklärt sie, "außerdem ist man dafür nie zu alt." Von diesem Argument lässt er sich überzeugen. Der Kalender wird aufgehängt, ehe der junge Syrer von seinem neuen Leben in Österreich erzählt: "Mir geht es so gut! Endlich bin ich in Sicherheit, frei und kann an eine Zukunft ohne Sorgen denken."

Zakariya kam vor 15 Monaten hierher. Nur ein paar Kleidungsstücke, Medikamente, ein bisschen Geld, ein mobiles Ladegerät fürs Handy und einen Block mit Notizen zu seiner Route nach Europa hatte er dabei. Über 2.700 Kilometer trennen ihn nun von seiner alten Heimat Aleppo - und seiner Familie -, ein neues Zuhause hat er bei Straßenbahnfahrerin Andrea gefunden. "Auf Facebook hat jemand eine Bleibe für ihn gesucht", erinnert sie sich. "Ich las den Eintrag, schaute mich in meiner Wohnung um und dachte mir: ,Warum nicht? Platz hast du genug!'" Immerhin standen die Kinderzimmer ihrer beiden Söhne Martin Azim, 28, und Asad, 31, schon seit ein paar Jahren leer.

»Endlich bin ich Sicherheit, frei und kann an eine Zukunft ohne Sorgen denken.«

Seit knapp einem Jahr lebt Zakariya bei der Frau in Wien, und er hat sich bei ihr sofort wohlgefühlt. "Ich wurde so herzlich aufgenommen. Trotzdem war es nicht einfach für mich. Ich war plötzlich mit einer neuen Kultur konfrontiert, konnte die Sprache nicht." Sein Deutsch ist mittlerweile solide, nur bei den Artikeln harpert's noch. Manchmal sagt er sicherheitshalber "der, die das" vor einem Hauptwort, weil einer davon ja stimmen muss. Andrea flüstert ihm dann den richtigen Artikel zu. "Wahnsinn, wie gut er schon deutsch spricht", sagt sie stolz und erinnert sich an den Tag, als Zakariya bei ihr eingezogen ist: "Nachdem wir alle Behördenwege erledigt hatten, haben wir noch am selben Tag überall in der Wohnung Post-its mit deutschen Vokabeln auf die Möbel geklebt." Abends stand eine kleine Willkommensparty mit Familie und Freunden an. "Wir haben zusammen gekocht und einen netten Abend miteinander verbracht. Ich ließ dann auch noch eine kleine Spardose durch die Runde gehen. Am Ende sind genau 94 Euro zusammengekommen, mit denen sich Zakariya seinen ersten Sprachkurs leisten konnte."

Zakariya al Halabi
Das Verhältnis zu seiner Mutter Nadia ist nach wie vor eng: "Ich vermisse sie sehr, aber wir skypen, so oft es geht."

In der Wohnung klebten früher deutsche Wörter mit arabischer Übersetzung.

