Ressort
Du befindest dich hier:

16 Antworten auf die Frage: Darf man das eigentlich noch?

Ein Kaugummi, der auf dem Gehsteig klebt, braucht fünf Jahre, um zu verrotten. Im Schnitt werfen wir pro Jahr Essen im Wert von 400 Euro weg. Seit 1950 wurden 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Zahlen, die aufrütteln. Noch erschreckender: vermeintlich banale Alltags-Aktivitäten haben oft verheerende Auswirkungen auf unsere Umwelt.

von

Plastikmüll und Co
© iStockphoto.com

Hand hoch, wenn bei dir daheim Kleidungsstücke im Kasten hängen, die du erst ein Mal oder vielleicht sogar noch nie getragen hast. Klassischer Fall von Fehlkauf - kennt man, oder? Ein lautes "Hier" bitte, wenn dir im Kühlschrank schon mal Lebensmittel verdorben sind - oder du beim All-you-can-eat-Buffet den noch halbvollen Teller zurückschickst, weil du dir vor lauter Appetit mehr aufgeladen hatten, als du essen konntest. So, und einmal geht's noch: Wer von euch hat den Kindern von Bekannten oder Verwandten noch nie Plastikspielzeug geschenkt?

"Na, gut", wirst du jetzt sagen, "ich bemühe mich ja, nachhaltig und ökologisch richtig zu leben, aber man kann sich halt nicht immer zu 100 Prozent korrekt verhalten! Und ist das alles jetzt wirklich so schlimm?" Wir fragten bei zwei Expertinnen nach. Helene Pattermann, Gründerin von "Zero Waste Austria", und Greenpeace-Sprecherin Sophie Lampl analysieren für WOMAN sogenannte Alltagssünden.

Und sie liefern zusätzlich Ideen für umweltfreundliche Alternativen, die sich in der Praxis gar nicht mal so schwer umsetzen lassen. "Alles kann man definitiv nicht richtig machen", räumt Pattermann ein. "Auch wenn ich wüsste, wie ich das meiste verbessern und vermeiden kann, bin ich selbst trotzdem keine Heilige. Auch mir passieren immer wieder Umwelt-Fauxpas. Wichtig ist aber, dass man sein Verhalten und dessen Konsequenzen immer wieder bewusst überdenkt und mögliche Korrekturen im Sinne der Nachhaltigkeit vornimmt." Klingt auf alle Fälle nach einem Plan, den wir am besten gleich mal in Angriff nehmen. Also, los geht's!

KAUGUMMI AUF DEN BODEN WERFEN...

Wusstest du, dass ein Kautschi, der am Gehsteig klebt, erst nach fünf Jahren verrottet? "Es ist immens aufwändig und teuer, die Flecken vom Asphalt wieder zu entfernen", weiß Sophie Lampl von Greenpeace. Und es ist unglaublich lästig, wenn man in das klebrige Zeug reintritt und dieses dann mühsam von den Sohlen kratzen muss. "Außerdem wird der Gummi von Vögeln und anderen Tieren oft mit Futter verwechselt. Wenn sie ihn fressen, verklebt sich ihr Darm", weiß Sophie Lampl von Greenpeace. "Um Wutanfälle der Straßenreinigung und Verdauungsprobleme unserer geflügelten Freunde zu vermeiden, sollten wir das in Zukunft also lieber sein lassen." Gilt übrigens auch für Zigarettenstummel: Die brauchen unentsorgt sogar zehn Jahre, um abgebaut zu werden.

BEI BILLIG-MODEKETTEN EINKAUFEN

"Tatsache ist: Sehr günstig hergestellte Kleidung geht leider wirklich nur auf Kosten von Umwelt, Näherinnen und Länder, in denen die Teile produziert werden", erklärt Helene Pattermann. "Ein Shirt, das im Laden vier Euro kostet, kann sich nicht rechnen. Das wissen die meisten, und dennoch ist es in unserer Gesellschaft so gut wie selbstverständlich, diese Waren trotzdem zu kaufen." Der Umkehrschluss trifft aber auch nicht automatisch zu. Sprich: Teure Mode zu kaufen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie tatsächlich fair hergestellt wurde. Deshalb empfiehlt die Expertin vor allem die Devise: Weniger ist mehr. "Ein minimalistischer Kleiderschrank schont nicht nur unsere Ressourcen, sondern auch unser Budget." Weitere Alternativen: In Secondhand-Läden shoppen, Kleidertauschpartys organisieren. In Wien kann man sich auch beim Designer-Fashion-Verleih "endlos fesch" für einen Monat coole Kleidungsstücke gegen eine überschaubare Gebühr ausborgen.

