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Wenn ein Vater sich wirklich Zeit nimmt für seine Kinder: "Ich schenke dir eine Million Minuten"

He Papi, hast du mal Zeit? Zum Beispiel ganze zwei Jahre? Wolf Küper sagte Ja, schmiss seine Top-Karriere als Tropenmediziner hin und bereiste mit seiner behinderten Tochter, Frau und Sohn die Welt. Und entdeckte den Zauber der Entschleunigung.

von

Wolf Küper

Wolf Küper, 44, Vater, Autor, Zeitmillionär

© Gabriele Rumbolo

Es passierte eines Abends beim Zubettgehen. Wolf Küper, 44, hatte wieder einmal nur zehn Minuten übrig, um seiner schwerbehinderten vierjährigen Tochter Nina eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Auch an diesem Abend war der promovierte Biologe gestresst und ausgelaugt von seinem Job als Gutachter für die Vereinten Nationen. Ein taffer Karrieremensch, der Zufriedenheit über Status und Kontostand definierte. Ein Papi, der nie Zeit hatte. Bis seine kleine Nina eine Idee hatte, die das Leben der vierköpfigen Familie aus Bonn nachhaltig in eine andere Richtung führen sollte.

Kurz vor dem Einschlafen sprach das Mädchen, das schon schon seit der Geburt an einer motorischen Koordinationsstörung leidet, einen Wunsch aus: "Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du?" Noch an der Bettkante sitzend, kam Küper ins Grübeln. "Ich dachte mir zuerst: Typisch Kind. Unsere Nina hatte ja schon immer eine durch nichts zu kurierende Fantasie und einen unüberwindbaren Humor." Doch mehr und mehr berührte Ninas Wunsch auch ihn. "Warum habe ich für alles Zeit, außer für die Sachen, die mir am allerwichtigsten sind?", fragte er sich. Und die zehn Minuten mit seiner Tochter wurden zum Startschuss für eine lange, wunderbare Reise. Eine Reise zum Glück, wie Küper heute gerne sagt.

»Warum habe ich für alles Zeit, außer für die Sachen, die mir am allerwichtigsten sind?«

UMDENKEN. Eine Million Minuten! Wie viel Zeit ist das genau? In etwa zwei Jahre -so lange wollte Küper mit seiner Familie auf Weltreise gehen, um gemeinsam die Langsamkeit neu zu entdecken. Zuerst einmal wollte er seiner Frau Vera den Plan schmackhaft machen, Sohn Simon war ja erst vor ein paar Monaten auf die Welt gekommen. Und er war erstaunt: "Ich musste sie nicht lange davon überzeugen. So wie oft in unserer Beziehung habe ich mit großem Engagement Türen eingerannt, die längst in aller Stille geöffnet worden waren." Eigentlich war das Experiment sehr einfach, wie er sagt: Job kündigen, Hab und Gut verkaufen, Route planen, Tickets buchen. That's it? Klar reagierte unser Umfeld nicht nur positiv auf unseren Plan. Meist waren das ja nur ehrlich gemeinte Sorgen, aber auch Warnungen: Um die Welt? Mit einem Säugling und einem behinderten Kleinkind? Total unrealistisch."

»Meine Tochter ist eine Königin der Langsamkeit, was mich zuhause oft an meine Grenzen brachte.«

VOLLBREMSUNG. Kurz darauf war es aber so weit: 2010 landeten die Küpers auf einer einsamen thailändischen Insel. "Kein Stundenplan, keine Termine, kein Programm. Stattdessen unglaubliche Landschaften, tropische Strände und beeindruckende Regenwälder. Meine Tochter ist eine Königin der Langsamkeit, was mich in Deutschland oft an meine Grenzen brachte. Es war eine ungeheure Erleichterung, als jeder in seinem Tempo leben durfte. Jeder Tag war ein ganz besonderer Tag."

Mit Thailand, Australien und Neuseeland haben sich die Küpers Länder ausgesucht, in denen man auch mit Kindern sicher reisen kann. Nur: Bei aller Sicherheit gab's auch den einen oder anderen Moment, wo kurz einmal alles aus dem Ruder lief. Zum Beispiel bei einem Schneesturm in Neuseeland und einer Autopanne mit dem Wohnmobil. "Wir steckten fest und hatten bis zum nächsten Tag keinen Kontakt zur Außenwelt. Es war wie in einem Iglu. Nach dem Sturm war nur noch Stille - kein Licht, kein Geräusch, nichts außer uns. Nie zuvor habe ich mich so weit weg von allem gefühlt. Das war der beste Moment eigentlich."

VERLIEREN LERNEN. Als die Familie wieder zu Hause in Deutschland ankam, hatte sich alles verändert. Ein Zurück in das alte Leben war unvorstellbar. "Unsere Prioritäten haben sich verschoben. Ich habe erst an der Seite meiner Tochter gelernt, wie es sich anfühlt, Letzter zu sein, beim Wettrennen, Klettern, Schwimmen...

»An der Seite meiner Tochter habe ich gelernt, wie es sich anfühlt, Letzter zu sein. Dadurch habe ich einen sehr tiefen Frieden gewonnen.«

Im Vergleich zum Verlieren ist erfolgreich zu sein ein Kinderspiel. Aber wenn man lernt, es auszuhalten, gewinnt man einen sehr tiefen Frieden." Küpers hat seine Geschichte mittlerweile als Buch veröffentlicht, eine Verfilmung ist geplant. Die Familie hat es mittlerweile nach Südafrika verschlagen, wo sie vorerst bleiben will. Vera unterrichtet als Lehrerin, Wolf möchte vom Schreiben leben. "Unsere Reise hat noch nicht aufgehört. Jeder Ort, an dem wir jetzt leben, ist eine freiwillige Station. Unseren Kindern soll klar sein, dass es immer Alternativen gibt. Sie sollen wissen, dass sie die Wahl haben. Was sie daraus machen, ist ihre Sache. Ich wünsche mir, dass sie noch eine weitere Welt kennenlernen, bevor sie irgendwann ganz ihre eigene Wege gehen." Wolf Küpers wichtigste Botschaft an alle da draußen? "Ohne Zeit ist alles nichts, sie ist die Grundsubstanz des Lebens!"

Wolf Küper
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