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Warum kann man als Frau nicht sexy und lustig sein?

Die Wiener Karbarettistin Katie La Folle kann beides: Sexy UND lustig sein. Wir haben mit der 29-Jährigen über Klischee-Brüche und die Wichtigkeit von Frauen in der Comedy-Branche gesprochen!

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Katie La Folle

Katies Kollegin Barbara: Mal hassen sie sich, mal lieben sie sich.

© Leni Charles (studiounlabeled)

"Eine Kabarettistin in sexy Kleidern und High Heels? Eigenartig." - Nicht selten reagiert das Publikum auf die Wiener Künstlerin Katie La Folle mit Skepsis. Weil lustig und sexy sein - das passt irgendwie nicht. So zumindest die verbreitete Meinung. Katie La Folle sieht das nicht ein: "Ich wüsste nicht, warum ich nicht aufgebrezelt auf die Bühne kommen sollte? Ich tu einfach gern wonach mir ist und wenn ich einmal im Rollkragenpulli auf der Bühne stehen will, tu ich das auch!" Die 29-Jährige bricht mit ihrer Bühnenshow "Die folle Wahrheit" Gender-Klischees und beweist, dass sie eben beides kann: Aufgetackelt UND lustig sein. WOMAN hat mit ihr über ihr Leben als Show-Girl in Paris gesprochen und wie das Kabarett ihr mehr Selbstbewusstsein und "Scheiß-drauf-Einstellung" gebracht hat.

WOMAN: Liebe Katie, du hast nach deiner Ausbildung am Vienna Konservatorium als Tänzerin in Paris gearbeitet. Wie kam es dazu?
Katie La Folle: Ja, genau. Ich habe ja eigentlich Tanz, Gesang und Schauspiel studiert, aber ich wollte anfangs immer nur tanzen. Als mich dann eine meiner Lehrerinnen recht gepusht hat und mir dann erzählte, dass sie selbst mal in einem Cabaret in Paris getanzt hatte, habe ich mir erst ALLES was es im Netz zu finden gab über Pariser Cabarets (Lido, Moulin Rouge und Co) angeschaut und dann so richtig einen Narren dran gefressen. An diesen wunderschönen Menschen auf der Bühne, mit sensationellen Kostümen und diesen grazilen Bewegungen. Dann bin ich gleich mal zum Lido und habe vorgetanzt... hat natürlich nicht geklappt (lacht). Ein Jahr später erzählte mir eine Kollegin, das Nouvelle Eve mache eine Audition und zack war ich dort und noch schneller hatte ich einen Vertrag in der Hand. Ein Vortanzen wie man es aus den Filmen kennt. Und ein halbes Jahr später war ich schon am Proben in Paris.

»Es gehört schon einiges an Mut und Selbstvertrauen dazu, sich vor Menschen zu stellen und sich verbal und emotional zu entblößen.«
Katie La Folle Kabarettistin Wienerin

WOMAN: Wie sah deine Arbeit in dann Paris aus? Mädels in Korsagen und viele rote Federn?
Katie La Folle: Weniger Korsagen, dafür mehr hochgeschnittene 80er-Jahre-Strings und schöne Brüste (lacht). Spaß beiseite: wir waren in manchen Nummern auch mehr angezogen. Federn, Strass, Pailletten, Hüte, Netzstrümpfe und hohe Schuhe. Nicht zu vergessen, die Cancan-Kostüme. Aaaah tatsächlich, da gab es Korsagen.

WOMAN: Die Frauen, die den Cancan tanzen sehen dabei immer so glücklich aus. Warum grinsen sie immer so?
Katie La Folle: Puuuuh ... der Cancan. 12 Minuten hüpfen, kreischen, Beine werfen, in den Spagath springen und gute Laune (Savoir Vivre) versprühen ... man kommt sich vor wie ein aufgstacheltes Hendl! Eine zache Gschicht.

WOMAN: Also super-anstrengend, wenn man ein Show-Girl in Paris ist?
Katie La Folle: Die Arbeit an sich war recht hart. 12 Shows die Woche, 2 Shows pro Abend... manchmal, wenn sich was verschoben hat wegen Ausfällen der Substitute oder ähnliches, habe ich 10 Tage durchgehend gehackelt. Das zehrt und wenn ich ehrlich bin... brauch ich nimmer! Ich weiß aber jetzt, dass ich einfach unter JEDER Bedingung arbeiten kann. Alles geht, wenn man muss! Eine gute Schule!

WOMAN: Was hat dich am meisten genervt in dieser Zeit?
Katie La Folle: Intrigante Kolleginnen und das späte Schlafengehen.

