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Welches Image hat deine Vagina?

Kennst du schon das erste virtuelle Vaginamuseum Österreichs? Die Gründerin erklärt im Interview, warum es so wichtig ist über das weibliche Geschlechtsteil zu sprechen.

von

Vaginalogin

Noch immer ist die Vagina als Gesprächsthema ein Tabu!

© istockphoto.com

"Mir ist aufgefallen, dass sich Menschen schon allein bei der Erwähnung des Wortes Vagina schämen, erröten oder lachen", sagt Kerstin Rajnar, die Gründerin von Vaginamuseum.at. Mit dem ersten virtuellen Museum für das weibliche Geschlecht (www.vaginamuseum.at) will sie gemeinsam mit anderen Interessierten, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen am Image der Vagina arbeiten. Dieses sei laut Jana Studnicka, einer Medizinerin und Vaginalogin, nämlich gar nicht so toll. "Schon in der Antike wurde die Meinung vertreten, dass ohne Penis kein Sex möglich sei. Damit wurde jegliche Sexualität zwischen Frauen negiert, und die Vagina als passives Objekt deklariert", erklärt sie im Interview mit WOMAN. Wir haben mit dem Team von Vaginamuseum.at darüber gesprochen, welche verherrenden Auswirkungen die Tabuisierung der Vagina auf die Gesellschaft hat und was man dagegen tun kann.

WOMAN: Frau Rajnar, sie haben 2014 ein virtuelles Museum für die Vagina ins Leben gerufen. Wie kann man sich das vorstellen?
Kerstin Rajnar: Es ist Österreichs erstes virtuelles Museum für das weibliche Geschlecht und derzeit wahrscheinlich weltweit auch das einzige Museum dieser Art. Die Seite versteht sich als kulturelle Informationsträgerin aber auch informative Bildungsplattform für Menschen jeglichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft. Das Museum teilt sich in die zwei Hauptbereiche (Galerie und Archiv), welche sich explizit mit allen Themen rund um das weibliche Geschlecht auseinandersetzen.

WOMAN: Sie wollen mit dem Museum den Begriff Vagina positiver besetzen. Ist der Begriff denn derzeit so negativ besetzt?
Kerstin Rajnar: Themen rund um das weibliche Geschlecht werden nach wie vor tabuisiert und scheinen noch immer zu provozieren. Meine Vermutung hat sich im Zuge meiner ersten Recherchen im Jahr 2011 leider bewahrheitet. Ich gehe davon aus, dass es einen direkten Zusammenhang mit der steten Pornografisierung der Weiblichkeit gibt. Die negativ entstandenen Bilder und Begriffe der Pornografie hinterlassen Spuren im Handeln und Denken der Menschheit. Mir ist aufgefallen, dass sich Menschen schon allein bei der Erwähnung des Wortes "Vagina" schämen, erröten oder lachen. Auch in Bezug auf öffentliche Förderungen oder Kooperationen musste ich feststellen, dass die Absagen einiger Stellen teils irrational und für mich nicht nachvollziehbar begründet sind. Ich vermute unterbewusste Angst, sich in irgendeiner Art und Weise mit dem Wort Vagina in Verbindung bringen zu lassen. Dies wiederum zeigt mir aber auch die Notwendigkeit eines solchen Museums.

»Wenn Menschen von der Vagina sprechen, werden ihre Stimmen sofort leiser.«

WOMAN: Warum spricht man nicht einfach mehr über die Vagina?
Kerstin Rajnar: Bei jeglichen Gesprächen über das weibliche Geschlecht werden die Stimmen sofort leiser, angst- und schambesetzt wird über die Schulter geblickt – es könnte ja jemand mithören. Die Angst, die Scham und der Schmerz sitzen so tief verankert und wurden leider zu Selbstverständlichkeit. Viele Menschen wissen auch gar nicht wo sich die Vagina eigentlich befindet. In der Alltagssprache wird nämlich der Begriff Vagina fälschlicherweise verwendet um das ganze weibliche Geschlecht zu bezeichnen, doch beschreibt es im eigentlichen Sinne das Verbindungsstück zwischen Muttermund und Vulva.

Vaginamuseum
2014 Eröffnungsausstellung VAGINA 2.0

WOMAN: Frau Studnicka, wie unterscheidet sich das „Image“ der Vagina von dem des Penis?
Jana Studnicka: Schon in der Antike wurde die Meinung vertreten, dass ohne Penis kein Sex möglich sei. Damit wurde jegliche Sexualität zwischen Frauen negiert, und die Vagina als passives Objekt deklariert. Dieses Bild wurde in den folgenden Jahrtausenden weiter gefestigt, auch durch Religionen, welche die Sexualität der Frau als Erbsünde darstellten. Der Penis als dominierendes, die Sexualität bestimmendes Symbol, ist nach wie vor präsent, und wird auch in der Pornographie meist als solches dargestellt.
Ich persönlich fände eine Kultur wünschenswert, in welcher sämtliche Formen der Geschlechtlichkeit als machtvoll und schön erlebt werden können.

