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Wenn Tyrannenkinder erwachsen werden

Wir wollen die besten Eltern sein, Karriere machen und haben dabei vergessen unsere Kinder zu erziehen. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger schildert im Interview, welche Auswirkungen Tyrannenkinder auf die zukünftige Gesellschaft haben.

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Martina Leibovici-Mühlberger: Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Interview

Sie sind tyrannisch und voller Widerstand... und wir sind selbst daran schuld!

© istockphoto.com

Ärtztin, Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger rechnet in ihrem neuen Buch "Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können." mit uns allen ab. Nicht nur Pädagogen und Eltern, sondern jeder einzelne, ist Schuld, dass Kinder zu essgestörten, unzufriedenen Leistungsverweigerern geworden sind. Im Interview mit WOMAN erklärt die Autorin und vierfache Mutter ausführlich, wie Tyrannenkinder als Erwachsene sein werden und was jeder einzelne tun kann, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

»Wir produzieren narzisstische, wehleidige mit dem Management ihrer „likes“ beschäftigte, frustrierte Konsum-Tiger. «

WOMAN: In Ihrem Buch betiteln Sie Kinder als „Tyrannen“. Mögen Sie denn keine Kinder?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Also ganz und gar nicht. Da können Sie nicht einmal den Klappentext des Buches gelesen haben, wenn Sie das so sehen. Im Gegenteil, ich versuche hier Anwalt dieser verratenen Kindergeneration zu sein, der ich an jeder Ecke in vielgestaltiger Form begegne. Das tyrannische Verhalten der Kinder und viele anderen Verhaltensauffälligkeiten von gravierenden Essstörungen bis hin zur konsequenten Leistungsverweigerung sind ein Aufschrei, der Versuch der Kinder, sich gegen eine Gesellschaft zu wehren, die ihnen kindgerechtes Aufwachsen verweigert und sie statt dessen für ihre Zwecke instrumentalisiert.

WOMAN: Wie würden Sie ein typisches Tyrannenkind beschreiben?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Es ist ein in der Tiefe seiner Seele schwer verunsichertes Kind, das verzweifelt um Orientierung in einer Welt ringt, die es in Grundfragen seiner Existenz belügt und betrügt. „Entfalte dich vollkommen frei, probiere alles aus, was du willst und schau, dass du immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehst, dann wird dein Leben großartig“ ist die heutige gängige moderne Erziehungsmaxime unserer Gesellschaft. Einer Art naiven Selbstverliebtheit in die eigene Größe wird da der Weg geebnet. Nur der Zahltag wartet dann ein paar Jahre später auf die Kinder, wenn es heißt: „Aber bitte, bei all der Förderung und Freiheit, die wir dir eingeräumt haben und all der Bewunderung, die du vorweg schon für deine pure Existenz alleine bekommen hast, so dürfen wir uns jetzt schon erwarten, dass du ein wirklich großartiges und zuverlässiges Mitglied der Leistungs- und Konsumgesellschaft wirst.“ Aber dieses Konzept geht einfach nicht auf, weil es in sich genommen nicht schlüssig sondern eine Lüge ist.

Martina Leibovici-Mühlberger: Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Interview


WOMAN: Inwiefern ist es eine Lüge?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Es ist auch einfach nachzuvollziehen, warum es sich hierbei um einen Betrug an unseren Kindern handelt. Zuerst wirst du wie ein Prinz oder eine Prinzessin behandelt, jede deiner Lebensregungen löst Verzückung aus, es werden dir keine Grenzen markiert, die dir nebenbei gesagt auch Sicherheit geben, indem sie den für deine Entwicklung passenden Raum abstecken und was dir nicht „cool genug“ erscheint oder nur ein bisschen anstrengend ist, lässt du einfach fallen und ein paar Jahre später, machen dir dann alle Vorwürfe, weil du noch immer nicht ruhig in der Schule sitzen kannst oder das gelernte System „einfach nur das zu machen, was Spaß macht!“ auch auf die Schule anwenden willst. Da soll man nicht zumindest verwirrt sein? Diese Grundverweigerung, die in diesen Kindern steckt, entspricht ihrer Grundfrustration und sie halten uns als Gesellschaft und Elterngeneration mit diesem widerständigen, vordergründig selbstbezogenem Verhalten einen Spiegel vors Gesicht.