KINDERN SÜSSIGKEITEN UND PLASTIKSPIELZEUG SCHENKEN

Jeder kennt's: Man ist zu Besuch eingeladen und möchte den Kleinen eine Aufmerksamkeit mitbringen. Und hey: Kinder lieben alles, was süß schmeckt, bunt und laut ist. Pattermann sieht solche Mitbringsel aber nicht gern: "Ich bin kein Fan davon, Kindern alles zu verbieten, was ungesund oder nicht ökologisch ist. Aber ich finde, gerade bei ihnen wird einem oft die Absurdität unserer Wegwerfgesellschaft bewusst. Süßigkeiten, die aus mehr Verpackung als Schokolade bestehen, und Plastikspielzeug, das schon am Weg nach Hause kaputtgeht, sollte unserem Nachwuchs bitte nicht als Normalzustand verkauft werden." Und immer dran denken: Die Kleinen sind die Konsumentinnen und Konsumenten der Zukunft.

FERTIGPIZZA UND LEBERKÄSE ESSEN

Hunger, aber keine Zeit, groß aufzukochen. Es muss schnell gehen. Salat zum Beispiel, das wäre eine gute und vor allem gesunde Möglichkeit. Manchmal aber hat man Gusto auf was Deftigeres. "Wie bei allem im Leben kommt es auf die Menge an", so Lampl. "Gelegentlich zu Fertigpizza und Leberkäse zu greifen, ist per se nicht verwerflich. Das kann man dann schon auch genießen. Wichtig ist aber, dass man grundsätzlich sehr wohl auf die Herkunft der Zutaten und auf die Inhaltsstoffe achtet, wenn möglich auch beim Fast Food. Wer sich und der Umwelt etwas Gutes tun möchte, greift zu regional und biologisch produzierten Lebensmitteln. Oder versuche auch mal, ohne tierische Zutaten auszukommen."

WITZE ÜBER RANDGRUPPEN MACHEN

"Dialog ist wichtig, und manchmal hilft eine Portion Humor, gesellschaftliche Themen zu reflektieren und einen Umgang mit Diversität zu schaffen." Unerlässlich in den Augen von Expertin Pattermann: "In jeder Art der Kommunikation immer respektvoll und wertschätzend bleiben!"

ESSEN DAHEIM VERSCHIMMELN LASSEN

Vermutlich ist das jedem schon mal passiert: Ein Joghurt ist in den Tiefen des Kühlschranks verschwunden und hat dort ein übelriechendes Eigenleben entwickelt. Damit das nicht allzu oft vorkommt, hilft systematisches Einräumen. Erstens: Packe die Lebensmittel so weit aus, dass du beim Reinschauen alles sehen kannst. Was blickdicht verpackt ist, gerät schnell in Vergessenheit.
Zweitens: Stelle frisch gekaufte Produkte immer hinter solche, die bereits länger drinnen stehen. So kannst du Lebensmittel leichter entsprechend ihrer Haltbarkeit verbrauchen. Apropos Ablaufdatum: "Bevor man etwas wegwirft, sollte man sich ruhig auf seine Sinne verlassen. In unseren Haushalten landen jährlich 206.000 Tonnen Lebensmittel im Müll, und das, obwohl sie noch genießbar sind", erklärt Lampl. "Schuld daran ist unter anderem das Mindesthaltbarkeitsdatum, das viele mit einem Ablaufdatum verwechseln. Die meisten Produkte kann man viel länger verspeisen. Einzig bei leicht verderblichen Waren wie Frischfisch und Faschiertem sollte man sich an die Kennzeichnung auf der Verpackung halten."

