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Thomas Glavinic im WOMAN-Interview:
Der Autor über Ängste, Süchte und Co..

Ein Mann mit massiven Drogenproblemen räsoniert abschätzig über die Welt. Mit seinem Sohn hat er sich nach einem Einbruch in der Einschicht versteckt, aus Angst vor einem Phantom, das bestialisches Unheil wie Foltermorde auslöste: "Lisa". Mit WOMAN sprach Thomas Glavinic, 38, über Ängste, Süchte und den Wunsch, aus seinem Leben auszubrechen.


Thomas Glavinic im WOMAN-Interview:
Der Autor über Ängste, Süchte und Co..
© Ingo Pertramer

WOMAN: Warum ist dieses Phantom, Lisa, weiblich?

Glavinic: Weil die Geschichte an einen realen Fall angelehnt ist. Außerdem würde die Geschichte mit einem männlichen Täter auch nur halb so gut funktionieren. Grausamkeit wird rätselhafter, wenn ihr Urheber eine Frau ist. Frauen begehen im Allgemeinen keine brutalen Morde.

WOMAN: Ihr Buch ist sehr amüsant, wenn der Ich-Erzähler über die ganze Welt schimpft, aber dann erschreckend unheimlich, wenn er die Gräueltaten Lisas beschreibt.

Glavinic: Ich habe versucht, zwei Ebenen ineinander zu verschränken, die Horrorebene des Kriminalfalles und die heitere, kuriose der Weltbetrachtung des Erzählers. Und dabei im Hintergrund etwas Geheimnisvolles zu beschwören, das dem Leser vielleicht sogar Angst macht.

WOMAN: Was jagt Ihnen Angst ein?

Glavinic: Albernheiten! Ich fürchte mich vor Geistern. Und es mir mitunter unangenehm, im Dunklen einzuschlafen.

WOMAN: Die Angst umgibt uns ununterbrochen?

Glavinic: Die Angst steckt in uns und wird uns auch nicht loslassen. Es gibt Leute, die können sie wunderbar verdrängen, ich kann das nicht so besonders, aber ich kann mit ihr ganz gut umgehen.

WOMAN: Der Mann hat einiges von Ihnen, auch Sie haben einen Sohn, wie filtern Sie Ihr Ego von der Romanfigur?

Glavinic: Na, hoffentlich habe ich nicht viel von ihm (lacht) . Aber ich schreibe aus meinem Inneren heraus, über Motive, die meine sind. Angst, Einsamkeit, Liebe sind fesselnde Themen, die mich nie loslassen.

WOMAN: Schwingt da nicht eine Eitelkeit mit, wenn in Ihren Romanfiguren, Facetten von Ihnen zu erkennen sind?

Glavinic: Wer ist denn nicht eitel? Ein Mensch ohne Eitelkeit ist unehrlich oder weiß nicht, dass es eine gewisse Selbstachtung braucht, um etwas zu leisten. Ja, es gibt in „Lisa“ den humoristischen, verspielten Handlungsstrang, in dem ich mich da und dort wieder erkenne. Humor ist für mich das, was mich aufrecht hält und mir hilft, die unfreundlichen Seiten des Daseins erträglicher zu machen.

WOMAN: Haben Sie Angst vor einer Sucht?

Glavinic: Ich bin durchaus ein suchtgefährdeter Mensch und kenne auch fast nur Menschen, die auf irgendeinem Gebiet nicht ganz das rechte Maß finden. Bei mir sind es mehrere Gebiete, aber je älter man wird, desto ruhiger wird man ja zum Glück auch.

WOMAN: Rettet Sie das Schreiben?

Glavinic: Retten, nein. Das einzige, was mich schützt, ist das Bewusstsein, etwas Unvernünftiges zu tun. Ich habe vor sieben Jahren aufgehört zu rauchen, weil ich vier Schachteln am Tag dann doch als unvernünftig ansehen konnte. Ich habe den Mechanismus in mir, alles was meinem Schreiben schadet, so bald wie möglich wieder abzulegen. Dinge, die die kognitiven Fähigkeiten verwüsten, werden nie Macht über mich gewinnen. Ich habe keine Lust, mit 50 ein sabbernder Idiot zu sein, der seinen Verstand im Weinkeller gelassen hat.

WOMAN: Sehr vernünftig!

Glavinic: Weiß ich nicht, es ist eher fanatisch. Nicht abzurutschen in eine Existenz, die ich nicht mehr unter Kontrolle habe. Ich möchte nicht der Knecht meiner Gelüste sein. Das heißt ja nicht, dass man sie nicht haben darf und ihnen dosiert nachgeben kann.

WOMAN: Im Buch heißt es: In jedem von uns steckt die Idee, sein Leben zum Teufel zu schicken. Das haben Sie als Erfolgsautor aber nicht nötig!

Glavinic: In jedem steckt doch der Wunsch, etwas völlig Unwiderrufliches zu machen. Viele haben den Gedanken, ihr Leben in die Luft zu jagen und ein völlig anderes anzufangen. Wer kann schon sagen, er ist vollkommen zufrieden und fände es nicht reizvoll, etwas komplett anderes zu machen aus seinem Leben?

WOMAN: Sie auch?

Glavinic: Ja sicher. Ich will an anderen Orten leben, allerdings immer wieder nach Wien zurückkommen, weil es eine Stadt mit hoher Lebensqualität ist. Es wäre schön, im Winter in Asien am Meer zu leben. Einfach nur schreiben und herumspazieren. Oder Monate in New York oder Rom verbringen. Mit einem kleinen Kind ist das aber kaum möglich.

WOMAN: Sind Sie schwierig im Umgang?

Glavinic: Haben Sie das Gefühl? Ich bin sogar sehr einfach im Umgang, doch auf gewisse Dinge wie Rücksichtslosigkeit oder Unprofessionalität reagiere ich allergisch. Abgesehen davon kann man mich gern aufziehen und über mich lachen, ich bin da sehr geduldig. Jedenfalls möchte ich den Menschen so gegenübertreten, dass sie es mit mir aushalten, ohne von Schreikrämpfen oder Verzweiflungsgefühlen überwältigt zu werden.

MEHR zu Thomas Glavinic finden Sie in WOMAN 03/2011!

Redaktion: Andrea Braunsteiner