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Furchtloser Kampf gegen die Kinder-Ehe

Theresa Kachindamoto stoppte in Malawi rund 850 Kinder-Ehen und beendete die sexuelle Ausbeutung junger Mädchen. Der furchtlose Kampf einer Frau!


Furchtloser Kampf gegen die Kinder-Ehe

Theresa Kachindamoto: Furchtlos gegen Ausbeutung von Frauen in Malawi

© UN WOMAN

Wer Theresa Kachindamoto begegnet, kann kaum glauben, dass diese Frau mit dem sanftmütigen Gesicht, die darauf besteht, dass ihre Gäste unbedingt eine Kleinigkeit essen, die Nippes in ihrem Haus aufstellt, einen erbitterten und zähen Kampf gegen die Kinder-Ehe im afrikanischen Malawi austrägt.

Als Theresa Kachindamoto vor 13 Jahren ihren Job als Sekretärin am städtischen College aufgab und mit ihrem Mann und den fünf Söhnen in die Provinz Dedza zurückkehrte, hatte sie eigentlich keinerlei Ambition auf ein politisches Amt. Doch die Stammes-Obersten wählten sie zum nächsten Oberhaupt des Bezirkes, "offenbar, weil ich gut mit Menschen umgehen kann," so Kachindamoto zu Al-Jazeera. "Ich wurde für den Job ausersehen, ob ich wollte oder nicht."

Kinderehen in Malawi

Plötzlich war sie verantwortlich für die 900.000 Menschen der Region. "Und damit konnte ich die Augen nicht mehr verschließen."

Malawi hat die höchste Rate an Kinderehen weltweit. Jedes zweite Mädchen heiratet, noch ehe sie 18 ist. Vor allem in ländlichen Gegenden werden die Kinder bereits im Alter von neun oder zehn Jahren zwangsverheiratet, um die finanzielle Lage der Familien zu verbessern.

Viele der Mädchen gebären ihr erstes Kind im Alter von 12 Jahren. "Ich bin eine Frau, ich bin Mutter," so Theresa Kachindamoto. "Ich weiß, was es bedeutet, Kinder zu bekommen. Und ich weiß ganz sicher, dass Mädchen in diesem Alter noch nicht dafür bereit sind." Bei vielen der Mädchen kommt es zu Komplikationen bei der Geburt, sie sterben noch im Kindsbett oder leiden unter Folgeschäden. Dazu kommen psychische Leiden. Die Zwangsehe mit einem wesentlich älteren Mann, der Sex, die Verantwortung als Mutter.... Kachindamoto: "Es ist eine körperliche und geistige Vergewaltigung."

Sexuelle Ausbeutung von Kindern

Eine weitere Tradition, das "Kusasa Fumbi"-Ritual (zu deutsch: "Reinigung"), sieht vor, dass die Mädchen (teilweise erst sieben Jahre alt) auf die Zwangs-Ehe vorbereitet werden. In dem mehrtägigen Initiationsritus lernen sie, verführerisch zu tanzen und ihrem Mann "sexuell zu gefallen." Dies beinhaltet auch Sex mit dem "Kusasa Fumbi"-Meister, der ihnen die Jungfräulichkeit nimmt. Denn für den "Meister" gilt der Sex mit einer Jungfrau als eine Art "Reinigung" von all seinen Sünden. In einem Land, in dem jeder Zehnte an HIV erkrankt ist, führen diese Riten für viele Mädchen in den direkten Tod.

"Ich habe Verantwortung. Als Frau, als Mutter, als Chefin über meine Region. Ich habe den Kampf aufgenommen, um diese Missstände zu durchbrechen," sagt Kachindamoto. Doch es gelang ihr im ersten Schritt nicht, die Stammes-Obersten oder Familien-Oberhäupter zu überzeugen. Zu verankert waren die Traditionen. Doch wenn sie schon die Mentalität nicht ändern kann – die Gesetze konnte sie ändern.

Als erstes ließ die ehemalige Sekretärin das "Reinigungs-Ritual" verbieten. Familien, die ihre Töchter in diese Lager schicken, müssen mit hohen Geldstrafen rechnen, die "Lehrer" kommen wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Dann forderte sie ihre 50 Bezirksleiter auf, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, dank der die Kinderehe abgeschafft wird – und alle zuletzt geschlossenen Zwangsehen ungültig wurden. "Wer nicht unterzeichnete, wurde von mir gefeuert," so Kachindamoto konsequent.

Binnen drei Jahren wurden dank dieser Vereinbarung mehr als 850 Kinderehen annuliert, die Mädchen wieder zurück in die Schulen geschickt. "Nur mit Bildungsprogrammen können wir diese unmenschliche Praxis beenden. Ich hole Frauen aus der Stadt, die an den Schulen vortragen und damit zu Vorbildern für die Mädchen werden. Ich möchte das Selbstbewusstsein der Frauen von Malawi stärken, damit sie sich selbst auf die Beine stellen und gegen Ungerechtigkeit und sexuelle Ausbeutung mit starker Stimme eintreten."

Selbst Morddrohungen konnten Kachindamotos Kampf nicht stoppen. Ihr größter Erfolg: Malawis Präsident Peter Mutharika unterzeichnete ein Gesetz zum Verbot der Ehe für Jugendliche unter 18 Jahren. Kachindamoto: "Aber damit ist mein Weg noch nicht beendet. Es ist schon lustig: Ich wollte diese Aufgabe eigentlich nicht. Und jetzt will und werde ich sie ausüben, bis man mich begraben muss."

Themen: Sexismus, Report