WOMAN: Sie sagen, dass diese Art von Kind früher eher ein Einzelfall war, jetzt aber schon zur Normalität geworden ist. Woher wissen Sie das?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Im Prinzip brauchen Sie sich dafür nur ein wenig umzusehen und ein paar Statistiken zu lesen. Wenn Sie dann noch eins und eins zusammen zählen, liegt alles wie ein perfektes Puzzle vor Ihnen. Noch nie hatten wir zum Beispiel so viele Kinder mit Vorstufenbefunden für spätere schwere chronische Systemerkrankungen wie Diabetes Mellitus, koronare Herzerkrankung oder apoplektischen Insult. Das sind keine Kinderkrankheiten, sondern Erkrankungen, die die Potenz haben sogar zu invalidisieren, Erkrankungen, die die Gesundheitserwartung drastisch negativ beeinträchtigen. Und es ist eigentlich eine Schande, dass es unseren Kindern so geht. Im Bereich von Alkohol- und Nikotinkonsum sieht es bei Jugendlichen auch nicht gerade begeisterungswert aus - und auch das hat unsere Erwachsenengeneration zu verantworten.

WOMAN: Klingt ernüchternd... also würden Sie sagen unseren Kindern geht es nicht gut?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Kindliche Depression und ADHS, alles Diagnosen, die es vor zwanzig Jahren nur marginal gegeben hat. Glauben Sie, dass wir die Plätze für Kinderpsychotherapie gerade verdoppelt haben, weil irgendjemand das einfach für eine lustige Idee hält? Da steht in Zeiten des Sparstifts eine krasse Notwendigkeit dahinter. Unseren Kindern geht’s also schlecht! Unterhalten Sie sich mit Pädagogen zu Themen wie Konzentration, Fokussierung, Aufmerksamkeit, Selbstmanagementfähigkeit. Viele Kinder verfügen vor Eintritt in die Schulreife noch nicht einmal über ausreichendes Selbstmanagement, um überhaupt einem Unterricht folgen zu können. Dabei geht’s nicht um kognitive Intelligenz, sondern um Dinge wie Selbstorganisation, unmittelbare Bedürfnisverschiebung, Ablenkbarkeit, Aufmerksamkeit in der Kommunikation oder Impulskontrolle. Vor wenigen Wochen hat die Aussage der Direktion eines Wiener Gymnasiums, die für eine nicht geringe Anzahl ihrer Schüler grobe Bedenken äußerte, ob diese je stabilen Zugang zur Arbeitswelt finden werden können, aufhorchen lassen. Braucht es eigentlich noch mehr? Wir müssen uns endlich unseren groben Versäumnissen, die den Hintergrund dafür bilden, stellen, statt zu jammern!

»So viel wie heute ist am Kind noch nie verdient worden.«

WOMAN: Aber wer ist nun wirklich Schuld an dieser Entwicklung?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Grundsätzlich jeder! Wie immer gibt es große Profiteure, Steigbügelhalter, Mitläufer und Ängstliche und auch einfach Verführte. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Bewusstseinsproblem dieser Steigerungsgesellschaft und diese Entwicklung der Kinder ist dabei so etwas wie colateral demage. Allerdings eine, die uns enorm auf den Kopf fallen wird. Unsere Gesellschaft hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren, angetrieben durch die politische Entwicklung und phänomenalen technologischen Fortschritt, viel daran gesetzt im Namen von Freiheit und individueller Potenzialentfaltung die ICH-AG zur geltenden Maxime der Glückseligkeit zu erheben. Das ist ein charmantes Konzept, das endlich jede Fremdbestimmung abzustreifen scheint. Faktum ist allerdings, dass narzisstische Persönlichkeitsstörungen rapide zunehmen, also Persönlichkeitsprofile, die mit Selbstbespiegelung und der Maximierung des eigenen Vorteils auch auf Kosten von anderen beschäftigt sind. Für die Kinder dieser Gesellschaft heißt das, dass sie entweder Eltern haben, die sie als ihr Projekt ansehen, um sich selber mit ihnen zu schmücken. Oder sie haben Eltern, die voller Angst etwas zu versäumen, lieber gleich zu guten Freunden, die ihre Erziehungsverantwortung abgeben, mutieren. Und die Wirtschaft hat Kinder als Konsumenten und gleichzeitig als lukrative Objekte der Vermarktung entdeckt. So viel wie heute ist am Kind noch nie verdient worden.

