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Wir haben einen Beautysalon im Bauch

Billionen Bakterien leben in unserem Darm. Und, wer hätte das gedacht: Sie erzeugen Beautystoffe wie Hyaluronsäure oder Ceramide, die Falten reduzieren und Haare voller machen. Wie man diese Produktion fördern kann, erklärt Dr. Axt-Gadermann.

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Wir haben einen Beautysalon im Bauch
© istockphoto.com

Er avanciert zunehmend zum Superstar: der Darm. Immer neue Forschungsergebnisse untermauern, wie wichtig eine ausgeglichene Mikrobenbesiedlung unseres größten Organs für die Gesamtgesundheit ist. Die "guten" Bakterien wie Bacteroides, Milchsäurebakterien oder Bifidokeime sollten nicht von den "bösen", z. B. den Firmicutes, überwuchert werden. Aber schön machen sie auch? "Ja, denn Gesundheit und Attraktivität hängen eng zusammen. Und die Haut ist der Spiegel unseres Darms", weiß Dermatologin und Autorin Dr. Michaela Axt-Gadermann ("Schön mit Darm", südwest-Verlag, € 17,50). Der Experten-Talk.

WOMAN: Sie sagen, der Darm ist ein inneres Kosmetikstudio. Wie funktioniert das?

Axt-Gadermann: Ein gesunder Darm produziert nützliche Substanzen wie Hyaluronsäure und Ceramide, die wir als Kosmetikwirkstoffe kennen, und auch Stoffe, die uns vor UV-Strahlung schützen. Das richtige Mikrobiom, also die Bakterienbesiedelung, kann Falten vermindern. Die Kernzutat dafür sind Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe. Besonders wertvoll sind die Polyphenole, die Farbstoffe in den Pflanzen. Das weiß man an sich schon länger. Neu ist die Erkenntnis, dass der Darm diese Nährstoffe nur aufnehmen kann, wenn seine Bakterienflora gut arbeitet und sie aufspaltet. Tut sie das nicht, flutschen sie einfach durch.

WOMAN: Heißt das, gesunde Ernährung macht wenig Sinn, wenn die Darmbakterien nicht ordentlich arbeiten?

Axt-Gadermann: Zuerst einmal ja, weil der Körper sie nicht nutzen kann. Aber Sinn macht sie trotzdem, weil es eine Wechselwirkung gibt. Polyphenole fördern nämlich das Wachstum der Beauty-Keime und hemmen gleichzeitig die Vermehrung schädlicher Mikroorganismen. Je mehr bunte Lebensmittel wir essen, desto mehr der guten Mikroben siedeln sich an. Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Denn es dauert einige Wochen, bis sich eine erste Veränderung zeigt.

WOMAN: Worauf muss man noch achten?

Axt-Gadermann: Der Darm reguliert den pH-Wert der Haut. Der sollte sauer sein, mit dem Älterwerden steigt er aber an. Je höher er ist, desto mehr Enzyme werden aktiviert, die Kollagene zerstören. Schafft man es über die Darmflora, den pH-Wert der Haut auf unter fünf zu bringen, wird die Aktivität dieser Enzyme gestoppt.

WOMAN: Auch die Hormonproduktion wird zum Teil im Bauch reguliert. Welchen Einfluss haben Hormone auf die Schönheit?

Axt-Gadermann: Östrogen und Testosteron formen unsere Figur, bauen Muskeln auf und straffen die Haut. Auch dazu braucht es einen gesunden Darm. Er baut außerdem Stresshormone wie Cortisol oder Adrenalin ab, das schützt vor Mikro-Entzündungen, und produziert Glücks- und Zufriedenheitshormone wie Dopamin oder Serotonin. Man schläft besser, kann mit kritischen Situationen entspannter umgehen. Das beeinflusst die Psyche positiv, man sieht dadurch besser aus.

WOMAN: Und all das funktioniert mit ausreichend Polyphenolen? Sollen wir jetzt nur noch Obst und Gemüse essen?

Axt-Gadermann: Obst und Gemüse sind vor allem für die direkten optischen Effekte wichtig. Unser Darm ist aber auch Drehscheibe der Gesundheit. In ihm wohnen ja Zigbillionen Keime, die als Gesamtheit helfen, den Stoffwechsel am Laufen zu halten. Wichtig ist, das man die alle füttert. Deshalb sollte man möglichst abwechslungsreich essen. Das ist an sich recht praktisch geregelt. Bietet man den Bakterien ein reichhaltiges Buffet, bedienen sie sich nach Bedarf. Die guten sprießen und halten die bösen in Schach. Besonders beliebt als Futter sind die Präbiotika.

WOMAN: Können Sie das näher erklären?

Axt-Gadermann: Das sind bestimmte Ballaststoffe wie Inulin oder resistente Stärke. Die finden sich in Hülsenfrüchten, Zwiebeln, Knoblauch und generell sämtlichen Lauchgewächsen, Topinambur, Pastinaken, Haferflocken oder Leinsamen. Besonders viel davon ist auch in kalten Kartoffeln und Reis. Durch das Erhitzen und Abkühlen verändert sich die Stärke darin. Das ist ein wahres Festmahl für die Bakterien. Keine Sorge, man muss nicht die komplette Ernährung umstellen. Aber diese Dinge sollte man öfter in den Speiseplan einbauen. Dafür verzichtet man auf Fertiggerichte und verarbeitete Lebensmittel.

WOMAN: Was bewirken diese im Darm?

Axt-Gadermann: Fast Food etwa enthält das falsche Fett, das begünstigt entzündungsfördernde Keime und Übergewicht. Zusatzstoffe wie Emulgatoren stehen im Verdacht, die Schleimschicht im Darm wasserlöslich zu machen und so zu verdünnen. Dann gelangen Stoffe in den Körper, die dort nichts verloren haben. Süßstoffe verändern das Mikrobiom so, dass mehr Zucker aus der Nahrung gezogen wird, das ist schlecht für den Blutzuckerspiegel. Und Konservierungsstoffe machen in uns das Gleiche wie in der Nahrung. Sie hemmen das Wachstum von Keimen. Das ist aber gerade im Darm kontraproduktiv.

WOMAN: Auch Antibiotika sind ja schlecht für den Darm und damit für die Schönheit?

Axt-Gadermann: Korrekt. Die töten ja alles, also auch die guten Keime. Muss man sie einnehmen, dann unbedingt mit Probiotika, also Darmkulturen, kombinieren. Da gibt es mehrere gute Produkte am Markt, ich war selbst an der Entwicklung von einem beteiligt. Das beinhaltet Probiotika und Präbiotika. Wir erforschen damit auch neue spannende Anwendungsmöglichkeiten.

WOMAN: Welche wären das?

Axt-Gadermann: Man kann mit diesen Darmkeimen auch die Haut behandeln. Wir haben eine erste kontrollierte Studie durchgeführt, bei der wir eine Bakterienkur in warmem Wasser aufgelöst haben. Zehn Patienten mit Ekzemen badeten diese jeweils zehn Minuten in der Flüssigkeit. Schon nach wenigen Tagen war eine deutliche Verbesserung erkennbar. Diese Forschung steckt natürlich noch in den Kinderschuhen. Aber in den USA sind probiotische Kosmetika, also Produkte mit Darmbakterien, schon ein großes Thema.