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Von Frau zu Mann - dieser Transmann bloggt darüber

Alex wurde als Frau geboren - war aber nie eine. Nun möchte er auch körperlich ein Mann werden. Den Weg dorthin kann man auf seinem Blog mitverfolgen.

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Der erste Video-Beitrag von Alex.

© Video: Trans tipping point

"Hi bin bin Alex und dies ist meine letzte Woche ohne Testosteron", sagt der 26-jährige Student in seinem ersten Video-Beitrag auf Youtube. Alex ist einer von tausenden Transsexuellen in Deutschland, die ihre geschlechtliche Identität wechseln wollen. Transsexuelle Menschen haben das Gefühl mit dem falschen Körper geboren worden zu sein. Dies kommt gleichermaßen bei Frauen wie bei Männern vor - unabhängig davon, ob sie hetero-, bi,- oder homosexuell sind. Viele der Betroffenen haben schon als Kind das Gefühl, kein richtiger Junge bzw. kein richtiges Mädchen zu sein und entwickeln meist spätestens in der Pubertät den Wunsch nach Veränderung. Selbst, wenn sie jahrelang versuchen ihr angeborenes Geschlecht zu akzeptieren, haben sie später dann doch das Bedürfnis sich öffentlich zu ihrem "richtigen" Geschlecht zu bekennen und damit zu leben. So war es auch bei Alex, der früh erkannte, dass ihn "Mädchen sein" depressiv und unglücklich macht. Nach seinem Coming-Out merkte Alex wie befreit er sich fühlt und wusste, dass es kein Zurück mehr gibt für das "Frau sein". Nun hat er sich dazu entschieden auch körperlich ein Mann zu werden - mit Hormontherapie und geschlechtsangleichenden Operationen. Über sein Leben als Transmann schreibt er regelmäßig Blog-Einträge und ist nun auch mit wöchentlichen Videobeiträgen auf Youtube zu sehen. Er möchte mit seinem Blog "Trans tipping point" Mut machen und Sichtbarkeit von Transmaskulinität zu erhöhen, wie er sagt. Wir haben mit Alex über seine Transsexualität und über seine bevorstehende Verwandlung von Frau zu Mann gesprochen.

»Wenn ich so zurückblicke, war ich meine Jugend über ziemlich depressiv und lebte zurückgezogen.«

WOMAN: Du wurdest als Frau geboren und hast irgendwann bemerkt, dass du dich aber nicht als solche fühlst. Weißt du noch wie alt du warst, als du selbst bemerkt hast, da stimmt was nicht?
Alex: Ich habe nie bewusst gedacht „Du ist ja gar kein Mädchen!“, aber in der Grundschule wurde ich schnell zum Außenseiter. Die Jungs warfen mich aus ihrer Gang und mit den Mädchen konnte ich nicht viel anfangen. Mir wurde aber schon früh bewusst, vielleicht mit 4-5 Jahren, dass ich „anders“ war und Schwierigkeiten hatte irgendwo dazu zu gehören. Mit 11, als die Pubertät so langsam einsetzte, habe ich meine Mutter darum gebeten mir einen Termin bei einem Therapeuten zu machen, in der Hoffnung herauszufinden, warum es mir immer schlechter ging. Ich bin nie hingegangen. Wenn ich so zurückblicke, war ich meine Jugend über ziemlich depressiv und lebte zurückgezogen.

Transmann und Videoblogger Alex

WOMAN: Hattest du schon als Kind ganz klischeehaft lieber Fußball gespielt anstatt mit Puppen oder Hoodies statt Kleider getragen?
Alex: Ich war fast jeden Tag auf dem Bolzplatz! Mit Mädchen jedoch wollte ich nicht spielen, eine Anfrage für eine Mädchenmannschaft lehnte ich ab. Mit 7-8 bekam ich, neben dem Game Boy und der Power Ranger-Aktion Figur, die ich mir gewünscht hatte, eine Puppe geschenkt. Meine Mutter lacht heute noch, wenn sie an meinen schockierten Gesichtsausdruck denkt.

WOMAN: Wie haben deine Eltern reagiert, als du ihnen mitgeteilt hast: So, ich werde jetzt ein Mann?
Alex: Meine Mutter dachte erst, dass sei wieder nur so eine Phase. Sie hat mich aber von Anfang an unterstützt und mit dem Thema kein Problem gehabt. Als sie merkte „Hey, „sie“ meint das ja ernst!“ und gesehen hat, wie viel zufriedener und ausgeglichener ich nach meinem Coming-Out wurde, erzählt sie jedem stolz von ihrem Sohn. Mit meinem Vater habe ich nicht sehr viel Kontakt, er ist Marokkaner und lebt dort. Als ich ihm schrieb, dass ich mich als Mann identifiziere und eine Geschlechtsangleichung machen werde, schien er gar nicht so wirklich überrascht zu sein. Jedenfalls „erkläre das eine Menge“ und auch er freut sich, dass ich nun ich selbst sein kann.

WOMAN: Erzähl mal: Wie wird man von Frau zu Mann?
Alex: Kommt auf den Transmann an. Manche lassen nur ihre Dokumente ändern und wollen gar kein Testosteron. Anderen reicht es sich die Brüste operativ entfernen zu lassen. Den sogenannten „Großen Aufbau“ lassen wahrscheinlich weniger als die Hälfte machen. Entweder weil sie der Meinung sind, dass ein Penis keinen Mann macht oder einfach, weil ihnen die Risiken zu hoch sind, sie die Ergebnisse nicht zufriedenstellend finden etc. Ich selbst nehme seit dem 15.01 Testosteron und möchte, aktuell jedenfalls, Mastektomie (Entfernung der weiblichen Brustdrüse), Hysterektomie mit Adnektomie (Entfernung der Gebärmutter und Eierstöcke) und die Phalloplastik machen lassen. Dort gibt es verschiedene Methoden und unterschiedlich viele Einzelschritte, je nach Operateur. In Deutschland wird für die Penoidbildung häufig ein Hautlappen aus dem nicht dominanten Unterarm entfernt und damit, ganz grob gesagt, der Penis geformt und an die Klitoris „angeschlossen“. Testosteron nimmt man sein Leben lang, oft in Form von 3-Monats-Spritzen.