WOMAN: Kann mehr Autorität in Kindergärten und Schulen etwas daran ändern?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Autorität ist in unserer Gesellschaft zu einem äußerst schwierigen Begriff geworden, der immer Gefahr läuft mit autoritär beladen zu werden. In diesem Sinn ist Autorität auch gänzlich abzulehnen, und ganz sicher besonders in der Kindererziehung, wo es um das „Aufspielen des Betriebssystem“ geht. Für die Bewältigung der komplexen Anforderungen der Zukunftsgesellschaft brauchen wir keine Untertanenmentalität mehr, sondern selbständig denkende und mit sozialem Gewissen fühlende, eben einer Gesamtgemeinschaft verpflichtete Menschen. Die erziehen wir allerdings auf diese gegenwärtige Art ganz sicher nicht. Wir produzieren narzisstische, wehleidige mit dem Management ihrer „likes“ beschäftigte, frustrierte Konsum-Tiger. Und die, die noch genügend Kraft haben dem System den Rücken zu kehren, werden gern zu Aussteigern, die sich konsequent abwenden.

Martina Leibovici-Mühlberger: Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Interview


WOMAN: Was wäre demnach besser als Autorität?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Was es braucht sind Struktur, Ordnung, klare altersadäquate Grenzen, Gemeinschaftsförderung, ein soziales Grundgewissen, dass jeder auf jeden aufzupassen hat. Also Autorität, die sich aus Verantwortung speist und liebevoll vorgelebt wird. Und ehrlicherweise fühle ich großen Zorn darüber, dass wir das immer so gerne in Kindergarten und Schule geparkt sehen wollen. Die sollen das dort in der Institution erledigen! Vielfach schlecht ausgerüstet, mit unzumutbaren Personalschlüsseln, bedenkt man die Anforderungen und natürlich auch ohne Bedankung.

WOMAN: Den Lehrern kann man also nichts vorwerfen?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Das ganze Thema ist vielmehr ein Haltungsproblem, das von der Gesamtgesellschaft, beginnend im Elternhaus, dem öffentlichen gesellschaftlichen Raum, in der politischen Debatte und in den Medien getragen werden muss. Um die Ebene der Institution Kindergarten und Schule konkret heraus zu greifen, würde das zum Beispiel bedeuten, dass unsere Gesellschaft in diesem Bereich mehr Mittel hineinpumpen müsste, um endlich Wertschätzung für die dort geleistete Gesellschaftsarbeit, die weit über einen Akademisierungsauftrag hinaus reicht, zu zeigen!

WOMAN: Wie sind die Tyrannenkinder von heute als Erwachsene drauf?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Wie sie als Erwachsene sein werden, ist leicht hochzurechnen und an vielen Beispielen auch aus meiner Praxis jetzt schon belegbar. Und wenn Sie sich mit etwas Aufmerksamkeit umsehen, werden Sie sicher auch in ihrem eigenen Umfeld an Hand der biographischen Entwicklungen, der bereits halberwachsenen Kinder mancher Bekannter oder Arbeitskollegen ins Stirnrunzeln kommen. Da muss man nicht unbedingt in die Psychotherapeutische Praxis gehen. Dort sieht man einfach die Feinmechanik, die Systematik des Geschehens und den Entwicklungsweg im Längsschnitt und mit dem Scheinwerfer kritischer Reflexion angestrahlt.
Wie werden sie also drauf sein als Erwachsene? Frustriert zu werden und einen erlittenen Betrug zu realisieren, indem man spätestens als Jugendlicher und dann als junger Erwachsener in der harten Realität einer unbarmherzigen Konkurrenzgesellschaft aufschlägt, die sich einen Dreck um den früher zelebrierten Prinzen-/Prinzessinnenstatus schert, wenn es um Performance und Lohnauszahlung geht, tut weh und macht äußerst wütend. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ihnen beharrlich Schilder aufgestellt werden, die sie in die falsche Richtung laufen lassen und Sie kommen erst nach Jahren dahinter, dass die Streckenwärter ihren Job nicht richtig gemacht haben?

