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Theresa Loidl berichtet: "Auf Wiedersehen, Japan! Doch mein Herz bleibt hier!"

Ein schwerer Abschied für Theresa Loidl (links im Bild, mit einer Freundin in Japan ), die Gattin des stellvertretenden österreichischen Botschafters in Japan: Nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan kehrt sie zurück nach Wien. Für WOMAN schreibt Theresa Loidl über ihre Erfahrungen und Gefühle...


Theresa Loidl berichtet: "Auf Wiedersehen, Japan! Doch mein Herz bleibt hier!"
© privat

Auf Wiedersehen Japan! Doch mein Herz bleibt hier!

Ich sitze am Flughafen in Osaka, warte auf meinen Flug nach Wien, um mich herum eine große Anzahl Ausländer, die alle so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren wollen. Es fällt mir sehr schwer gerade jetzt Japan zu verlassen, ist es mir doch in den letzten beiden Jahren zu meiner zweiten Heimat geworden. Doch die Situation ist mir zu ungewiss und daher habe ich mich nach langer Beratung mit meiner Familie dazu entschlossen doch nach Wien zu fliegen und dort abzuwarten.

Im Vergleich zum Flughafen Narita in Tokio ist hier am Kansai International Airport alles ruhig. Die Bilder im japanischen Fernsehen von Narita zeigen Schlangen von Menschen, die so rasch wie möglich versuchen Tickets zu bekommen und nicht wissen wann sie ausreisen können. Niemand weiß, ob Flugpläne eingehalten werden, ob Maschinen überhaupt noch in Tokio landen oder auf andere Flugplätze in Japan umgeleitet werden.

Auf den großen Zugstationen Tokyo Station und Shinagawa bietet sich ein ähnliches Bild. Menschenmassen, die aus Tokio weg möchten. Und auch hier ist aufgrund der immer wieder auftretenden Stromabschaltungen keine Einhaltung eines regulären Fahrplans möglich.

Es ist nicht zu glauben, welche Ereignisse sich in den letzten fünf Tagen abgespielt haben und welche Entwicklungen diese Situation mit sich bringt. Über die langfristigen Auswirkungen will und kann ich noch gar nicht nachdenken. Ich weiß nicht mehr, ob es mein Körper ist, der schwankt, da wir alle in den letzten Tagen sehr wenig geschlafen haben und natürlich auch der Gleichgewichtssinn stark beeinträchtigt ist oder ob schon wieder eines der zahlreichen Nachbeben gegeben hat.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt waren es weit über 400. Genaue Auskunft über die seismische Aktivität in Japan lässt sich auf der Website der Japan Meteorological Agency ( www.jma.go.jp/en/quake ) nachlesen. Auf jeden Fall empfinde ich, dass ständig alles schwankt und in Bewegung ist.

Wer in Japan lebt, muss jederzeit mit dem Auftreten eines Erdbebens rechnen. Kurz nach der Ankunft denkt man viel über Erdbeben nach, man erkundigt sich genau wie sicher die Häuser gebaut sind, wo sich die nächste Evakuierungszone befindet (zumeist im nächstgelegenen Park), wie viel Notration an Wasser und Essen man zuhause haben sollte und wohin man am besten den gepackten Notrucksack, der die nötigsten Dinge wie Taschenlampen und warme Kleidung enthält, hinstellt.

Aber nach und nach kehrt der Alltag ein und langsam denkt man nicht mehr über den Notfall nach. Meist wird man erst wieder von Gästen oder Familienmitgliedern, die aus der Heimat zu Besuch sind, mit diesem Umstand konfrontiert, da doch in jedem Reiseführer Erdbeben in Japan ein eigenes Kapitel einnehmen und Sicherheitsvorkehrungen und das Verhalten in so einer Situation genauestens erörtert werden.

Wir haben uns an die täglichen kleinen Beben gewöhnt, auch damit umzugehen, oft in der Nacht durch unsanfte Stöße geweckt zu werden, sich schlaftrunken umzudrehen und rasch wieder einzuschlafen. Oder auch an die kleinen oder größeren Schäden in jeder Wohnung, wie jene unschönen Risse an Wand und Boden, die durch diese ständigen Bewegungen hervorgerufen werden.

Diese täglichen kleinen Schwankungen werden zwar noch wahrgenommen aber schon lange nicht mehr mit vielen Worten erörtert. Meistens entschließt man sich auch dazu, kurz nach der Ankunft in Japan an einer Übung im Katastrophenschutzzentrum in Yokohama teilzunehmen um Erfahrung zu sammeln für den richtigen Umgang mit der Situation im Ernstfall.

Dabei ist es anfänglich noch recht amüsant im Erdbebensimulator mit den Händen überm Kopf unter den Tisch zu kriechen um die künstlichen Schwankungen im nachgebauten japanischen Wohnzimmer unbeschadet zu überstehen, doch erst als sich die Schwankungen in Richtung 7 auf der nach oben offenen Richterskala bewegen, wird es einem ordentlich mulmig zumute und man hofft nur noch, dass es rasch aufhört.

Das Erdbeben, das sich letzten Freitag in der Region Sendai ereignet hat, war ein Beben der Stärke 9! Das Ausmaß einer solchen Naturgewalt ist unvorstellbar und unabsehbar.

Dabei handelt es sich um Auswirkungen der schlimmsten Art.
Wenn man sich selbst nach diesem katastrophalen Beben in der Evakuierungszone inmitten all dieser Menschen, die gerade das gleiche Schreckliche erlebt haben, wiederfindet, langsam zu begreifen beginnt, welche Dinge sich da gerade abgespielt haben, dann kann man nur dankbar darüber sein, alles unbeschadet überstanden zu haben. Auch wenn in der Wohnung etliches zerstört oder kaputt ist, man ist froh, dass es vorbei ist.