WOMAN: Gibt es Situationen, in denen du an deinem Vorhaben zweifelst?
Alex: Natürlich habe ich mich lange gefragt, ob ich nicht einfach als „untypische“ Frau weiterleben könnte. Irgendwie hatte ich es ja 26 Jahre lang hinbekommen. Doch dann kam letztes Jahr der Moment, an dem ich mir die Brüste wegband und meine Freunde darum bat mich Alex zu nennen und männliche Personalpronomen zu verwenden – einfach um zu schauen, wie sich das für mich anfühlt. Mit „er“ und „junger Mann“ angesprochen zu werden war so befreiend und richtig, das es kein Zurück mehr in mein „Frau-sein“ gibt.

WOMAN: Wie läuft das eigentlich gesetzlich ab? Bist du am Papier Frau oder Mann?
Alex: Bevor man seine Papiere offiziell ändern lassen kann oder mit der Hormonbehandlung beginn kann, muss man sich einen mit dem Thema Transsexualität erfahrenen Therapeuten suchen und 6-12 Monate den sogenannten „Alltagstest“ machen – also in dem empfundenen Geschlecht leben. Das das für ein Land wie Deutschland rückschrittlich ist und nicht selten auch gefährlich für die betroffene Person sein kann, sowie die traurige Tatsache, dass Transsexualität immer noch als psychische Erkrankung geführt wird, soll hier nur am Rande erwähnt werden. Möglich bald nach Start der Hormonbehandlung sollte man die Personen - und Namenstandsänderung beantragen, für diese müssen zwei Gutachter die Diagnose „Transsexualität“ bestätigen, es muss ein Translebenslauf geschrieben werden, Prozesskostenhilfe beantragt werden etc. Oft zieht sich dieser Prozess über ein Jahr lang hin. Ich selbst werde im Februar anfangen meine Unterlagen zusammen zu suchen, bin auf dem Papier also noch Frau.

WOMAN: Du sprichst auf deinem Blog ganz offen über deine Transsexualität und hast jetzt sogar einen Youtube-Channel. Warum ist dir wichtig deine Geschichte öffentlich zu machen?
Alex: In erster Linie möchte ich Menschen, denen es ähnlich geht wie mir, Mut machen und zeigen „Leute, ihr könnt ein authentisches, zufriedenes Leben führen!“ Auch denke ich, dass die Sichtbarkeit von Transmaskulinität zu erhöhen wichtig ist, denn vielen ist gar nicht bewusst, dass es „uns“ auch gibt – die Männer, die in Frauenkörpern geboren wurden. Transsexualität gab es immer und überall auf dieser Welt und ich würde mir wünschen, dass es als natürliche Daseinsform irgendwann anerkannt und als solche behandelt wird.

Transmann und Videoblogger Alex

WOMAN: Wie gehen Leute in deiner Umgebung damit um, dass du keine Frau mehr bist. Die dich aber als Frau kennengelernt haben?
Alex: Ich bin ja kein anderer Mensch, nur weil ich jetzt so lebe, wie es sich richtig für mich anfühlt und das spüren die Menschen in meiner Umgebung. An die neuen Personalpronomen und den Namen mussten sich alle erst einmal gewöhnen, aber das ging ziemlich fix. Niemand hat sich wirklich negativ geäußert, im Gegenteil, meine Freunde unterstützten mich auf meinem Weg.

»Wenn mich jemand höflich fragt, was hier und da mal vorkommt, antworte ich einfach ehrlich.«

WOMAN: In einem Blogbeitrag schreibst du über „Kinder und Bekloppte“. Erkennen dich die Leute auf der Straße als Mann? Oder merkst du, dass sie überlegen? Und wie reagierst du darauf?
Alex: Ich würde sagen die Mehrheit nimmt mich mittlerweile als Mann wahr, viele sind sich aber nicht sicher und hier und da wird getuschelt. In der Uni werde ich als Mann behandelt, dabei bin ich mir selbst gar nicht so sicher, ob meinen Kommilitonen mein trans-sein bewusst ist oder nicht. Wenn mich jemand höflich fragt, was hier und da mal vorkommt, antworte ich einfach ehrlich. Damit bin ich bis jetzt ziemlich gut gefahren. In ein paar Monaten wird das durch das Testosteron dann hoffentlich kein Thema mehr sein!

WOMAN: Noch eine persönliche Frage, die aber interessiert... Stehst du eigentlich auf Frauen oder Männer?
Alex: Ich bin seit einem Jahr glücklich vergeben – an eine Frau. Ich bezeichne mich als pansexuell (Anmerkung: Ein pansexueller Mensch ist in der Lage, für Menschen jeder Geschlechtsidentität sexuell oder romantisch zu empfinden.), mir kommt es auf den Menschen an und nicht auf bestimmte Geschlechtsmerkmale.

Laufende Blog-Beiträge von Alex findest du auf seiner Facebook-Page "Trans tipping point". Hinweis der Redaktion: Sehr lesenswert und wirklich lustig ist der Beitrag "Von Kindern und Bekloppten". Das zweite Video - ein Update nach einer Woche Testosteron kannst du dir auch schon ansehen:

Themen: Report, Sexismus