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Tragödie Love Parade – Julia P. berichtet über ihre Erlebnisse: "Ich habe überlebt"

Eine 22-jährige Frau hat die Massenpanik in Duisburg miterlebt. Wie knapp sie dem Tod entronnen ist, hat sie in berührende Worte gefasst. Lesen Sie hier das gesamte Protokoll der Panik...


Tragödie Love Parade – Julia P. berichtet über ihre Erlebnisse: "Ich habe überlebt"
© Friso Gentsch/dpa/picturedesk.com

Es sollte eigentlich eine feucht-fröhliche Party geben, ich und vier meiner Freundinnen hübschten uns auf, tranken etwas bei der einen Freundin, die direkt in der Stadt wohnt, und zogen dann los auf die vollen Straßen. Auf dem Weg zur Parade selbst sammelten wir noch eine Freundin ein, wir witzelten, hatten Spaß, tranken ein wenig und freuten uns auf das Großereignis.

Als wir loszogen bemerkten wir zwar, dass es recht voll war auf den Straßen, aber jeder hatte Platz zum Laufen, die Leute waren lustig drauf, überall lief gute Musik und wir hatten Spaß, schossen sogar noch ein paar Fotos und kicherten rum. Wie wir Mädels halt sind. Uns fiel noch ein kleiner Junge mit seiner Mutter auf, da der Kleine wirklich süß aussah. Im Tunnel angekommen, wurde es langsam voller. Wir sahen links bereits, dass Leute hinaufliefen, von Panik war aber weit und breit noch lange nichts zu spüren oder zu sehen.

Also liefen wir weiter, Hannah und ich Hand in Hand, Denise und Jenny immer einen Blick vor uns. Plötzlich, man kann gar nicht beschreiben wie schnell das ging, verloren wir die beiden und wir stoppten, da es weder vor noch zurückging.

So blieben wir stehen, da alles andere unmöglich war. Langsam wurde es voller, vor uns rührte sich nichts, hinter uns wurde gedrängelt. Langsam bekam Hannah Angst, ich hielt ihre Hand ganz fest und streichelte sie, da ich zu diesem Zeitpunkt noch relativ ruhig war. Ich dachte mir, das würde sich gleich schon alles auflösen und sagte ihr, sie solle ruhig bleiben.
Hinter mir wurde es langsam auch immer enger, man konnte sich nicht mal mehr umdrehen.

Langsam verloren Hannah und ich uns, wir hielten uns über den Schultern der Menge noch an der Hand. Hannah fing derweil an zu weinen und wurde panisch, und langsam überkam auch mich Panik als ich sah, wie Hannah weinte und schrie und auch um mich herum immer mehr Panik ausbrach. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, da mir jemand seinen Ellenbogen in den Brustkorb drückte – und blieb auch in dieser Position haften.

Ich konnte mich nicht mehr drehen und wenden. Das war mein Fehler, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Halt mehr.
Ich verlor auch Hannahs Hand, hörte aber ihre Schreie noch. Ich blickte hoch und sah, dass die Polizei die ersten Menschen an der Treppe hochzerrte, ein bewusstloses Mädchen wurde über die Hände der Menschen in Richtung der Polizisten auf der Treppe gehangelt.

Neben mir hörte ich Schreie, Todesschreie, ich sah zwei kleinere Personen, einen Jungen und ein Mädchen (ich weiß nicht genau, ob noch ein Mädchen dabei war, was aber an dieser Stelle auch völlig irrelevant ist), beide ca. zwischen 16-20 Jahre alt. Sie schrieen, sie würden sterben und keine Luft mehr bekommen. Der Junge blickte mich panisch an und rang nach Luft.
Ich konnte keinen Zentimeter meines Körpers bewegen und musste hilflos zusehen wie er immer weiter hinunter glitt. Das Mädchen war bereits in der Hocke, überall Schreie, Tritte, Tränen. Aus der Ferne hörte man noch das Drummen der Bässe. Ich schrie, dass ein Notfall sei. Mehrmals. Doch da bemerkte ich erst, dass die Leute gerade um ihr Leben rangen.

Ich schrie, doch keiner beachtete mich, genauso wenig wie ich nicht in der Lage war, noch irgendwelche Hilfeschreie wahr zu nehmen.
Ich schrie Hannah aus meiner Not zu, sie solle sich bewusstlos stellen. Zum Glück tat sie dies nicht. Ich bin nicht sicher, ob sie jetzt noch unter uns weilen würde.

Ich bekam richtig Panik, ich versuchte meinen Körper anzuspannen, doch es bewegte sich nichts, keinen Zentimeter. Mein Brustkorb schmerzte, ich wurde langsam unter der Menschenmenge begraben. Ich hörte noch Schreie, dann hörte und sah ich nichts mehr. Um mich herum wurde alles schwarz. Jemand war auf mich gestürzt.

Ich konnte meinen Kopf nicht mehr bewegen, keine Stelle meines Körpers. Ich rang nach Luft, doch ich bekam keine. Ich sah im Augenwinkel noch ein Stück der Sonne, merkte, wie jemand auf mein Bein stieg. Dann wurde alles dunkel, ich rang um Luft, sagte mir in Gedanken ‚dein Leben ist vorbei’. Ich biss der Person über mir voller Verzweiflung in den Rücken, dass er sich doch bewegen soll. Ich versuchte durch die Fasern seines Shirts noch einen klitzekleinen Hauch an Luft zu bekommen. Ich konzentrierte mich darauf, langsame, tiefe Züge an Luft zu bekommen und zu nehmen, sagte mir ich sei stärker als das, das MUSS ich überstehen, es DARF jetzt nicht zu Ende sein. Ich hatte abgeschlossen.