WOMAN: Nun hast du eine eigene Comedy-Show, die von deiner Zeit als Tänzerin handelt. Wie kamst du auf die Idee, ein Comedy-Format daraus zu machen?
Katie La Folle: Ich hab dort die tollsten Höhen und schlimmsten Tiefen erlebt. Okay, es gibt immer Schlimmeres, wenn man mal seine Ersteweltprobleme vergleicht mit anderen aber ich habe angefangen meine Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben. Täglich war ich mehrere Stunden am Friedhof Père Lachaise und habe geschrieben. Das war der einzig ruhige Ort in Paris für mich. Manchmal dachte ich schon, ich bin in einem schlechten Film, wenn so manche Showbusiness-Klischees auf einmal erfüllt werden um einen herum. Da musste ich allein über das Erlebte schon lachen und dachte mir... hmmm das könnte noch mehr Leuten gefallen.

Zusätzlich haben mich meine liebsten und tollsten Freundinnen bestärkt über meinen Schatten zu springen. Der kreative Kopf Cherrellone von der österreichischen Band Mizgebonez, die wunderbare Bloggerin Christl Clear und Leni Charles, die mir so stilvoll die Richtung gezeigt hat und meine geduldige Regiesseuse Pamela Sinko.

WOMAN: Nun stehst du auf der Bühne und musst nicht mehr sexy, sondern lustig sein. Ist dir das Lustig-Sein angeboren oder musstest du es auch erst lernen?
Katie La Folle: Ich bin wohl teilweise mehr crazy als lustig, das macht es dann wieder lustig. Ich mag Unvorhersehbares und versuche das auch so gut es geht in mein Programm einfließen zu lassen. Man wird mich nie freiwillig einen Witz erzählen hören, das kann ich einfach gar nicht. Pointen schreiben, setzen und timen musste ich erst lernen, ja. Das lernt man aber nur mit Publikum. Wobei auch jedes Publikum anders reagiert, aber das macht die ganze Geschichte erst so spannend für mich. Ich war noch nie so nervös, vor einem Auftritt, wie vor meiner ersten halben Stunde „Die folle Wahrheit“ bei einer Mixed Show damals 2014. Das war crazy.

WOMAN: Wie kann man lernen lustig zu sein?
Katie La Folle: Drauf scheißen! So einfach gesagt... geht aber in die Tiefen unserer Psyche, die ja doch geprägt ist durch unsere Erfahrungen, Ängste, Enttäuschungen und sozialen Normen. Mir hat Improtraining total geholfen und ein künstlerisches Umfeld, in dem ich mich nicht „zamreißen“ musste. Ein Umfeld, das sich freut, wenn etwas Unvorhergesehenes, Verrücktes passiert. Ich fände toll, wenn es mehr losgelöste Menschen auch in anderen Branchen gäbe. Das macht das Leben erst spannend.

Katie La Folle

WOMAN: Einmal saß dein Boss aus Paris in der Show in Wien. Wie hat er reagiert, als er gesehen hat, wie du dich über deine Arbeit in Paris lustig machst?
Katie La Folle: Also ich muss dazu sagen, dass er nur 15 Minuten aus meinem Programm gesehen hat, ABER er hat es gefeiert! Ich war so nervös, aber er fand die Idee genial und hat mir ans Herz gelegt die Show auf Englisch zu übersetzen, weil er glaubt, dass das die Pariser, die ja sonst eher nicht in diese Cabaretshows gehen, lieben könnten. Wer weiß, vielleicht spiele ich diese Show irgendwann im selben Haus, in dem ich damals gelernt habe in den Spagat zu springen. Das wäre der Wahnsinn!

WOMAN: Gefühlt machen mehr Männer als Frauen Comedy. Woran liegt das?
Katie La Folle: Das Kabarett war immer eine Männerdomäne. Im Schauspiel sind Männer zu Shakespeare-zeiten in die Frauenkleider gesprungen und haben die weiblichen Charaktere im Stück verkörpert. Es ist ja kein Geheimnis, dass es wahnsinnig lange gedauert hat, dass Frauen überhaupt in so einem Beruf „erlaubt“ waren, „erwünscht“ wäre hier vielleicht sogar übertrieben.

Dieses Thema zieht sich ja leider durch jede Branche und ist auch heute noch lange nicht gegessen. Vielleicht sind weniger Frauen im Comedy-Bereich zu finden, da sie mit ihrer hart erarbeiteten, teilweise noch immer nicht zu 100 Prozent vorhandenen, Gleichberechtigung umgehen wie mit einem zerbrechlichen Glaskrug. Den will man beschützen, da ist man stolz drauf. Wir möchten stark und schön sein, ernst genommen werden, eines Tages vielleicht liebende Mutter sein und trotzdem die Karriereleiter genauso schnell raufsteigen wie Männer. Tausendsasser halt, ja so eierlegende Vollmilchsäue. Diesen Status möchte man wahrscheinlich oft nicht aufs Spiel setzen.

