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Theresa Loidl über ihre Heimkehr von Japan nach Wien: Dunkle Erinnerungen

Ein schwerer Abschied für Theresa Loidl (links im Bild, mit einer Freundin in Japan ), die Gattin des stellvertretenden österreichischen Botschafters in Japan: Nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan kehrt sie zurück nach Wien. Für WOMAN schreibt Theresa Loidl über ihre Erfahrungen und Gefühle...


Theresa Loidl über ihre Heimkehr von Japan nach Wien: Dunkle Erinnerungen
© privat

Ähnlich wie New York ist auch Tokio eine Stadt, die niemals schläft. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist Bewegung auf den Straßen. Eine Stadt, die nie zur Ruhe kommt. Unzählige Cafés, Restaurants, Bars und Supermärkte haben 24 Stunden geöffnet. So wird Tokio in der Nacht zu einer wahren Lichtorgie, oben auf Hochhäusern und Brücken findet man hell angestrahlte Plakatwände aber auch flimmernde Riesenbildschirme mit der neuesten Werbung, darunter die unterschiedlichste Straßen- und Geschäftsbeleuchtung.

Untermalt wird das Lichtermeer von tollen Geräuschen. Von überall her ertönen Stimmen, menschliche wie Computer animierte, aus Getränke- und Fahrkartenautomaten, aber auch vor Geschäften und Restaurants, um neue Kundschaft anzulocken.

Und dann plötzlich, Dunkelheit und Stille. Die Stromsparmaßnahmen machen vor der Millionenmetropole nicht halt und auf einmal ist alles finster und ruhig. Keine beleuchtete Werbung mehr, die Riesenbildschirme sind abgeschaltet. Die Straßenbeleuchtung ist nur mehr ganz schwach, die Geschäfte sind dunkel.

Aber auch die Stimmen aus den Lautsprechern sind verklungen, Restaurants, Cafés und Bars haben geschlossen und die Menschen eilen nach Hause, da auch die Züge noch immer nicht regelmäßig fahren. Aber auch in Wohnungen und Büros wird Strom gespart und die Fenster bleiben dunkel.

Die Dunkelheit legt sich wie ein Mantel über die Stadt, in der nur mehr die Scheinwerfer, der dank Flüsterbeton und Hybridmotoren fast lautlos dahingleitenden Autos eine stetige Lichtquelle darstellen.

Tokio, das zur Weihnachtszeit in vielen Stadtvierteln vor Einkaufszentren und auf öffentlichen Plätzen, ganze Parkanlagen und Alleen mit Lichterketten umwickelt und Menschenmassen zur Eröffnung dieser Lichtspiele pilgern. Der Tokio-Tower und all die anderen Hochhäuser, die nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern jeden Abend fast stündlich in unterschiedlich bunten Farben erstrahlen.

Ich gehe durch eine völlig fremde Stadt. Schatten und fremde Umrisse verzerren mein gewohntes Bild von Tokio. Die Nacht ist klar und die Sterne leuchten konkurrenzlos am Himmel. Das Fehlen des gewohnten Lärmpegels. Die Straßen leeren sich rasch. Es ist geradezu unheimlich!
Es ist als würde sich die ganze Stadt zur Ruhe begeben, als würde die ganze Stadt schlafen gehen um erst mit der nächsten Dämmerung zu neuem Leben erwachen.

Theresa Loidl