Meine Augen fielen zu, ich fühlte mich ganz leicht und warm. Alles wurde still um mich.
Das letzte was ich hörte, waren Hannahs Schreie....

Ich kam zu Bewusstsein, merkte das Licht.
Hannah war bei mir.
Die Leute rannten um uns rum.
Ich holte instinktiv einen tiefen Zug Luft.
Mein erster Gedanke war der Junge.
Ich drehte mich rum, schüttelte ihn, als ich in sein Gesicht blickte, war er bereits blau angelaufen und regte sich nicht mehr. Ich wusste, er war tot.
Ich wurde erneut bewusstlos, fiel mit dem Rücken zu Boden.
Ich merkte Tritte, hysterische Menschen, die Geräusche kehrten zurück.

Jemand tritt mir auf den Hals.
Ich seh’ eine Hand.
Ein Mädchen hilft mir auf, ein Junge kommt hinzu, ich greif nach meiner Tasche, instinktiv, die beiden schleppen mich, ich kippe erneut um.
Das nächste, was ich weiß ist, dass ich im Tunnel sitze, das Mädchen hält mich im Arm, sagt, ich solle trinken. Ich bedanke mich bei ihr.

Zwei Sanitäter kommen auf mich zu, legen mich hin, nehmen mich in den Arm, versorgen mich. Ich kippe immer wieder um, versuche klar zu machen, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich weine fürchterlich und schreie, ich schreie, dass meine Freundinnen tot sind und hyperventiliere. Es ist noch keine Versorgung vor Ort, so halten sie mich mit Wasser und reden wach. Bitten mich immer wieder, sie anzusehen. Dann erscheint mir eine Art Engel, ein junger Mann setzt sich neben mich, nimmt mich in den Arm und sagt, es wird alles wieder gut. Ich sehe einen Sanitäter weinen. Ringe nach Luft, bemerke das Ausmaß der Katastrophe jedoch noch nicht. Versuche mich immer wieder umzudrehen.

Der junge Mann nimmt mich in den Arm, streichelt mir übers Gesicht und sagt mir, alles sei gut, ich kann mich glücklich schätzen, ich lebe noch.

Das Mädchen das mich gefunden hat kommt wieder, panisch, sagt, die Sanitäter sollen ihr doch bitte folgen, es liegen noch mehr Verletzte dort. Ich schreie, dass es mir gut geht, sie sollen sich bitte um die Anderen kümmern. Der Junge nimmt meine Hand und sagt, er gibt mir Leben, gibt mir einen Kuss auf den Kopf, hält mich fest im Arm. Er steht auf und fängt an zu schreien und zu heulen, es solle endlich ein Krankenwagen kommen. Der Sanitäter hält mich ebenfalls im Arm, gibt mir zu trinken.

Endlich kommt Versorgung. Ich werde auf eine Trage gehoben, bekomme eine Schockdecke, mein Blutdruck wird gemessen. Ich werde beatmet und bekomme eine Infusion und starke Beruhigungsmittel. Zucke wieder zusammen als ich sehe, was hinter mir passiert.

Dann endlich komm ich in einen Krankenwagen. Ab ins Bethesda Krankenhaus. Dort werde ich behandelt, bekomme die Höchstdosis an Beruhigungsmittel, ein Seelsorger kommt und redet mit mir, versucht mich zu trösten und besorgt mir eine Zigarette. Danach komm’ ich wieder an einen Tropf, soll viel trinken. Laufen kann ich noch nicht, stehe unter Schock.

Versuche meine Freundinnen zu erreichen. Doch ich merke, ich bin zu schwach. Bekomme Schlafmittel, kann jedoch nicht schlafen. Habe die ganze Zeit das Gesicht des Jungen im Kopf. Auch heute noch.

Nach 4 Stunden im Krankenhaus kommen endlich meine Eltern, völlig aufgelöst. Wir fahren heim. Ich bin schwach, komme die Treppen nicht rauf. Lege mich hin, stehe jedoch noch völlig unter Schock. Erreiche endlich meine Freundinnen, allen geht’s gut. Können das alles noch gar nicht glauben. Das erste, was ich frage ist, was mit dem Jungen unter mir ist. Hannah bestätigt mir: Er war tot!

Ich habe in meiner Panik mein Umfeld nicht mehr ganz wahrgenommen, denke jedoch, dass seine Freundin auch tot ist. Hannah sagt mir noch, sie habe mir voller Verzweiflung immer wieder in den Arm gebissen.
Ich weiß vieles nicht mehr.
Ich habe heut schreckliche Schmerzen, jeder Zentimeter tut mir weh. Geistig gar nicht davon zu reden.

Waren grade am Ort des Geschehens, zur Seelsorge, sind nach Essen. Ich weiß nicht, wie es mir jetzt geht nach dem Gespräch. Ich fühl mich leer. Wir sind alle mit guter Laune losgezogen, wollten Spaß haben...
Wieso ist das passiert? Ich war gesegnet und bin unendlich dankbar für mein Glück. Und ich bin unheimlich dankbar für die ganzen fleißigen Helfer da draußen, die trotz der Misere einiges geopfert haben und selbst total unter Schock standen.

Begreifen kann ich das alles noch nicht, es fühlt sich taub an. Ich frage mich "WARUM"? Doch mein Kopf erlaubt mir noch kein Denken...
Es tut mir so unendlich leid und weh um all die Betroffenen, die es nicht geschafft haben. Leben ausgelöscht und das in so einer Situation, all die jungen Leute, die nur Spaß haben wollten und das jetzt mit dem Leben bezahlt haben.

Eine Tragödie.