Im Schnitt landen hierzulande pro Haushalt jährlich Produkte im Wert von 400 Euro auf dem Müll. Auch ein Problem, das viele kennen: Man fährt auf Urlaub, hat noch einige Lebensmittel daheim, die, während man unterwegs ist, verderben würden. Was tun? "Die vermutlich einfachste Möglichkeit: Bei den Nachbarn anläuten und ihnen die Nahrungsmittel anbieten. Wenn dort kein Bedarf besteht, gibt es mittlerweile auch sehr viele Plattformen wie foodsharing.at oder Stationen, wo man sein Essen abgeben kann. So muss man nichts wegwerfen, und man macht anderen Menschen eine Freude."

ES SICH GUT GEHEN LASSEN, OBWOHL ES ANDEREN SCHLECHT GEHT

Pattermann: "Man sollte es auf jeden Fall taktvoll tun! Und nie drauf vergessen: Man kann nur sein bestes Selbst sein, wenn man auf sich achtet und sich auch mal verwöhnt. Erfrischt kann man sich dann wieder um andere kümmern. Als Mutter von zwei Kindern weiß ich, dass der Familie nicht geholfen ist, wenn man sich selbst verausgabt."

GERN MIT DEM AUTO FAHREN

Sicher, es gibt einige Vorteile, wenn man mit dem Auto unterwegs ist: Man muss zum Beispiel an den Haltestellen nicht auf U-Bahn oder Bim warten und sich die Beine in den Bauch stehen, man kann Gepäck viel leichter transportieren, man hat immer einen Sitzplatz, und man muss seiner Nase nicht zig Gerüche gleichzeitig zumuten. "Aber gerade in Städten sind öffentliche Verkehrsmittel eine umweltschonende Alternative, die vor allem zu Stoßzeiten ziemlich viel Zeit spart", sagt Lampl. Noch ein Pluspunkt: In den Öffis muss man sich nicht auf den Verkehr konzentrieren, sondern kann sich einem guten Buch widmen. "Im Sommer ist Radfahren eine super Möglichkeit, Stadt und Land zu erkunden. Nebenbei tut man auch Körper und Gesundheit etwas Gutes." Wer dennoch nicht auf ein Auto verzichten möchte oder kann, dem rät der Umweltprofi zu Fahrgemeinschaften.

ÜBER GLEICHBERECHTIGUNG LACHEN

"Humor ist ja bekanntlich eine streitbare Angelegenheit - aber wer über Gleichberechtigung lacht, hat ein paar sehr wichtige Dinge in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht verstanden", bringt es Lampl auf den Punkt.

UNGETRAGENE KLEIDUNG BESITZEN

Im Schnitt besitzt jeder von uns rund 95 Kleidungsstücke. Jedes fünfte Teil davon ziehen wir so gut wie nie an. Lampls Tipp: "Miste alle paar Monate den Schrank aus. Gewand, das noch schön ist, du selbst aber nicht mehr trägst, lässt sich gut auf Flohmärkten verkaufen. Oder du schenkst die Kleidung Freundinnen. So kannst du Shirts, Kleider und Hosen zu einem zweiten Leben verhelfen."

BEIM BUFFET MEHR AUFLADEN, ALS MAN ESSEN KANN

Lebensmittelverschwendung ist nicht nur ein ethisches, sondern auch ein ökologisches Problem: Weltweit ist sie für 3,3 Gigatonnen CO2-Emissionen verantwortlich. Ein Drittel der Landwirtschaftsfläche rund um den Globus nehmen Lebensmittel ein, die nie verspeist, sondern wieder entsorgt werden. Der Wasserverbrauch, um diese Anbaugebiete zu bewirtschaften, entspricht pro Jahr dreimal dem Volumen des Genfer Sees, häufig in Gegenden, die an Wassermangel leiden. In Österreich wird etwa ein Viertel des ökologischen Fußabdrucks durch die Ernährung verursacht. "Sich mehr auf den Teller zu nehmen, als man verputzen kann, tut also weder der eigenen Hüfte noch der Welt gut. In vielen All-you-can-eat-Restaurants bezahlt man mittlerweile einen Aufpreis, wenn man nicht aufisst. Das finde ich gut! Und wer nicht so viel gehen will, sollte sich einfach in die Nähe des Buffets setzen", so Pattermann.

