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Upcycling: Wie man aus Schaulust Zivilcourage bastelt

Viele schauen, wenn die Hilfskräfte am Werk sind. Aber viele schauen weg, wenn sie dringend gebraucht werden, um ein paar Minuten davor ebendiese Hilfskräfte, denen sie nun im Weg stehen, zu alarmieren. Mehr Mut ist gefragt – und mehr Anstand!


Upcycling: Wie man aus Schaulust Zivilcourage bastelt
© istockphoto.com

Bei einem Verkehrsunfall mit schwerverletzten Autoinsassen bleibt Helfern in der Regel wenig Zeit, lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Jede Verzögerung kann weitreichende Folgen nach sich ziehen und die Überlebenschancen Betroffener mindern. Die Bemühungen sind groß, um die Rettungskette möglichst straff zu gestalten. Gesetzlich verpflichtende Telematik für Neuwagen ab 2018 ist der jüngste Schritt in Richtung optimierter Unfallhilfe. Entsprechende Systeme mit automatisiertem Notfall-Signal gibt es schon jetzt bei Allianz, Uniqa oder ÖAMTC, denn schnelle Hilfe ist im Ernstfall lebenswichtig. Untragbar daher, wenn schaulustige Passanten Hilfskräften im Weg stehen und den optimalen Ablauf behindern. Unnötig zu erwähnen, dass das Gaffen, Fotografieren und Filmen an einer Unfallstelle zudem geschmacklos und respektlos gegenüber den Opfern und deren Angehörigen ist.

Bei absichtlichem Langsamfahren, um zum Beispiel möglichst viel vom Geschehen an der Unfallstelle einzufangen, ist in Österreich mit Geldbußen zu rechnen. Das unangebrachte Drosseln der Geschwindigkeit sorgt für Verkehrschaos und nicht selten für Auffahrunfälle. Das Spannungsthema Schaulust ist aktueller denn je. In Deutschland tobt gegenwärtig sogar das Thema, Gaffen zur Straftat zu erheben. Der Bundesrat berät darüber dieser Tage auf Antrag der Länder Niedersachsen und Berlin. Ein Mangel an Interesse bei Erspähen eines Unfalls scheint jedenfalls nicht zu existieren.

Viele schauen, nur wenige helfen

Eben diesen Eindruck könnte man aber leicht gewinnen, wenn Auto um Auto eine offensichtliche Unfallstelle passiert, ohne dass die Fahrer halten und helfend eingreifen. Nicht einmal ein kurzer Griff zum Telefon, um die Rettungskräfte zu alarmieren, scheint für viele Vorbeifahrende zumutbar. 85 Prozent der Lenker fuhren bei einer 2011 vom ÖAMTC durchgeführten Studie an der inszenierten Unfallstelle vorbei, ohne zu helfen – ein erschreckendes Ergebnis. Sechs wertvolle und im Ernstfall entscheidende Minuten vergingen auf einer viel befahrenen Landstraße bei besten Wetterverhältnissen und klar erkennbaren Signalen zur leichten Situationseinschätzung.

Längst wissen wir zudem: Je mehr Menschen einen Notfall beobachten, desto geringer ist die Chance, dass einer von ihnen hilft. Das heute meist Bystander-Effekt genannte Phänomen konnte in zahlreichen sozialwissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden. Erstmals beschäftigte sich Maximilian Ringelmann mit dem Paradox. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wies er nach, dass die Einzelleistung beim Seilziehen nachlässt, je mehr Personen an jedem Seilende ziehen. Standen die Probanden allein, so gaben sie 100 Prozent. Ihre Leistungsfähigkeit sank aber je mehr Personen hinzugeholt wurden. In einer Gruppe von 8 Personen zeigte jeder Einzelne nur noch 50 Prozent seiner Leistung als Einzelkämpfer.

