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Tourismus-Werbung in Österreich: Wenn Spannen als "romantisch" dargestellt wird

"Und? Wie hast du deinen Mann kennengelernt?" "Ach, er hat mich heimlich beim Umziehen beobachtet." "Jööö, wie lieb!" Nein, diesen Dialog können wir uns leider beim besten Willen nicht vorstellen. Warum wird dann eine Geschichte dieser Art in einem Werbespot für das Land Kärnten erzählt?

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 Kärnten – Geschmack der Kindheit - Guckloch
© Screenshot/ Kärnten - Lust am Leben

Stell dir vor, du stehst in einer Umkleidekabine. Du kleidest dich um, du bist nackt. Da ist ein Loch in der Wand – und durch dieses Loch wirst du beobachtet. Von einem Typen, der das Loch gebohrt hat, um nackte Frauen zu sehen. Wenn sie sich unbeobachtet und durch die Wände der Kabine geschützt fühlen.

Welche Gefühle ruft diese Szene bei dir hervor? Bei mir: Unbehagen, Wut, ein Gefühl der sexuellen Belästigung.

Die neue Werbung für das Land Kärnten will uns diesen Plot als nostalgische Kindheitserinnerungen samt Romantik verkaufen:

Der Werbe-Clip zeigt einen älteren Herr, der mit einer Feile ein Loch in einer Holzwand bearbeitet. Dann sieht man ihn mit einer Frau, sie schnappt ihren Badeanzug, man geht gemeinsam zu einer Kabine. Während sie sich umzieht, spannt er durch besagtes Loch.

Anschließend fahren beide noch Boot und hoppsen lachend in den See. Den Abschluss macht das Logo des Tourismusportals des Landes Kärnten und der g'schmackige Slogan „Kärnten - Lust am Leben“.

Idyllisch.

Die gezeigte Landschaft. Nicht der Inhalt des Clips.

Auf der Website des Tourismusportals wird die Kampagnenidee wie folgt skizziert:

„Kärnten-Urlaube unserer Kindheit sind Erinnerungen, die uns unser Leben lang begleiten. Auch heute sehnen sich viele von uns nach dieser unbeschwerten Zeit voller Abenteuer, Freiheit und Unbekümmertheit – eben nach dem Geschmack der Kindheit.
Wie steht’s mit Ihnen? Hatten Sie als Kind auch keine Scheu barfuß in so manche Überraschung zu tappen? Oder waren Sie vielleicht ein Schlawiner, der die Mädchen heimlich durch ein Guckloch beim Umziehen beobachtete?"

Der "Spanner" ist in den Augen der Kärnten Touristiker offenbar ein frecher "Schlawiner". Für mich: Eine krasse Verharmlosung und Romantisierung eines Übergriffes in die Privatsphäre. Nun kann man argumentiern, dass sich das Paar im Filmchen ja kenne, es möglicherweise ein abstruses Rollenspielchen sei – aber es wird ja auch impliziert, dass das voyeuröse Gespanne die Kennenlerngeschichte der Protagonisten sei. Hat er halt durchs Guckloch gespannt, der Schlawiner. Mein Gotterl, net aufregen. Das kann noch immer Liebe werden ...

Voyeurismus ist in Österreich (und Deutschland) übrigens strafbar. Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) wird diese Form der sexuellen Belästigung zwar nicht explizit erwähnt –  doch anhand der Urteilspraxis wird sexuelle Belästigung als solche angesehen, sobald das Opfer eine Handlung als Übergriff wertet. Und für den Belästiger erkennbar unerwünscht ist.

Wir haben der Pressevertretung des Tourismusportals des Landes Kärnten die Frage nach der Intention dieses Werbespots gestellt. Warum wird hier ein „Spanner“ als „Schlawiner“ präsentiert? Und warum eine für Frauen überaus unangenehme Vorgehensweise verharmlost? Hier die Rückmeldung:

"Das Video zeigt eine Liebesgeschichte, wie sie sich in der Jugend der Protagonisten in Kärnten vielleicht zugetragen hat. Das Paar kommt zurück an den Ort, wo es sich kennengelernt hat und die beiden lassen diese überaus positiven Erinnerungen wieder aufleben: „bin wieder da – wie früher – in meiner Kindheit“."

Wahrlich - romantischer und positiver kann der Beginn einer Liebesgeschichte gar nicht erinnerlich sein...

Themen: Report, Sexismus