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"Nicht vorschnell nach Trostworten oder Ratschlägen suchen": Eine Expertin über das richtige Trösten

Um einen anderen Menschen trösten zu können, sollte man auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse hören – rät Kerstin Keßelring, Leiterin der Telefonseelsorge Wien. Wir haben die Expertin gefragt, wie man am besten Trost spendet und selbst um Trost bittet.

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Der Terroranschlag am 2. November erschütterte nicht nur Wien, sondern ganz Österreich. Laut Angaben der Wiener Psychosozialen Dienste, seien die psychiatrischen Hotlines aufgestockt worden. Dabei handelt es sich um telefonische Notdienste, wo Hilfe bei der Bewältigung von Angst geboten wird. Die meisten von uns brauchten – und werden in den nächsten Tagen immer wieder Unterstützung und Trost brauchen. Aber wir werden auch selbst Trost spenden (müssen).

Und das ist auch das Schöne an unserer Gesellschaft, an unserem Wien: Der Zusammenhalt. "Wien ist eine starke Stadt. Wien hat starke Menschen.", sagte Bürgermeister Michael Ludwig in einer Pressekonferenz am 3. November. Doch egal, wie stark ein Mensch ist: Manchmal sind die emotionalen Hürden einfach zu groß. Manchmal weiß man einfach nicht, was man sagen soll, wenn ein Freund, eine Kollegin oder ein Bekannter einem das Herz ausschüttet. Und das in einer Zeit, in der die eigene Seele sich erholen muss.

Wir haben mit Antonia Keßelring, Leiterin der Telefonseelsorge Wien, gesprochen und sie gefragt, welche Ängste gerade besonders stark in unserer Gesellschaft sind. Außerdem wollten wir wissen, wie wir selbst am besten Trost spenden können, ohne darunter zu leiden.

WOMAN: Mit welchen Ängsten und Sorgen rufen die Menschen gerade besonders häufig an?
Keßelring: Bei uns rufen Menschen an mit Beziehungskonflikten der verschiedensten Art, aus Einsamkeit und oft auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. In der aktuellen Lage - der zweite Lockdown in Kombination mit dem Terroranschlag in Wien - spitzen sich viele Themen krisenhaft zu und es kommt das Thema Angst dazu: Angst vor materieller Not, Angst vor der Zukunft, Angst, an COVID zu erkranken, Angst vor Vereinsamung, Angst davor, dass sich die Gesellschaft verändert und unsicher wird. Corona wirkt wie eine Lupe, es vergrößert und spitzt das zu, was schon vorher war: eine krank machende Beziehung oder die Alltagsbelastung.

WOMAN: Ich weiß nicht, was ich auf den Schmerz einer anderen Person sagen soll - reicht es, zuzuhören? Oder gibt es tröstliche Worte, auf die ich in solchen Situationen zurückgreifen kann?
Keßelring: Zunächst: zuhören! Das klingt nach nicht viel. Aber wirkliches aktives Zuhören ist eine hohe Kunst. Ich stelle meine eigenen Bedürfnisse und Themen eine kleine Weile zurück und mache Platz für mein Gegenüber. Ich bringe die andere Person zum Sprechen, in dem ich vorsichtig nachfrage. Weniger ist da mehr! Oft reicht ein: „Und dann...?“ Wer erzählen darf, beginnt sich selber wieder besser zu spüren. Was ich in Worte fasse, hilft mir selber, das Geschehene selber besser zu begreifen.

Es gilt immer: Der Andere muss nichts erzählen, was er nicht erzählen will. Und auch Schweigen ist okay.
Während ich zuhöre, spüre ich nach, was das Erzählen meines Gegenübers in mir für Gefühle auslöst. Das kann ich dem anderen anbieten: „Wenn ich dir zuhöre, wird mir ganz eng um die Brust" oder "ich glaube, ich kann deine Verzweiflung wirklich spüren“ oder „das erschüttert mich echt“.