SICH NICHT ODER NUR WENIG FÜR KLIMASCHUTZ INTERESSIEREN

"Das Thema geht uns alle an!", betont Lampl. "Uns und unseren künftigen Generationen zuliebe kann jeder seinen persönlichen Betrag für die Umwelt leisten. Das heißt nicht, dass man sich komplett einschränken muss. Aber im Alltag lässt sich an vielen Stellen Energie sparen, ob beim Kochen, Waschen oder bei Elektrogeräten." Auch der Ausstieg der USA aus dem internationalen Klimaabkommen sollte niemanden kalt lassen. Lampl weiß: "Für viele wirkt es wie ein weit entferntes Zukunftsszenario. Doch die Auswirkungen für Europa und den Rest der Welt wären enorm. Die Erderhitzung könnte mit dem amerikanischen Ausstieg um bis zu 0,3 Grad vorangetrieben werden." Das klingt zunächst nach nicht sehr viel. Doch jede zusätzliche Erwärmung hat dramatische Folgen: Gletscher und Polarkappen schmelzen, wodurch der Meeresspiegel weiter ansteigt. Dürren und extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen werden häufiger, länger, extremer. "Die vielleicht schlimmste Auswirkung ist, dass sogenannte Kipppunkte erreicht werden. Das sind Schwellen, an denen unumkehrbare Prozesse einsetzen, wie etwa das Auftauen von permanent gefrorenen Böden in Sibirien. Und das wiederum würde noch mehr klimaschädliche Treibhausgase freisetzen. Es liegt an uns allen, diese Entwicklungen zu stoppen!"

WASSER AUS PLASTIKFLASCHEN TRINKEN

Erschreckend: Im Jahr 2050 könnte drei Mal mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische. Seit 1950 wurden 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff erzeugt. Das entspricht dem Gewicht von 822.000 Eiffeltürmen aus blankem Stahl! 35 Prozent des weltweiten Plastikverbrauchs sind allein auf Verpackungen zurückzuführen. Deshalb gilt: Kunststoff vermeiden. Oder zumindest so oft wie möglich wiederverwenden."Wasser wird meistens in Einwegplastikflaschen verkauft. Die kann man problemlos reinigen und wieder benutzen", so Lampl. Noch besser aber: "Man besorgt sich eine Glas- oder Metallflasche, die man überallhin mitnimmt."

IM WINTER ERDBEEREN KAUFEN

"Das ist ungesund und unfair", fasst Lampl zusammen. Denn: "Damit wir in Europa die Früchte auch in der kalten Jahreszeit naschen können, müssen sie aus Marokko oder Ägypten eingeflogen werden. Um bei uns noch frisch auszusehen, wird das Obst mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt. Der Anbau in den Ursprungsländern geschieht dazu oft unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen." Deshalb immer zu saisonalen Produkten greifen! Apps wie "Saisonkalender" helfen dabei, nicht den Überblick zu verlieren.

ONLINE SHOPPEN

Zugegeben, von der Wohnzimmercouch aus Sachen zu bestellen, ist schon praktisch. Aber wusstest du auch, dass es sogar ressourcenschonend sein kann, im Internet einzukaufen? "Das gilt allerdings nur für regionale Anbieter", bemerkt Pattermann. "Bei diesen erkenne ich eine große Chance, Lebensmittel wieder in Mehrweggebinden zu vertreiben. Schon jetzt kann man bei Biokistlbetreibern Milchprodukte in Glasverpackungen kaufen, die leeren Behälter werden dann ganz bequem wieder von zu Hause abgeholt." Tatsache ist aber auch: Meistens bestellen wir im Web bei nicht ansässigen Unternehmen. "Das schädigt unsere lokale Wirtschaft, Stichwort: das große Buchhandlungssterben."

FREUNDE AUF UMWELTSÜNDEN HINWEISEN, OBWOHL MAN SICH SELBST NICHT DRAN HÄLT

"Niemand wird gern ermahnt", weiß Pattermann." Aber andere zu informieren, ist okay. Gerade bei Zero Waste gibt es viele kleine Schritte und Alternativen, die viele noch nicht kennen, wie Menstruationstassen, Strohhalme aus Glas oder echtem Stroh, Deos zum Abfüllen oder Roggenmehl als Haarshampoo."

Thema: Bio & fair

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .