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Wir testen eine Kuschelparty: Auf zum Rudelkuscheln!

Knuddeln ohne Liebe, wie geht das? Redakteurin Angelika war auf Spurensuche bei einer Kuschelparty in Ottakring. Es wurde gestreichelt, gestöhnt und getanzt. Alles ohne Sex, dafür mit verbundenen Augen und einem grünen Dino!

von

Kuschelparty

Voller Körpereinsatz

© Monika Saulich

"Du kannst dich ja nicht von wildfremden Menschen begrapschen lassen! Womöglich sind die alle ungeduscht und stinken!? Und überhaupt: Ist das eine getarnte Sexparty? Haben die Männer einen Kuschelständer?!" Herrlich, die Reaktionen auf meinen Plan, eine Kuschelparty in Wien-Ottakring zu besuchen. Eines gleich vorab: Dieses Event hat nichts mit Flirten zu tun! Und mit Sex schon gar nix! Bei Kuschelpartys soll das "absichtslose Berühren und Berührtwerden" im Vordergrund stehen. So steht's zumindest auf der Website der Veranstaltung. Ob das wirklich funktioniert?

180 Puls. Ein bisschen wie Neil Armstrong kurz vor der Mondlandung komme ich mir schon vor, als ich mit Herzrasen in der Abenddämmerung eine halbe Stunde zu früh in der Hyrtlgasse rumlungere. Mit im Gepäck: Notfalltropfen, Desinfektionsspray. Für alles bereit! Na ja, für fast alles.

Kurz bevor meine euphorische Aufregung ins Gegenteil kippt und in meinem Kopf erste Fluchtgedanken ("Jetzt ist es noch nicht zu spät!") laut werden, höre ich aus dem Finsteren eine Stimme: "Hey du!"- "Waaas ich?" - "Ja, du! Warte auf mich!" Schon stürmt eine etwa 40-jährige Dame mit Kurzhaarschnitt, dicker Daunenjacke und Motorradhelm in der Hand auf mich zu: "Hallo! Da geht's rein. Du willst doch bestimmt auch zum Kuscheln, oder?"

In der Garderobe des Seminarzentrums entblättert sich meine forsche Begleitung in nur wenigen Sekunden bis auf die Unterwäsche, neben ihr stehen zwei Herren um die 30, ebenfalls in Boxershorts. Und während ich noch überlege, ob ich mir die bunten Stoffschuhe überziehen möchte oder lieber doch nicht, haben die drei schon ihre Pyjamas angelegt.

Vollprofis in Frottee. Weiter geht's in den Gruppenraum, ich folge dem Trio unauffällig. Auf halbem Weg werden wir von Andrea Kiss und Klemens Untner abgestoppt. "Grüß euch, ihr Lieben, herzlich willkommen!" Kiss, 45, veranstaltet seit 2010 Kuschelpartys. Die herzliche Wienerin ist so etwas wie die "Zeremonienmeisterin" der Sause und Geschäftspartner Klemens, 50, assistiert ihr dabei. Er kassiert 18 Euro Eintritt und schreibt unsere Vornamen auf einen Klebestreifen. "Bitte auf die Brust damit! Heute kommen nämlich viele Neue vorbei", verrät er mit verschmitztem Lächeln.

Endlich sind wir im Gruppensaal angekommen, wo circa 25 Menschen nervös von einem Bein auf das andere treten. Es sind vielleicht 40 Prozent Frauen, der Rest Männer. Die Pyjamafraktion hat es sich schon auf den Matratzen am Boden gemütlich gemacht, die Neulinge wissen nicht so recht, was sie tun sollen. Nervöse Blicke, angespannte Körper. Unruhe breitet sich aus. Wer sind diese Menschen?

Was passiert heute noch? Zur Beruhigung lasse ich mir noch einmal ein paar Theorien durch den Kopf gehen. Haptikforscherinnen und -forscher behaupten ja, dass kein Lebewesen ohne Tastsinn überleben könnte. Und man geht davon aus, dass alleine schon eine zehnminütige Massage pro Tag komplexe neurobiologische Prozesse auslöst. Soll heißen: Die Herzfrequenz nimmt ab, die Atmung verflacht und wir fühlen uns happy und entstresst. Die Psychologie nennt unser Verlangen nach Körperkontakt "skin hunger", also Berührungshunger. Und den wollen wir heute stillen!

Schön langsam kommt Bewegung in die Gruppe. Kiss, die "Oberkuschlerin", spaziert mit einem grünen Plüsch-Dinosaurier durch den Raum und erklärt den Ablauf und die Regeln des Abends. "Berührungen in erogenen Zonen sind tabu. Wir wollen uns spielerisch begegnen!" Jetzt beginnt die Vorstellungsrunde, das Stofftier ist das erste Kuschelopfer, es wird im Kreis herumgereicht.

Viele erwarteten einen "spannenden Abend","ein paar gute Momente", möchten aber lieber nicht fotografiert oder interviewt werden, "um sich dem Genuss besser hingeben zu können". Ein Mitvierziger gesteht, dass er von seinen Kumpels angemeldet wurde. "Ich bin frischgebackener Single. Vor allem die kuscheligen Damen dürfen nähertreten!"

