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Tinnitus: Der irre Ton im Ohr

Rund 200.000 Österreicher leiden unter qualvollen Ohrgeräuschen. Meist ist Stress ein Auslöser. Tinnitus ist oft auch Vorbote eines Burnouts. Was den irren Ton mindert.

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Tinnitus: Der irre Ton im Ohr

Neue Therapien mindern den Tinnitus

© Corbis

Das Leiden ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Damals waren allerdings nur wenige von qualvollen Ohrgeräuschen wie Sausen, Klirren, Brummen oder Pfeifen betroffen. Es waren generell Zeitalter mit wenig Lärm und mehr Beschaulichkeit.

In der hektischen Neuzeit sprechen Experten beim sogenannten Tinnitus schon von einem Volksleiden, weil geschätzte 200.000 Österreicher davon betroffen sind. "Es ist ein Zivilisations-Phänomen geworden“, sagt Herwig Edlinger, HNO-Facharzt, der in Feldbach in der Steiermark Österreichs einzige Klinik für von Tinnitus Betroffene führt.

Die Auslöser für Tinnitus

Reizüberflutungen einer "Spaßgesellschaft“, die nach Unterhaltung und Konsum strebt, gepaart mit Bewegungsarmut und falscher Ernährung, nennt der Experte als die Voraussetzungen für das Leiden. Lärm, chronisch oder akut, tut das seinige dazu, die Ohren zu ruinieren. Immer mehr junge Patienten sind betroffen. Die Auslöser für die Krankheit reichen aber auch von Zahn- oder Halswirbelfehlstellungen bis zu Stressfaktoren. Bei Letzteren kommt es im Innenohr durch die Ausschüttung von Stresshormonen zu einer Gefäßverkrampfung und zum Tinnitus. Aber auch organische Gründe spielen mit. Rauchen, Übergewicht und ein zu hoher Cholesterinspiegel können ebenfalls zum Gefäßverschluss führen, zum Hörinfarkt, ähnlich dem Herzinfarkt.

Unterträglich: Das Pfeifen im Ohr

Hörsturz vor dem Tinnitus

Häufig, aber nicht zwingend geht der "Hölle im Ohr“ ein Hörsturz voraus. Worunter man "einen plötzlichen Hörverlust unterschiedlichen Ausmaßes“ versteht, ausgelöst entweder durch einen Infarkt im Ohr, der durch eine akute Durchblutungsstörung bedingt ist, oder als Folge einer Infektion. "Der Hörsturz“, so Primar Edlinger, "geht immer mit Hörverlust von geringfügig bis taub einher. Und zu 95 Prozent mit Ohrgeräuschen sowie zu 50 Prozent mit Schwindel.“

Der HNO-Spezialist stellt nach wie vor fest, "dass die Medizin das Problem lang hintangestellt hat und sich nur wenige Kollegen dessen ernsthaft annehmen“. Eine Katastrophe für viele Patienten, die sich alleingelassen fühlen. Denn das ungewollte Orchester im Ohr kann sich extrem auf die Lebensqualität auswirken. Mit das Schlimmste ist der Schlafmangel: "Durch die Geräusche kann man nicht einschlafen und nicht durchschlafen, ist am nächsten Tag wie gerädert“, schildert der Mediziner. "Durch das Schlafdefizit ist man irgendwann physisch so parterre, dass es einem auch psychisch schlecht geht.“

Die Ohrgeräusche stören natürlich auch bei der Arbeit, beim Lesen, bei der Unterhaltung mit anderen - eigentlich bei allem, was man tut. Die anfänglichen Reaktionen wie Nervosität, Gereiztheit und Unpässlichkeit können in weiterer Folge zu Arbeits- und Gesellschaftsunlust führen, ein Rückzugs- und Isolationsbedürfnis auslösen. "Am Schluss“, so Herwig Edlinger, "steht dann häufig die Depression.“

Diagnose & neue Forschungen

Durch die vielen möglichen Auslöser für Tinnitus ist eine gründliche fachärztliche Abklärung aller infrage kommenden Ursachen notwendig. Mit der richtigen Diagnose steigen die Heilungschancen. "Man kann heute enorm viel machen“, sagt Edlinger. Die gute Nachricht: In allen Stadien, auch nach jahrzehntelangem Leiden, kann man helfen, so der Spezialist. Wenn man als Akutpatient sehr schnell zum Arzt geht, reicht häufig eine Therapie mit relativ einfachen medikamentösen Maßnahmen, die eine Sauerstoffverbesserung im Innenohr bewirken. Wenn das nichts nützt und auch bei chronischem Tinnitus setzt der Experte auf ein Therapiekonzentrat, das auf die Ohren, den gesamten Organismus und die Psyche wirkt. Neben Medikamenten werden physikalische, apparative, diätetische, psychotherapeutische, aufklärende und beratende (counselling) sowie musiktherapeutische Maßnahmen gesetzt.

Wolfgang Bigenzahn, Leiter der klinischen Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am Wiener AKH, widmet sich dem myognathen Tinnitus, der etwa durch Probleme im Zahn- und Kieferbereich ausgelöst wird, wozu auch nächtliches Zähneknirschen gehört. Tinnitus wird zwar im Ohr wahrgenommen, entsteht aber - so die Forschungsergebnisse von Lutz Jäncke an der MedUni Zürich und Christo Pantev an der Uni Münster - im Gehirn. Die Forscher leiteten Studien über Musiktherapie, die den auditiven Cortex im Gehirn wohltuend beeinflussen und damit die störenden Geräusche im Ohr eliminieren soll.

Infos: www.edlinger-hno.at, www.meduniwien.ac.at/hno