Paradox: Wenn ich mich hilflos fühle, ist es gut, das auszusprechen: „Ich möchte dir so gern helfen, aber ich fühle mich so hilflos“. So kann der andere spüren, wie wichtig er mir ist. Nicht vorschnell nach Trostworten oder gar Ratschlägen suchen! Es geht erst einmal darum, dem Schmerz des anderen ein Nest zu bauen, sein Schicksal zu würdigen und ihm Raum zu geben. Erst, wenn ich das lange genug getan habe, kann ich vielleicht einmal fragen: „Was hilft dir jetzt am meisten? Was brauchst du jetzt?“

»Corona wirkt wie eine Lupe, es vergrößert und spitzt das zu, was schon vorher war.«

WOMAN: Mein Umfeld verlässt sich auf meinen Trost - wie mache ich anderen klar, dass auch ich leide, ohne sie zu verletzen oder im Stich zu lassen?
Keßelring: Sei dir selber ein wenig näher! Spür einmal hin: Was brauchst du jetzt? Wenn ich das nämlich gut spüre, fällt es mir leichter es auch ehrlich zu sagen: „Ich merke, wie schlecht es dir geht, aber ganz ehrlich, ich kann heute einfach nicht mehr“. Das wird ungewohnt für die anderen sein. Und auch für dich - vielleicht hast du das Bild von dir, dass du immer allen hilfst und selber nichts brauchst. Diese Superwoman gibt es in Wirklichkeit nicht. Bleib bei dem, was du wirklich bist - du hilfst niemandem damit, wenn du ihm etwas vorspielst.

WOMAN: Jemand, der sich an mich gewandt hat, wirkt so traurig und verzweifelt, dass ich mir ernsthafte Sorgen mache - wie reagiere ich richtig? Spreche ich die Person darauf an oder kann ich mich an bestimmte Stellen wenden?
Keßelring: Unbedingt! Sag ihm, dass du dir Sorgen machst. Es gibt viele Orte, an die man sich anonym und kostenlos wenden kann. Unter anderem unsere Telefonseelsorge mit der kostenlosen Nummer 142, 24h am Tag, und der Mail- und Chatberatung.

Hier kann man sich ebenfalls Hilfe holen:

  • 24-Stunden-Hotline der Psychiatrischen Soforthilfe für Wien (Telefonnummer: 01/ 31330)
  • 24-Stunden-Hotline des Notfallpsychologischen Dienst Österreich (Telefonnummer: 0699/ 188 554 00)
  • Corona-Sorgen-Hotline 8-20 Uhr: (Telefonnummer: 01/ 4000 53000)

WOMAN: Wie gehe ich damit um, wenn ich das Gefühl habe, mein Umfeld will mich nicht trösten und mir zuhören? Kann ich nach Trost verlangen?
Keßelring: Wenn ich spüre, dass ich Trost brauche, kann ich sagen, dass ich mir das von meinem Gegenüber wünsche. Ob ich ihn bekomme, hängt dann vom anderen ab - manche Menschen tun sich schwer mit dem Trösten oder überhaupt in einer Beziehung etwas zu geben. Mein Vorschlag: Geh dahin, wo du etwas für dich bekommst, such dir Menschen, die dir gut tun. Bleib nicht bei denen, die dir nichts geben können.

WOMAN: Ich merke, dass ich länger brauchen werde, um über die Sache hinwegzukommen - wie sage ich das meinem Arbeitsgeber?
Keßelring: Das kommt sehr auf das Arbeitsklima im Beruf an! Bei einem verständnisvollen Vorgesetzten, dem ich vertraue, würde ich das Gespräch suchen und mit ihm eine Lösung erarbeiten. Hier wäre ich ehrlich, würde aber auch klare Angebote machen, so dass der Arbeitgeber weiß, womit er bei dir rechnen kann. Wenn das Verhältnis angespannt ist, würde ich erst andere Möglichkeiten ausschöpfen - ein Gespräch mit dem Betriebsarzt zum Beispiel kann oft sehr hilfreich sein, um verschiedene Möglichkeiten kennenzulernen.