WOMAN: Wie reagieren die jungen Erwachsenen auf diesen "Betrug"?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Grundsätzlich zeichnen sich verschiedene Muster in der Bewältigung dieser Situation ab: Manche geben einfach auf, sind wie ich es nenne „existenziell frustriert“, bunkern sich auf einem niedrigen Selbstanspruchsniveau ein und warten im besten Fall darauf, die Eltern beerben zu können. Träume, Ziele existieren für sie nicht. Andere versuchen gänzlich aus dem System in oft sehr extremer Form auszusteigen und sich der Gesellschaft rebellisch zu verweigern, nach dem Motto: Von mir bekommt ihr gar nichts! Manche werden als Spiegelung des Systems zu extrem inhumanen Karrieristen als wollten sie sagen: Ihr habt uns instrumentalisiert und jetzt werden wir euch zeigen, was emotionale Kälte und Gewinnmaximierung bedeuten kann. Vor diesen wird man sich fürchten müssen. Und dann gibt es auch noch einige, die sehr empfänglich für Führung werden, sei sie extremer politischer oder religiöser Prägung, hauptsächlich es sagt endlich wer, wo es lang geht. Auf jeden Fall sind die meisten utilitaristisch in ihren Werten und weitab vom Kurs ihres wirklich Potenzials und vor allem davon, „leistungsstarke Beitragsproduzenten“ werden zu wollen, wie es sich die Politik immer so wünscht.

»Das emotionale Band zwischen Eltern und Kindern reißt.«

WOMAN: Das klingt nicht unbedingt nach einer rosigen Zukunft. Welche Auswirkungen hat dies auf zwischenmenschliche Beziehungen?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Wenn das in größerem Maßstab passiert, bedeutet dies die Entkopplung der Generationsverbindlichkeit! Das emotionale Band zwischen Eltern und Kindern reißt. Als Erwachsene werden sich die ehemaligen verratenen Kinder nicht um ihre Eltern kümmern wollen, die Tyrannenkinder werden zeigen, welche Lektionen von emotionaler Unverbindlichkeit und Materialismus bis narzisstischer Selbstbespiegelung und Hartherzigkeit sie wirklich gelernt haben. Und wie gesagt, wenn diese Haltung „mit den Alten wollen wir nichts zu tun haben,“ dann von einer größeren Zahl von Menschen, die bereits in den Altersrang von Entscheidungsträgern aufgestiegenen sein werden, geteilt wird, entwickelt das gesellschaftsbildende, normierende Kraft. Da geht es dann handfest um die Verteilung von Ressourcen, den Umgang mit alten Menschen, Pflegeleistungen. Wie stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der es keine unmittelbar gefühlte, emotionale Verbindung zur Elterngeneration mehr gibt? In der Achtung und Respekt, die auf erlebten Liebesgefühlen basieren, nicht mehr selbstverständlich sind und das Wohlergehen der Alten kein persönliches Anliegen der Jungen mehr ist?

WOMAN: Nicht sehr schön... aber was ist die Lösung des Problems?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Endlich Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen! Das ist natürlich ein sehr einfach dahin geplauderter Satz. Was dahinter steckt ist dann schon weit anfordernder, vor allem wenn man sich die gängigen gesellschaftlichen „Behinderungen von Elternschaft“ vor Augen führt. Es ist ein verdammt harter Job heute Vater oder Mutter zu sein und den universellen Elternschaftsauftrag „fitforlife“, erfüllen zu wollen. Dies bedeutet konsequente Begleitung in den jungen Lebensjahren hinein in die eigenständige, selbstverantwortete Lebenskompetenz als junger Erwachsener. Das ehrlich erfüllen zu wollen, ist ein hartes Brot, da es auf vielen Seiten Gegenspieler gibt und Profiteure, die am Kind verdienen wollen.