NEUES LEBEN UND VIELE ZIELE

Vor Kurzem hat er den vierten erfolgreich abgeschlossen - und jetzt mit einem einjährigen, bezahlten Praktikum in einem Labor bei der MA39 angefangen. Parallel dazu möchte Zakariya im neuen Jahr Chemie studieren, in Syrien hat er bereits zwei Semester absolviert. Außerdem am Plan: "Ich möchte unbedingt Geld für den Führerschein sparen." Die Ambitionen sind groß. Die Dankbarkeit für all die Möglichkeiten hier ebenso: "Dass ich in Österreich so gut aufgenommen wurde, ist ein großes Geschenk." Eines, das er sehr zu schätzen weiß. Seit er bei Andrea lebt, hilft er regelmäßig bei Flüchtlingsprojekten der Caritas mit. Das ist für ihn so selbstverständlich, dass er erst gar nicht davon erzählt. Erst Andrea berichtet davon, und man spürt, dass sie stolz darauf ist, was die beiden im vergangenen Jahr zusammen geschafft haben. Die Erlebnisse haben sie zusammengeschweißt, das Verhältnis zwischen ihnen wirkt innig und herzlich. Wenn Zakariya spricht, blickt er oft zu Andrea hinüber. "Ich bin ihr so unglaublich dankbar", lässt er zwischendurch, oft aus dem Nichts, immer wieder fallen. Das schönste Kompliment: "Ich sage Mama zu ihr. Weil sie mich immer unterstützt und mir so nahe steht." Andrea bestätigt lächelnd: "Er ist für mich wie ein dritter Sohn. Aber ich weiß, dass er seine Familie sehr vermisst. Sie lebt aktuell im Libanon, und ich möchte sie mit Zakariya nächstes Jahr dort besuchen." Die Eltern hat sie bereits über Skype kennengelernt: "Sein Vater hat gesagt, ich soll ihn an den Ohren ziehen, wenn er sich nicht benimmt." Zakariya wirft ein: "Das war ein Spaß!" Andrea kontert: "Ich glaube nicht. Aber im Ernst: Der Junge ist gut erzogen, ist immer respektvoll, hat Manieren und einen sehr weltoffenen und aufgeschlossenen Charakter. Es klingt kitschig, aber ist halt so: Seit er bei mir ist, hatten wir noch nie Probleme miteinander."

Zakariya al Halabi
Zakariya im Labor der MA39

EIN FEST DER FAMILIE

Heuer feiert der 22-Jährige zum zweiten Mal in seinem Leben Weihnachten. Da kommen Andreas Söhne vorbei, es wird zusammen gegessen, danach gibt 's Bescherung, und später sitzt man noch zusammen, plaudert und spielt stundenlang Gesellschaftsspiele.

"Ich komme aus einer sehr christlichen Familie aus einem kleinen Dorf in Niederösterreich", so Andrea, die später mit einem Pakistani verheiratet war. "In meiner Kindheit gingen wir in der Adventszeit jeden Tag zur Roratemesse in die Kirche. War man anwesend, bekam man einen Sternesticker, den man in ein Heft geklebt hat. Hatte man am Heiligabend alle Pickerl gesammelt, durfte man Heu oder das Christuskind in die Krippe legen." So traditionell geht's bei Familie Khan jetzt nicht mehr zu. "Wir gehen auch nicht mehr in die Kirche, weil da meine Söhne heute streiken." Dennoch legt Andrea sehr viel Wert auf ein schönes Weihnachtsfest. "Zakariya hat letztes Jahr den Baum geschmückt. Ich wollte ihn eigentlich in Rot und Silber halten, aber er hat einfach alle Kugeln draufgehängt, die er gefunden hat. Er wusste ja nicht, dass er den Baum dann auch wieder abräumen muss. Damit hat er dann fast einen halben Tag verbracht", lacht die Wienerin.

Zakariya al Halabi
Er liebt Weihnachten und die Adventszeit

Zakariya mag die Advents- und Weihnachtszeit. "Die Stadt ist schön dekoriert, überall hängen Lichterketten, und die Stimmung ist gut. Ich liebe die Kekse und das gute Essen am Heiligabend." Letztes Jahr gab 's Truthahn mit Kartoffelknödel. "War gar nicht so einfach, einen zu bekommen, der halal geschlachtet war", erzählt Andrea. Als gläubiger Moslem feiert Zakariya dabei natürlich gar nicht Weihnachten. "Wir diskutieren viel über Religion. Über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir respektieren einander - und darum funktioniert es auch so gut", ist sich Andrea sicher. Und Zakariya selbst empfindet den Glaubensaspekt sowieso als zweitrangig: "Im Grunde geht 's doch nicht um die Religion, sondern um etwas, worauf wir alle unterm Jahr meistens vergessen: Wie wichtig es ist, Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, um darüber nachzudenken, worum es im Leben wirklich geht." Zum Beispiel um Toleranz - und die zwei sind ein schönes Beispiel dafür, wie sie gelingen kann!

Thema: Report