»Die Witze und lustigen Rollen blieben früher einfach immer eher den Herren, außer den Damen die das Dummerchen verkörpern„durften“.«

WOMAN: Warum ist es gerade wichtig, dass Frauen Comedy machen?
Katie La Folle: Im Comedy-Bereich spielt man sich ganz automatisch mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau und bricht Klischees... eben auch die der starken, selbstständigen Frau. Das kommt vielleicht manchmal nicht so gut an. Wir Frauen sind noch nicht lange so frei, wie ich mich beispielsweise heute fühle. Wie gesagt, ich kann wirklich nur von mir sprechen. Die Witze und lustigen Rollen blieben früher einfach immer eher den Herren, außer den Damen die das Dummerchen verkörpern„durften“. Auch wenn das schöne Geschlecht (es gibt natürlich auch viele schöne Männer) auf einmal lustig ist, entspricht das wohl nicht unbedingt den Erwartungen vieler Zuschauer. Es gibt natürlich immer Ausnahmen, aber auch ich merke manchmal, dass das Frausein auf der Bühne in Kombination mit dem Lustigsein oft überrascht. Umso stärker wird mein Drang weiterzumachen. Wir können uns jetzt langsam wohlfühlen, denke ich. Wir müssen ja auch keine BHs mehr verbrennen um unsere Emanzipation zu feiern und die Männer in egal welcher Branche sind nicht mehr unsere Feinde.

WOMAN: Du stehst mit sexy Bühnen-Outfit auf der Bühne und machst dich trotzdem zum Affen. Brichst du damit Klischees?
Katie La Folle: Das ist oft das Schönste für mich am ganzen Abend, dass ich einerseits die schöne Tänzerin oder Sängerin auf der Bühne sein darf, und andererseits die Leute durch absurde Körpersprache, sarkastische Bemerkungen oder auch nur durchs Gesichterverziehen zum Lachen bringe. Dieser Bruch ist sehr wichtig. So sehen die Leute das Menschliche in den Figuren, so können sie sich mit ihnen identifizieren. Hinter jeder schönen Frau (Person) verbirgt sich etwas „Normales“, etwas Menschliches. Sie hat genauso Ängste, Schwächen oder Komplexe.

WOMAN: Wie reagieren die Leute auf deine Bühnenfigur?
Katie La Folle: Man erwartet vermutlich im Kabarettbereich keine aufgebrezelte Frau auf der Bühne. Wie soll denn DIE lustig sein? Und genau deshalb tu ich es. Kostüm und Maske gehören für mich einfach zum Bühnenberuf. Ich wüsste nicht, warum ich diesen Teil auslassen sollte. Auch Haut zu zeigen ist etwas gewagt, wie ich festgestellt habe, aber ich tu einfach gern wonach mir ist und wenn ich einmal im Rollkragenpulli auf der Bühne stehen will, tu ich das auch.

WOMAN: Stehen Männer auf lustige Frauen?
Katie La Folle: Ich denke schon. Mit Humor punktet frau immer, weil es viel Spannung aus manchen Situationen nehmen kann und in Erinnerung bleibt. Mein toller Meditationslehrer in Indien hat immer betont: NOTHING IS SERIOUS... das versuche ich wirklich zu leben. Heißt nicht, dass man mit mir nicht eine ernsthafte Unterhaltung führen kann, aber diese Ansicht entstresst mich wahnsinnig und zaubert mir immer ein Lächeln auf die Lippen.

WOMAN: Hat Humor auch mit Selbstbewusstsein zu tun?
Katie La Folle: Auf jeden Fall. Es gehört schon einiges an Mut und Selbstvertrauen dazu, sich vor Menschen zu stellen und sich verbal und emotional zu entblößen.

WOMAN: Wie geht es bei dir weiter? Wann sehen wir dich als nächstes auf der Bühne?
Katie La Folle: Jetzt kommen wieder ein paar Abende mit "Die folle Wahrheit". Ganz zeitnah am 24. November 2016 im Theater am Alsergrund (19:30 Uhr) und am 15. Februar 2017 im Aera. Kommen Sie, kommen Sie!!!

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Wer jetzt noch Karten für die Vorstellung am 24. November 2016, um 19.30 Uhr im Theater am Alsergrund möchte, hat hier die letzte Chance: www.alsergrund.com

Thema: Sexismus

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