Für die vielbefahrene Straße des ÖAMTC bedeutet das: Die Fahrzeuglenker gaben die Verantwortung lieber an den Hintermann ab anstatt zu helfen. Die nachkommenden Fahrer aber orientierten sich am Vordermann. „Es wird schon einen Grund geben, weshalb so viele vorbeifahren“, so die Gedankenstimme. Vielleicht ist die Situation gar nicht so ernst oder vielleicht ist Hilfe schon unterwegs, denken sich viele. Und während Menschen passieren und aus Bequemlichkeit und Angst falsche Mutmaßungen anstellen, vergehen qualvolle Minuten unterlassener Hilfeleistung, die unwiederbringlich sind.

Viele schauen, nur wenige helfen

Beim Upcycling werden nutzlos gewordene alte Stoffe in neu gestaltete Produkte umgewandelt. Gaffen und Wegschauen haben ausgedient. Wir verschrotten den Müll und verwerten die guten Teile weiter. Das prinzipielle Aufmerksamsein und das Interesse am Geschehen der Schaulustigen behalten wir. Wir polieren solange bis der ekelerregende Dreck der Sensationsgeilheit abbröckelt und nur noch ehrliches Interesse am Leben unserer Mitmenschen übrigbleibt. Dieses basisgereinigte Grundmaterial an Achtsamkeit und Anteilnahme verflechten wir nun mit dem natürlichen Reflex des Abwendens von Schrecklichem und finden so unseren Anstand wieder. Schon haben wir ein gewinnbringendes Produkt von neuem Wert geschaffen. Weniger Müll, mehr Nutzen für die Menschen!

Der Upcycling-Vorgang für mehr Zivilcourage bei Verkehrsunfällen im Detail:

  • Machen Sie sich bewusst, dass das Alarmieren der Rettungskräfte ein extrem bedeutsamer Schritt ist. Und was kostet dieser? Viel Mut? Viel Zeit? Viel Überlegung bedarf es hier wohl nicht. Helfen Sie, indem Sie Hilfe holen.
  • Machen Sie sich bewusst, dass gerade dann wenn viele Zeugen da sind, die Chancen gering sind, dass jemand helfend einschreitet. Ihre Verantwortung bleibt aufrecht, auch wenn andere potenzielle Helfer verfügbar sind.
  • Machen Sie sich bewusst, dass in Österreich noch nie jemand wegen falscher Erste-Hilfe-Leistung zur Rechenschaft gezogen wurde, wohl aber wegen unterlassener Hilfeleistung. Bei Nicht-Hilfe hat man auf jeden Fall falsch reagiert. Jegliches Aktivwerden kann Ihre Lage also nur verbessern.
  • Machen Sie sich bewusst, dass die ersten Minuten nach einem Unfall entscheidende Momente sind, die über Leben und Tod entscheiden können. Helfen Sie bis die Rettungskräfte eingetroffen sind.
  • Machen Sie sich bewusst, dass passives Zuschauen niemandem hilft, sondern schädlich wirkt. Vor Eintreffen der Rettungskräfte vermitteln Schaulustige, dass hier schon geholfen wird. Sie versperren den Opfern also die potenzielle Hilfe anderer. Nach Eintreffen der Rettungskräfte behindern sie deren Agieren oder verursachen Folgeunfälle. Das Motto heißt also „helfen oder heimgehen“. Und die erste Option ist hier stets die bessere Wahl.

Wer sich nun Sorgen um seine eigene Lage bei einem Unfall macht, tut dies zurecht. Eine gute Möglichkeit, sich vor unterlassener Hilfeleistung zu schützen, sind Telematik-Systeme. Ab 2018 wird sich in allen Neuwagen eCall befinden. Automatisch wird dann bei einem Aufprall Hilfe angefordert. Schon heute können sich Neu- und Gebrauchtwagenfahrer mit vergleichbarer Sicherheitstechnik ausstatten – zum Beispiel via Allianz Drive, Uniqa SafeLine oder Angeboten des ÖAMTC.