Was auffällt ist die unheimliche Ruhe, die herrscht, man hört kein lautes Wort und sogar das Zwitschern der Vögel ist verstummt. Diese Stille wird nur durch die Stimme in den, für diesen Fall überall präsenten, Lautsprechern, die Anordnungen für die Hilfsdienste geben, unterbrochen. Jeder versucht Angehörige und Freunde zu erreichen, aber die meisten Handynetzte sind überlastet und es ist erst nach Sunden ein Durchkommen möglich.

Auch Strom ist ausgefallen, doch die viele Büros und Apartmentkomplexe haben Notstromaggregate. Dank der ausgeklügelten Bauweise gibt es verhältnismäßig wenige Schäden an Gebäuden und Bauwerken. Das viel größere Problem ist, dass durch den Stromausfall große Teile der Stadt und vor allem die Züge und Bahnen lahmlegt sind. Der Verkehr kommt fast gänzlich zum Stillstand.

Die Straßen sind voll mit Autos, Fahrrädern, aber hauptsächlich mit Menschen, die aufgrund dieser Zugsausfälle, zumeist kilometerweit, zu Fuß nachhause gehen müssen, wenn sie nicht im Büro oder bei Freunden übernachten können. Aber diese unglaubliche Masse bewegt sich ruhig und geordnet, das eben Erlebte hat die Menschen Japans wieder einmal daran erinnert, dass sie nur zusammen stark sind und in der Ruhe die Kraft liegt, anders als in anderen Ländern, in denen so ein Erdbeben neben all seinen Wirkungen vor allem menschliche Emotionen freigesetzt hätte.

Aber die Ruhe wirkt unnatürlich. Das Wetter ist strahlend schön. Der Frühling steht vor der Tür, überall sprießen grüne Blätter. Es ist die Zeit der Kirschblüte, die Kirschen haben ihre ersten Knospen und sind kurz vor dem Aufspringen. Dann der erste Blick in den Fernseher.
Die Bilder in den Medien erscheinen nicht real, unwirklich, ein Horrorfilm, nein ein Horrorszenario!

Nur langsam beginne ich zu realisieren, dass gerade ein Land, wie von magischer Hand, entzwei geteilt wurde. Der Norden ein Katastrophengebiet mit unvorstellbarem menschlichen Leid, Tsunamis, die ganze Städte und Züge verschlucken, überhaupt eine ungeahnte Zerstörung und Verwüstung, doch damit nicht genug auch noch einer drohenden Atomkatastrophe, in einem durch das Beben zu Schaden gekommenen Atomkraftwerk.

Im Süden des Landes geht das Leben weiter wie bisher, fast als ob nichts geschehen wäre. Eine Naturgewalt hat eine unsichtbare Grenze durch ein Land gezogen. Aber es gibt Dinge, die vor dieser Grenze keinen Halt machen und die Katastrophe nur noch weiter ausdehnen. Radioaktive Strahlung!

Am Tag nach dem Beben versuchen alle so schnell wie möglich wieder mit einer normalen Alltagsroutine zu beginnen. Dieses Ereignis hat die Menschen in Japan noch mehr zusammengeschweißt. Auch die Ausländer, die in Japan leben sind noch einen Schritt näher zusammengerückt. Jeder versucht zu helfen wo er nur kann, versucht auch Freunde und Familienmitglieder über die Situation auf dem Laufenden zu halten und zu entscheiden, wie es weitergehen soll.

Menschen sind am Weg in die Arbeit, Kinder gehen in die Schule, auch wenn dieser Weg sehr mühsam ist, da es keinen regelmäßigen Zugsverkehr gibt und die Straßen noch immer völlig überlastet sind. Die Versorgung ist zwar gesichert, trotzdem kommt es immer wieder zu leeren Regalen in den Supermärkten, da die Menschen Hamsterkäufe tätigen. Vor allem Wasser, Dosen, Brot, aber auch Taschenlampen, Toilettenpapier und andere Hygieneartikel werden gegen Abend knapp.

In der Nacht wirkt Tokio, normalerweise eine Stadt, die niemals schläft, mehr und mehr wie eine Geisterstadt. Aufgrund der Stromrationierung werden leuchtende Werbungen und Reklametafeln abgeschaltet, nur wenige Cafés und Restaurants haben geöffnet.

Zumindest das Zentrum bleibt von den angekündigten Stromabschaltungen, die dazu dienen sollen Strom zu sparen, verschont.
Aber leider beginnt sich die Situation nicht wirklich zu beruhigen. Medien berichten, dass die Schäden des zerstörten Atomkraftwerkes nicht in den Griff zu bekommen zu sein scheinen. Es wird sogar befürchtet, dass die radioaktive Strahlung bis in den Großraum Tokio gelangt. Es kommt stündlich zu neuen Hiobsbotschaften.

Jetzt kommt vor allem Bewegung in die hier lebenden Ausländer. Die Deutsche Schule wird vorübergehend geschlossen, viele Firmen beginnen vorerst die Angehörigen der Mitarbeiter, später auch Mitarbeiter selbst zurückauszufliegen oder die Firmensitze in Nachbarländer zu verlegen. Andere Firmen und Botschaften weichen in südlichere Städte, wie Nagoya, Osaka, Kyoto oder Fukuoka aus.

Aber auch viele Japaner versuchen zu Freunden oder Familien in diesen teilen des Landes gelangen zu können. Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand sagen, wie lange diese vorrübergehenden Maßnahmen in Kraft bleiben und vor allem wie es weiter gehen wird.

Ich wünsche mir so sehr, dass die Situation im Atomkraftwerk Fukushima bald in den Griff bekommen wird und wir alle so schnell wie möglich nach Tokio zurückkehren können!

Theresa Loidl