WOMAN: Wie sollen es Eltern dann jemals schaffen, dass aus ihrem Kind kein Tyrannenkind wird?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Wenn ihr Eltern werdet, dann seid euch dessen bewusst, dass dies eine neue Rolle in eurem Leben ist, die ihr nun ausfüllen müsst! Wenn ich stationsführende Oberärztin wäre, würde es ja auch nicht gerade vertrauenserweckend auf meine Patientinnen wirken, wenn ich mich wie eine Berufsjugendliche benehmen würde, die medizinisch unernst und outlookverliebt auf der Station herumtänzeln würde. Glauben Sie, dass sich da irgendein Patient aufgehoben fühlen würde? Also nehmt und erfüllt eure Rolle als verantwortliche Eltern! Sonst würde ich Eltern raten, Selbstvertrauen und Instinkt für ihre Elternschaft auf der Basis Ihrer Liebe zu Ihrem Kind zu entwickeln. Dazu ist es wesentlich zu begreifen, dass ein Kind vom ersten Moment an eine hochspezielle Person ist, und vor allem ein Geschenk. Ein Geschenk wird einem gegeben, man kann es sich nicht unbedingt aussuchen und sollte es auch nicht zu etwas „machen wollen“ oder „hinbiegen“. Man nimmt es an und freut sich an der damit geschenkten Möglichkeit zu einer gemeinsamen Lebensgestaltung. Das kann manchmal auch durchwegs hart oder zumindest anfordernd sein. Deswegen sollten Eltern ja selber bereits erwachsen sein und Kinder nicht für ihr eigenes Ego benötigen. Wenn ihr es so macht, besteht auch kein Grund, dass ihr euch eure Kompetenz von äußeren Experten oder Besserwissern absprechen lasst! Ich sage zu Eltern immer: Prüft jeden, der meint, Experte für EURE Situation zu sein. Ich halte EUCH für die eigentlichen Experten!

WOMAN: Was können Sie als Erziehungsberaterin Eltern konkret raten?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Ich kann nur einen Außenblick beisteuern und mit den Eltern Strukturen, Ziele und mögliche Methoden diese zu erreichen, bearbeiten. Der Job bleibt bei den Eltern! Lasst euch nicht von den materiellen Vorgaben dieser Gesellschaft vernebeln und fühlt euch nicht schuldig, wenn ihr irgendein Konsumgut für eure Kinder nicht zur Verfügung stellen könnt. Setzt viel mehr auf gemeinsames Erleben von Alltag und Lebensmomenten, die den Strom eurer Biographie als Familie formen! Das ist zwar unspektakulär und wirkt fad in einer Gesellschaft, die auf permanenter Reizsuche ausgerichtet ist, ist aber wirkungsvoll, lässt Wurzeln gemeinsamer Identität wachsen und kostet weitaus weniger, weswegen es ja auch nicht beworben wird. Macht euer Kind nicht wehleidig, sondern tröstet es, wenn euer Kind hinfällt und klopft den Dreck ab, aber richtet nicht den Fokus auf die Verschuldensfrage, sondern darauf was es aus diesem Erlebnis stärkendes in seine Zukunft mitnehmen kann. Seid konsequent, in aller erster Linie mit euch selber und tretet überall für die wirklichen Bedürfnisse eurer Kinder ein. Werdet also laut in einer Gesellschaft, die eure Elternarbeit grob behindert, die lieber Spielplätze niederzertifiziert statt Freiräume zu gewähren, die Kinder zu Konsumenten dressiert und falsche Wünsche als Bedürfnisse oder Förderung verkauft. Tretet ein dafür, dass Kinder nicht immer früher als erwachsen erklärt werden, um wiederum an ihnen verdienen zu können.

WOMAN: Manchmal ist es ja nicht schlecht tyrannisch und originell zu sein. Ist der Grad zwischen kreativem Kind und Tyrannenkind schmal?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Nein wirklich nicht! Das halte ich für einen vollkommenen Blödsinn! Es passt nur sehr gut in den gängigen Zeitgeist „tyrannisch mit originell“ in einen Topf zu werfen. Wir etikettieren das Unerträgliche und für uns oft rätselhaft tyrannische Verhalten unserer Kinder gern in ein Rebellentum des verkannten Zukunftsgenies um... Und phantasieren dann gerne eine Art Erfolgstory eines Einsteins, der in der schnöden Schulzeit auch schlecht in Mathe war. Allerdings geht diese Geschichte nur in den seltensten Fällen auf, eben in Fällen wie Einstein. Bei allen andern ist ihr Verhalten Ausdruck von Verwirrung, Orientierungssuche, einer verzweifelten Suche nach Überblick sowie liebevoller konsequenter Anleitung und auch Begrenzung. Originalität und noch viel mehr Kreativität gehören ganz sicher zu den wesentlichsten Kompetenzen, die ein erfolgreiches Voranschreiten unserer Spezies ermöglicht haben und dies weiterhin tun. Nicht umsonst schätzen wir sie so hoch ein und sollten danach trachten, sie in unseren Kindern nicht zu zerstören. Doch dies hat ganz und gar nichts mit tyrannischem Verhalten gemein, steht in keiner sinnhaften Verbindung und tyrannisches Verhalten ist auch ganz sicher dadurch nicht besser, weil es kreativ oder originell in seinem Ausdruck wäre! Es bleibt ein Aufschrei der Kinder, ein Ausdruck dafür, dass wir sie im Stich lassen!