Die Gruppe lacht, das Eis scheint gebrochen, nächster Programmpunkt: Tanzen. Kiss legt dazu etwas Samba-Musik auf, und wieder zeigt sich, dass die Pyjamafraktion das mit dem lockeren Hüft-Move um Welten besser drauf hat als ich Fremdkuschel-Dinosaurier. Okay, ich geb's eh zu: So bewegungsunfähig hab ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. "Und jetzt nehmt euch an den Händen!", schreit die Moderatorin in die Menge und feuert uns klatschend an. Musik aus (endlich!), wir lassen uns schwitzend auf die Matratzen fallen - jetzt geht's ans Eingemachte!

Fifty Shades of Kuschelparty! Assistent Klemens reicht Augenbinden herum, ein paar "Freiwillige" sollen sich hinlegen, und zwei "Gebende" dürfen berühren. "Aber nur da, wo ihr wollt." Ich denke kurz an meine Nackenverspannung, schnappe mir eine Augenbinde, und los geht's - why not?

Ich weiß nicht, wer mich berührt. Vielleicht ist das auch besser so, rede ich mir ein. Drei Minuten später reiße ich die Binde wieder runter. Mein Nacken ist jetzt noch verspannter als vorher. In der Pause erzählt mir Klemens Untner, dass er über vier Jahre ohne Geruchssinn lebte. "Ich war Single und wusste nicht, dass mein Beziehungsproblem darauf zurückzuführen war. Wenn du Menschen nicht riechen kannst, bist du permanent am Hinterfragen. Mit den Kuschelpartys verbesserte sich mein Zustand." Dazu Kiss: "Streicheln heilt, davon bin ich überzeugt.

Wir alle sehnen uns nach Berührungen, oder? Vor allem junge Männer sind froh, dass sie hier einmal nicht ,ihren Mann stehen müssen', dass sie loslassen können, ganz ohne Leistungsdruck", erklärt die Veranstalterin, die im "echten" Leben als Erwachsenentrainerin arbeitet. "Der typische Besucher ist jemand, dem es komplett wurscht ist, wer sein Kuschelpartner ist." Ja, aber geht das wirklich, so ganz ohne sexuelle Absichten? Was zählt der beste Wille, wenn das Kopfkino mit einem durchgeht? Männer können ihre erotischen Gefühle ja manchmal "rein körperlich" gar nicht verstecken. "Hier zählt wieder die Absichtslosigkeit. Unsere Körper reagieren - so was ist völlig normal. Man muss das so nehmen, wie es ist, und nix damit wollen. Mir ist es wichtig, dass sich Frauen bei mir sicher fühlen. Sobald ich merke, dass Männer Grenzen überschreiten, greife ich ein", sagt Kiss.

In einer gleichgeschlechtlichen Kuschelrunde funktioniere diese Absichtslosigkeit am besten, betont Klemens Untner: "Ich war mal auf einer Kuschelparty mit nur vier Männern. Und weil ich definitiv hetero bin, war das echt fein, weil das Thema ,Partnersuche' im Oberstübchen deaktiviert war." Der Techniker lebt jetzt in einer Beziehung, seine "Kuschelbatterien sind also immer gut aufgeladen".

Bei Manfred, 47, herrscht seit Jahren ein Berührungsdefizit. Er ist Single und oft hier anzutreffen. Früher war er Marketing-Manager, jetzt möchte er sich als Körpertherapeut selbstständig machen. "Gerne mit einer neuen Partnerin! Für mich ist jede Berührung hier ein Geschenk", lächelt er und berührt dabei mein Knie. Während wir in der Teeküche plaudern, haben die Kuschelparty-Chefs den Saal zum XL-Matratzenlager umfunktioniert. Jetzt geht's in die Schlussphase, Gruppenkuscheln ist angesagt!

Wie auf Knopfdruck bilden sich am Boden kleine Inseln aus drei bis vier Personen. Das ist also der Höhepunkt der Kuschelparty, und ich bin live dabei. Zumindest als eigene Insel - allein am Matratzenrand! Es wird gestöhnt und gekichert, das Menschenknäuel verändert alle paar Minuten seine Form. Jetzt fehlt nur mehr, dass sich die Hardcore-Kuschler ihren Frottee-Pyjama vom Leib reißen und ähm Stopp!

Die zwei "Aufpasser" Andrea und Klemens lassen das wilde Treiben nicht aus den Augen - alles läuft nach Plan, so scheint's. Einzig der von den Kumpels angemeldete Single-Mann sitzt mit hängenden Schultern am Rand. "Irgendwie habe ich mir mehr erwartet", sagt er enttäuscht. Für Andrea Kiss nichts Neues: "Das ist keine Kuppel-Party. Vielmehr geht es darum, den Moment zu genießen. Und das ,Wollen' abzustellen."

Nur: Wenn Singles auf einer Matratze ihre Körper aneinanderschmiegen, wer denkt da noch an "Absichtslosigkeit"? Aber vielleicht lässt sich auch das lernen.

Mein Fazit: Für einsame Herzen ohne Berührungsängste sind Kuschelpartys ein praktischer Weg, die eigene Happyness zu boosten. Wer jedoch aktiv auf Partnersuche ist, sollte zur Sicherheit vielleicht auch noch Tinder installieren. Alle anderen können die Sause wohl eher unter "Been there, done that!" verbuchen. Ich freue mich auf meine Badewanne und denke mir: "Wow. Das waren wohl die längsten drei Stunden meines Lebens!"

Und so fing alles an:

Die ersten Cuddle Parties wurden 2004 in New York veranstaltet, damals noch für Paare, die mehr Schwung in ihre Beziehung bringen wollten. In Österreich zählt Andrea Kiss zu einer der Vorreiterinnen der Kuschelparty-Szene. Lust bekommen? Weitere Infos: diekuschelparty.at

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