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Stunden des Ausharrens: So war es während des Anschlags in der Innenstadt zu sein

Unsere Redakteurin saß am Abend des Terroranschlags in einem Restaurant in der Innenstadt fest und berichtet über ihre Erfahrungen.

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Stunden des Ausharrens: So war es während des Anschlags in der Innenstadt zu sein
© 2020 Getty Images

Der zweite Tag nach dem Terroranschlag: Überall schwer bewaffnete Polizei, Absperrungen, Überwachung. Eine schwere Zeit für Wien. Für uns alle. Und auch am zweiten Tag fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Während des Terroranschlags saß ich mit einer Freundin in einem Asia-Restaurant am Wiener Opernring, einen Kilometer vom Tatort entfernt. Um 20:50 dann die erste Nachricht einer Kollegin: Am Schwedenplatz fallen Schüsse. Ich fühlte mich beunruhigt, Panik kam jedoch keine auf. Wir wogen uns in Sicherheit: Geistig mit dem kommenden Lockdown beschäftigt in einer der sichersten Städte der Welt – ein Terroranschlag war zu diesem Zeitpunkt weit aus der gedanklichen Reichweite.

"Es ist extrem ungewöhnlich, dass in Wien derartige Situationen passieren. Die Illusion 'Das kann bei uns gar nicht passieren' ist wie eine Blase, die uns umgibt, die uns sicherhält – ein wichtiger Mechanismus. Und plötzlich wird diese Blase aufs Brutalste durchstochen", erklärt Brigitte Schuster-Lueger, Psychologin zur Traumabewältigung, gestern in der einer Spezialsendung der "Zeit im Bild".

Wir fragten also um die Rechnung. Immer mehr Menschen standen auf, um das Restaurant zu verlassen. Das Handy lief plötzlich über. Warnungen, Fake News, die ersten Twitter-Meldungen – sofort war klar, wir müssen hier weg. Die Kellnerin bat uns, das Lokal erstmal nicht zu verlassen. Und auch Freundinnen warnten uns eindringlich, hier zu bleiben. "Mehrere Täter, mehrere Schauplätze" – für mich der schlimmste Moment des Abends. Uns wurde klar, dass wir in Gefahr sind. (Anmerkung: Wie die Ermittlungen bislang ergaben, soll der Attentäter alleine gehandelt haben). Wir versuchten Ruhe zu bewahren, die Blicke gingen durch das Lokal. Ein Polizeiwagen nach dem anderen raste vorbei. Wohin flüchten, wenn es ernst wird? Gemeinsam mit meiner Freundin inspizierte ich die Toilette und Fenster und fragte das Personal nach möglichen Fluchtwegen oder Kellern.

Die veröffentlichten Videos ließen Panik aufkommen

Die Besitzer des Lokals schlossen die Tür, das Licht ging aus. Nun bekamen wir es mit der Angst zu tun. Fassen kann ich die Lage bis heute noch nicht. Bewusst wurde mir vieles erst, als ich zu Hause war. Videos kursierten durch das Netz. Um zu verstehen, was am Schwedenplatz passierte, schaute ich sie mir an. Die Inhalte waren extrem, meine Atmung wurde schneller. Anstatt einen kühlen Kopf zu bewahren und ruhig zu bleiben, stieg das Gefühl der Angst in mir auf. Warum es falsch ist, während eines Anschlags Videos zu teilen, haben wir übrigens hier genauer ausgeführt.

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Stunden des Ausharrens

Gegen Mitternacht schien sich die Lage etwas zu beruhigen. Am Nebentisch liefen die Sondersendungen. Das gemeinsame Schauen, sich gegenseitig Mut zu machen, das Gefühl, nicht alleine zu sein, half dabei, die Situation auszuhalten. Verlassen konnten wir das Lokal nämlich noch lange nicht. Wir wurden bis in die frühen Morgenstunden kostenlos mit Getränken versorgt. Die Angestellten, die selbst mit der Situation überfordert waren, versuchten die Gäste zu beruhigen. Der Zusammenhalt war unter allen Anwesenden zu spüren. Kolleginnen, Freunde, Familie – jede Anteilnahme, jede "Durchhalten"-Message half uns, mit der Situation umzugehen. Die Anspannung fiel nach und nach ab. Völlig erschöpft konnten wir schließlich um 3 Uhr morgens nach Hause.

Geschichten des Zusammenhalts

Klaus Schwertner, Chef der Wiener Caritas, rief dazu auf, die Geschichten des Zusammenhalts vom Abend des Terroranschlags auf Instagram zu teilen. Zu sehen sind sie noch wenige Stunden in seinen Instagram-Stories. Menschen, die kostenlos in Hotels nächtigen konnten, in Lokalen oder Yogastudios Unterschlupf fanden und versorgt wurden und Konzerte, die zur Beruhigung weitergespielt wurden: Der kollektive Zusammenhalt war nicht nur während des Geschehens zu spüren, sondern wirkt mit Sicherheit noch lange nach. Alle #strongertogether-Geschichten seht ihr auf dem Instagram-Kanal von Klaus Schwertner.

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