»Die Schaffung eines „Kinderministeriums,“ statt eines Familienministeriums für einen richtigen Schritt. «

WOMAN: Welche Veränderungen bräuchte man auf politischer Ebene, um Kinder zu stärken anstatt sie zu verwirren?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit im Bekenntnis fällt mir dazu als Antwort ein. Wir haben so eine Art romantischer Kuschelphantasie mit bunten glänzenden TÜV zertifizierten Spielgerüsten alle paar Häuserblocks, Kindersicherheitsartikel aus dem Möbelhaus und Aufklebern mit Kinderwägen in den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Thema Kindheit entwickelt. Sonst haben wir noch den MUKI Pass, den Impfpass, Babymessen, Familienbeihilfe, möglichst viele Kinderbetreuungsplätze und Ratgeberliteratur über Kilometer Bücherregale. Es steht also doch wohl alles zum Besten? Doch die Kindheit selber wird in ihrer Einbettung in einer Hochtechnologiegesellschaft nicht wirklich reflektiert. Ich fände die Schaffung eines „Kinderministeriums,“ statt eines Familienministeriums für einen richtigen Schritt. Familie ist heute ein sehr liquider, vielgestaltiger Organismus geworden und die Erhaltung eines Netzwerks an sicheren Bindungen steht für das Kind und sein Entwicklungswohl im wirklichen Zentrum. Entsprechend wäre ein Perspektivenwechsel in den Blickwinkel des Kindes und seiner Situation ein wesentlich effektiverer und effizienterer Zugang. Gleichzeitig würde damit, wenn durch diesen Perspektivenwechsel Gesellschaft mit ihren Mechanismen, neuen Technologien, Lebensstilveränderungen aus dem Blick der Verträglichkeit für ein heranwachsendes Kind beobachtet und beurteilt würde, vieles anders laufen können und müssen. Dann ginge es um tatsächlichen Schutz des Kindes, Bewahrung seiner Intimsphäre, Ungestörtheit seiner psychosozialen Entfaltung. Das würde einigen Industrien, angefangen bei der Nahrungsmittel- und Unterhaltungsbranche allerdings gar nicht gut schmecken, wenn wir hier wirklich ernst machen würden.

Dr. Martina Leibovici-Mühlberger
Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger


WOMAN: Sollten nur Eltern und Lehrer ihr Buch lesen oder findet man darin auch interessante Inputs für alle, die nichts mit Kindern zu tun haben?
Dr. Leibovici-Mühlberger: Ich habe dieses Buch nicht für Eltern und Pädagogen geschrieben, denn unsere Kinder sind Kinder unserer Gesellschaft, sie wachsen nicht nur in ihren Elternhäusern und im Kindergarten und in der Schule auf. Die Verantwortung für ihr Gedeihen und unsere Zukunft tragen wir alle! Ich habe dieses Buch für alle jene geschrieben, die bewusst leben wollen und Anteil und Verantwortung an der Gesellschaft übernehmen wollen, für Bürger also und nicht für Narzissten. Aber die Narzissten werden es sowieso nicht lesen wollen. Ich habe es für alle jene geschrieben, die fühlen, dass die Kinder unsere Zukunft sein werden und die den Mut haben, aufzustehen und für die Kinder einzutreten, auch wenn es unbequem sein kann, das zu tun.

Buch Wenn Tyrannenkinder erwachsen werden von Martina Leibovici-Mühlberger

Das Buch "Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können." ist ab 3. April für Euro 21,90 im Buchhandel erhältlich.

Themen: Eltern, Kinder

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