WOMAN: Haben Sie das Gefühl, dass sich Männer mehr mit ihrem Penis als Frauen mit ihrer Vagina beschäftigen?
Kerstin Rajnar: Ich weiß nicht wie oft, wie lange oder wie intensiv sich Männer mit ihrem Penis beschäftigen, doch glaubt man den aktuellen Studien, setzen sich Männer intensiver und öfter mit ihrer Sexualität auseinander als Frauen es tun. Laut einer Studie von Terri Fisher, Psychologieprofessorin an der Ohio State Universität in Mansfield, denken Männer durchschnittlich 18,6 Mal am Tag an Sex und Frauen im Schnitt 9,9 Mal – aber Männer denken auch öfter ans Essen und ans Schlafen (lacht).

Bett, Frau, liegend

WOMAN: Frau Studnicka, Sie bezeichnen sich auch als Autorin der Vaginalogie. Sie sind also Vaginalogin? Was kann man sich darunter vorstellen?
Jana Studnicka: Die Vaginalogie stellt unser aktuelles Museumsprojekt dar, welches die Themen weiblichen Körper, Sexualität und Kultur behandelt. Als Autorin bin ich im Zuge meiner Recherche vielfach auf Tabus und Vorurteile gestoßen, welche Menschen in dem Erleben ihres Menschseins und Sexualität einschränken. Durch die Darlegung alternativer Sichtweisen und sachlicher Information versuche ich Menschen zur Reflexion und Selbstbestimmung anzuregen. Die Befreiung der Sexualität und Geschlechtlichkeit jedes Menschen, mit Fokus auf die Frau, ist meine persönliche Motivation als Vaginalogin.

»Eine ausschließlich unreflektierte, negative Auseinandersetzung mit der Vagina löst im Gehirn der Frau Stress aus.«

WOMAN: Welche Auswirkungen hat es auf das weibliche Geschlecht, wenn man sich nicht damit beschäftigt?
Kerstin Rajnar: Die Auswirkungen sind verheerend. Eine ausschließlich unreflektierte, negative Auseinandersetzung löst im Gehirn der Frau Stress aus. Dieser Stress kann nicht nur die Erregbarkeit und Lubrikation hemmen, sondern mitunter auch die Fähigkeit ein Kind zu empfangen, gebären und zu stillen, beeinträchtigen. Dauerhaft sexuell gestresst geraten dann mit der Zeit wahrscheinlich auch andere Bereiche im Leben einer Frau in Schieflage. Dadurch wird die Dopamin-Ausschüttung gehemmt, was wiederum die Freisetzung von Stoffen im Gehirn unterbindet, die für Selbstbewusstsein, Kreativität, Zuversicht... stehen. Dazu gibt es eine interessante Studie die 2004 veröffentlicht wurde, in der die Auswirkung von lang anhaltendem Stress auf das sexuelle Verhalten erforscht wurde.

WOMAN: Wie kann man dieser Entwicklung entgegen steuern?
Jana Studnicka: Als Vaginalogin kann ich somit jedem Menschen nur empfehlen, sich mit der eigenen Geschlechtlichkeit, ganz gleich ob ernst oder spielerisch, auseinanderzusetzen. Denn ich wünsche es jedem Menschen von Herzen, die eigene Sexualität als lust- und liebevoll erleben zu können.

WOMAN: Was hat das Museum mit Feminismus zu tun?
Kerstin Rajnar: Eine spannende Frage! Vielleicht müsste man hier vorab definieren welche Strömung des Feminismus in der Fragestellung gemeint ist, denn es gibt sehr sehr viele unterschiedliche feministische Theorien. Zusammengefasst behandelt Vaginamuseum.at mehrere aus dem Feminismus kommende Themen, wie die sexuelle Selbstbestimmung, Gewalt gegen Frauen, Sexismus uvm. Doch primär ist es eine Bildungsplattform, die quasi wertfrei Informationsmaterialien wie wissenschaftliche Erkenntnisse oder künstlerische Beiträge rund um das Thema des weiblichen Geschlechtes präsentiert. Die Meinungsbildung bleibt bei den besuchenden Personen.

WOMAN: Sollte es im Sinne der Gleichberechtigung nicht auch ein Penismuseum geben?
Kerstin Rajnar: In Island und in Deutschland gibt es je ein analoges und ein virtuelles Museum für den Penis. Das analoge isländische phallologische Museum in Reykjavik von Hjortur Gisli Sigurdsson präsentiert 283 Penisse von verschiedenen Lebewesen und etwa 300 Artefakte. Das virtuelle Penismuseum in Deutschland veröffentlicht diverse Informationen zum Thema Phallologie. In Österreich gab es bis lang weder ein analoges noch ein virtuelles Museum für die Vagina noch für den Penis. Ein österreichisches Pendant würde mich sehr freuen, doch diesen Auftrag überlasse ich gerne den Spezialisten.

WOMAN: Welche Leute sollten das virtuelle Museum besuchen?
Doris Jauk-Hinz: Nachdem es um das Miteinander der Geschlechter geht, sollten sich alle Menschen mit ihrer ur-menschlichen, in der Natur verankerten, Körperlichkeit und Sexualität auseinandersetzen. Ursprüngliches wurde und wird in allen Kulturen und Zeiten Zivilisationsprozessen unterworfen. Die Kunst trägt dazu bei, diese Prozesse ins Bild zu rücken und zu hinterfragen.
Kerstin Rajnar: Demnach dürfen wir Menschen jeglichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft einladen einen Blick in das Vaginamuseum.at zu werfen.