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Sie verewigt ihr eigenes Sexleben in Comics

Die in Berlin lebende Wienerin Ulli Lust wurde mit einem neuen Genre zur weltweit gefeierten Comic-Künstlerin. Und plädiert dafür, dass Frauen zu ihren körperlichen Bedürfnissen stehen.

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Sie verewigt ihr eigenes Sexleben in Comics
© barbara dietl

Ulli Lust hat viel erlebt. Und empfindet es als Verschwendung, das für sich zu behalten. Also zeichnete sie die autobiografische Dreiecksgeschichte "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" (Verlag Suhrkamp), aus der sie am 25.5. beim Literaturfest Salzburg liest. "Extrem subjektiv, skrupellos und sexuell aufgeladen, so etwas gibt es kein zweites Mal in der deutschsprachigen Comicszene", bejubeln Kritiker die Graphic Novel über Lusts früheres Leben: Ulli, Anfang 20, liebt Georg, aber weil im Bett nichts mehr läuft, findet sie mit seinem Einverständnis jemand zweiten für ihre Befriedigung. Mit den detaillierten Sexszenen will Lust zu Lustfreundlichkeit animieren: "Sex empfinde ich als gesunde, liebevolle Beschäftigung. Ich plädiere für einen unverkrampften Umgang mit den eigenen körperlichen Bedürfnissen."

Auslauffmodell: Macho.

Vor allem aber will die Wienerin ihre Biografie verarbeiten. Mit 17 riss sie mit einer nymphomanen Freundin ohne Pass und Geld nach Italien aus. Die ersehnte große Freiheit zwischen Weltenbummlern, Drogenszene und Rotlichtmilieu, den täglichen Kampf um Essen und Schlafplatz und gegen sexuelle Übergriffe beschrieb sie 25 Jahre später in "Heute ist der letzte Tag deines Lebens". Der Comic-Wälzer wurde 2009 als sensationelles feministisches Statement gefeiert, in sieben Sprachen übersetzt und mit Preisen überhäuft. Sie trifft den Nerv der heutigen Generation, das wundert die Autorin nicht: "Es gibt heute mehr Menschen als während der sexuellen Revolution in den 70ern, die offene Beziehungen leben. Mit den richtigen Partnern funktionieren die ungewöhnlichsten Konstellationen. Die moderne Gesellschaft erlaubt uns mehr denn je, eigene Wege zu gehen." Dass es gleichzeitig eine Strömung gibt, bei der Ehe und trautes Heim wieder im Kurs steigen, läge daran, "dass das Pendel gerade zurückschlägt und reaktionäre Inhalte wieder salonfähig geworden sind." Insgesamt würden Junge aber von den erkämpften gesellschaftlichen Freiräumen profitieren. "Die sind selbstverständlich geworden, dafür spricht zum Beispiel die Normalität von One-Night-Stands dank Tinder-Dates."

(c) Ulli Lust

Sie selbst hielt die monogame Zweierbeziehung immer nur für ein Modell unter vielen. Wie auch ihr früherer Freund Georg, den sie in "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" porträtiert. Entgegen üblicher Geschlechterklischees ist es hier der Mann, der beim Sex mit seiner Partnerin mit zunehmender Alltagsroutine nichts mehr empfindet -und auch darüber reden kann. "Das ist interessant, nicht?", meint die Künstlerin. "Als ehemaliger 68er lehnte Georg das traditionelle Männlichkeitsbild ab. Er war geübt darin, seine eigenen Reflexe und Sehnsüchte zu hinterfragen und zu kommunizieren." Trotzdem hält sie "die jungen Männer heute für emanzipierter und aufgeschlossener als früher." Und wie steht es dann um den angeblich wiedererwachten Wunsch der Frauen nach einem "richtigen Kerl"?"Ich wage die Behauptung: Die wenigsten Österreicherinnen sehnen sich nach der Zeit zurück, in der sie dem Manne demütig dienen mussten. Ein paar submissiv veranlagte Frauen gibt es immer, und für die gibt es noch genug dominante Herren." Nachsatz: "Den richtigen Kerl vermissen Frauen höchstens ab und zu im Bett. Im Liebesspiel kann man alles Mögliche ausleben, das im Alltag undenkbar ist."

Offene Beziehungen klappen?

Ulli Lust erlebte das "im Alltag Undenkbare" doch: Ihr Liebhaber Kimata, der sich von Anfang an nur widerwillig auf die Dreiecksbeziehung eingelassen hatte, wurde später besitzergreifend und gewalttätig. Dass er Afrikaner ist, hat ihr nach Veröffentlichung des Buchs auch den Vorwurf des Rassismus eingebracht. "Ich habe darüber nachgedacht, ob das unschöne Ende der Beziehung mich davon abhalten sollte, die Geschichte zu erzählen", hat es sich die Autorin nicht leicht gemacht. "Die Antwort darauf: Es wäre verdreht rassistisch, eine reale Geschichte aufgrund solcher Bedenken nicht zu erzählen."

(c) Ulli Lust

Den Trend zum Singletum kann Ulli Lust nachvollziehen: "Ich lebe gern allein, ich würde es auch tun, hätte ich nicht zu meinem Glück und völlig unerwartet vor vielen Jahren den Mann meiner Träume getroffen." Der war es auch, der der Zweifelnden zugeredet hat, ihre Dreiecksgeschichte zu veröffentlichen. Ist es also doch der Traummann, der sie letztendlich glücklich macht? "Er macht mich manchmal glücklich und manchmal nicht. Dasselbe gilt für meine künstlerische Arbeit. Wenn ich wählen müsste zwischen beiden, würde ich die Kunst wählen. Aber glücklicherweise muss ich das nicht: Mein Freund liebt mich gerade wegen meiner künstlerischen Haltung. Wir teilen dieselbe Passion."

Thema: Sex & Erotik