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Der Testosteron-Mann: Besser als sein Ruf

Testosteron macht den Mann zum Mann. Aber macht das Sexualhormon auch aggressiv und egoistisch? Was ist dran am Mythos vom triebgesteuerten Alphatier?

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Der Testosteron-Mann: Besser als sein Ruf

Der typische Testosteron-Mann: Kantiges Kinn und Muckis

© iStockphoto

Was finden wir an einem Mann attraktiv? Nun: Nicht zu jedem Zeitpunkt dasselbe. Denn wie Attraktivitätsforscher und Sexualanthropologen festgestellt haben, bevorzugen wir je nach Hormonspiegel einen anderen Typus. Knapp vor unserem Eisprung, während der fruchtbaren Tage, da aktivieren wir Überreste aus der Steinzeit. Ein Mann mit markantem Kinn, mit breiten Schultern, mit starken Muskeln. Das ist es, was wir jetzt brauchen. Einen testosterongeladenen Erzeuger unseres Nachwuchses.

Ein paar Tage später sieht die hormonelle Lage dann wieder anders aus. Jetzt empfinden wir Männer mit weicheren, sanfteren Gesichtszügen attraktiv. Einen verlässlichen Ernährer für unsere Brut.

Denn für die langfristige Aufzucht der Kinder – dies ist in unseren Genen verankert – scheint uns ein Mann mit einem Überschuss an Testosteron als ungeeignet. Denn Testosteron, das männliche Sexualhormon, ist ein Stoff, der nur noch für das Böse verantwortlich gemacht wird: Aggression, entfesselte Triebe, Draufgängertum, Gewalttätigkeit.

Macht Testosteron aggressiv?

Doch was ist dran, an der Mär vom bösen Testosteron, das in den Hoden produziert wird und den Mann (neben den Genen) erst zum Mann macht? Tierstudien haben es belegt: ein hoher Testosteronspiegel im Blut hängt mit Aggro-Gehabe zusammen. Hamster attackieren unter dem Einfluss des Hormons eher ihre Artgenossen im gemeinsamen Käfig an.

Aber ist die Tierstudie auch auf den Menschen umlegbar? Zwar gerieten Häftlinge mit höherem Testosteron-Level in Gefängnissen eher in Konflikte – aber wirklich aussagekräftig sind diese Studien dann doch nicht. Denn in der Regel messen Wissenschaftler die Testosteronkonzentration der Studienteilnehmer im Blut. Die im Hirn vorhandene Menge, die für die Psyche und das Verhalten entscheidend ist, kann stark davon abweichen.

Tatsächlich ist nicht eindeutig nachweisbar, ob höhere Testosteronwerte nicht eher das Resultat von Aggressionen sind – und nicht der Auslöser.

Dafür macht Testosteron sexy

Belegt hingegen ist: Testosteron macht Lust auf Sex. Aber eben auch nicht immer, das wäre zwar toll für die Sexualtherapie, aber leider auch reichlich trivial. Denn weder wurde bei Sexualstraftätern mehr Testosteron im Blut gefunden als bei anderen Männern. Noch bedeutet ein hohes Level des Sexualhormons, dass der Testosteron-Mann immer und überall auf Anhieb kann.

Aggressiv, egoistisch, triebgesteuert?

Dass das Quatsch ist, haben amerikanische Forscher der Universität von Michigan herausgefunden. Demnach haben Männer – und das haben auch schon andere Studien gezeigt – einfach grundsätzlich mehr Lust auf Sex als Frauen. Studienleiterin Sari van Anders zufolge sei die bisherige Auslegung der Wirkung von hohen Testosteron-Leveln bei Männern deshalb falsch gewesen, weil andere Lust-Faktoren wie Stress und Attraktivität des derzeitigen Partners nicht beachtet wurden. Dies wurde jetzt bei der Befragung von 105 Männern und 95 Frauen – und der gleichzeitigen Untersuchung ihrer Hormonlevels – nachgeholt. Die Teilnehmer mussten Fragen nach ihrer Stimmung, ihrem Selbstempfinden, ihrem Stresslevel und ihrer Lust beantworten.

Und siehe da: Auch Männer, die über viel Testosteron verfügten, hatten in Stresszeiten wenig Lust auf Sex. Also nichts da mit „Sex-Bestien ohne Wenn und Aber“.

Männer mit viel Testosteron sind verantwortungslos

Um dieses Vorurteil zu untersuchen, luden Forscher Frauen zu einem Spiel ein. Eine Gruppe erhielt im Vorfeld Testosteron-Pillen, die anderen Probandinnen einfach nur ein Placebo. Wer was bekommen hatte, blieb geheim. Nach dem Spiel, bei dem die Probandinnen um Geld feilschten, fragten die Forscher: Glauben Sie, Sie haben das Hormonpräparat oder das Placebo bekommen? Und siehe da: Diejenigen, die dachten, sie hätten Testosteron bekommen, verhielten sich dominanter und weniger fair. In Wirklichkeit hatten sich aber die Frauen auf Testosteron deutlich fairer verhalten als diejenigen aus der Placebo-Gruppe.

Was wir daraus lernen können? Beim aggressiven, verantwortungslosen und triebgesteuerten Testosteron-Mann, dem rücksichtslosen Alphatier handelt es sich um einen Mythos. Testosteron macht den Mann zum Mann – aber nicht zum Viech.

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