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Verena Altenberger: "Ich bin lieber Idiotin als Pessimistin!"

Sie spielt die Buhlschaft im Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Ihre Rollen kann sich Verena Altenberger mittlerweile aussuchen. Wir haben die sympathische Salzburgerin zum Interview getroffen.

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© Christian Jungwirth

Ihr Terminkalender ist randvoll. Vor kurzem hat Verena Altenberger einen Film über die Flüchtlingspolitik vorgestellt, jetzt spielt sie die Buhlschaft im "Jedermann" bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Warum es nicht immer das prestigeträchtige Theater sein muss und die Schauspielerin auch in kleineren Produktionen spielt, erklärt sie im WOMAN-Interview.

Laut dem Pressebüro der Salzburger Festspiele gibt es über 500 Interviewanfragen aus aller Welt für die heurige Buhlschaft. Verena Altenberger, 33, nimmt das gelassen zur Kenntnis. "Echt?", fragt sie beim WOMAN-Shooting und schlüpft gut gelaunt in die verschiedenen Outfits. So natürlich die Schauspielerin spricht und aussieht - wenn es darum geht, sich zu präsentieren, so ist sie gleichzeitig ein echter Profi. Die Salzburgerin freut sich über die Rolle der Buhlschaft und auch auf den Rummel, der dort dazugehört. Aufmerksamkeit genießt sie, aber auf eine entspannte Art. Und sie ist glücklich, mit ihrem Jedermann Lars Eidinger zu spielen. Die beiden kennen einander von den Dreharbeiten zu David Schalkos "M - Eine Stadt sucht ihren Mörder".

In ihren Rollen verausgabt sich die 33-Jährige völlig. Und die kann sie sich seit ihrem Durchbruch im Film "Die beste aller Welten" auch aussuchen. Dort spielte sie eine drogenkranke Mutter, die ihre Sucht vor ihrem Sohn zu verstecken versucht - eine großartige Leistung, die vielfach ausgezeichnet wurde. Sehr witzig ist sie in der RTL-Serie "Magda macht das schon" als polnische Altenpflegerin. Tough auch als Kommissarin in "Polizeiruf 110". Aber das Sympathische an Verena Altenberger ist, dass sie auch bei kleineren Produktionen und sogar bei Regiedebüts mitmacht, wie "Unter der Haut der Stadt". Da spielt sie eine krebskranke Frau. Und dafür ließ sich die Künstlerin auch unlängst eine Glatze scheren. Ihre Haare habe sie gerne geopfert, mit einer Perücke hätte sie nicht gearbeitet, das muss schon alles realistisch sein. Ihre Mutter starb vor fünf Jahren an der schrecklichen Krankheit. Sie ist die erste Buhlschaft mit Kurzhaarschnitt.

Wir trafen die derzeit meistbegehrte Schauspielerin bei der Diagonale in Graz, wo ihr jüngster Film vorgestellt wurde. Eine Tragikomödie von David Clay Diaz, "Me, We" (ab 23. Juli). Diese zwei Worte sind ein Gedicht der Boxlegende Muhammad Ali. Ein Film über Migration, Flucht und wie wir, die Österreicher, damit umgehen. Verena Altenberger spielt eine Seenotretterin und hatte brandgefährliche Szenen auf hoher See zu drehen. Wie immer mit vollem Einsatz und Risiko.

»Ich freue mich auf den Rummel.«

WOMAN: Sie machen viele unterschiedliche Arbeiten, gerade kommt der Film "Me, We" heraus, jetzt proben Sie die Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen. Wie treffen Sie Ihre Auswahl, Filme zu drehen oder Theater zu spielen? (Anmerkung: Das Interview fand vor der Jedermann-Premiere am Wochenende statt)

ALTENBERGER: Das Buch muss mir gefallen, und ich muss die mir angebotene Rolle emotional verstehen können. Emotional und intellektuell, denn ich sehe mich als Anwältin der Figur. Dann muss das Publikum nachvollziehen können, warum die Figur so fühlt, egal ob sie gut oder schlecht ist. Und drittens: Mit wem werde ich arbeiten. Sei es die Regie oder tolle Kolleginnen. Dann kommt lange, lange nichts, und dann: Wo wird gedreht und darf ich was Neues und Interessantes dazulernen.

Für "Me, We" mussten Sie lernen, zu trommeln ...

ALTENBERGER: Ja, ich hatte Trommelunterricht und habe Speedboatfahren gelernt. Als wir auf Lesbos gedreht haben, lernte ich auch echte Seenotretterinnen und freiwillige Helferinnen der Camps kennen, die mir viel beigebracht haben. Dort gibt es zum Beispiel die Organisation Lighthouse Relief, die Tag und Nacht das Meer systematisch nach in Seenot geratenen Geflüchteten absucht. In der Dunkelheit gibt es oft kurze Lichtzeichen, weil die Menschen versuchen, mit ihren Handys Empfang zu bekommen. Man lernt, auf die Geräusche zu achten und zu beobachten: Ist das eine Schaumkrone oder doch eine Schwimmweste? Mit Freiwilligen dieser Organisation war ich auch im Flüchtlingscamp Moria.

Verena Altenberger bei den Dreharbeiten für "Me, We". Es ist ein Film, der unter die Haut geht. Regisseur David Clay Diaz zieht das Flüchtlingsthema von vier verschiedenen Seiten auf. Altenberger spielt eine Seenotretterin, die nach Gestrandeten in der Ägäis sucht.

Sie haben sich für die Initiative Refugees Welcome deklariert. Wie ist es, wenn man diesen Menschen dann tatsächlich begegnet?

ALTENBERGER: Ich habe vor Ort gelernt, dass ich von Leid, Angst und Hoffnungslosigkeit keine Ahnung habe, obwohl ich mich mit dem Thema Asylpolitik beschäftigt hatte. Solch ein Lager wie Moria - 5.000 Menschen leben dort unter widrigsten Verhältnissen - sollte es nirgends auf der Welt geben. Es existiert aber in der EU! Auf einer griechischen Urlaubsinsel! Eine Handvoll Dixi-Klos für Hunderte Menschen, dementsprechend unhygienische Zustände, die Frauen sind dort extrem gefährdet. Und dann Jahre des Wartens auf eine ungewisse Zukunft, auf nicht abschätzbare Entscheidungen der Behörden, alle paar Monate eine Anhörung hier, eine Anhörung da, und dazwischen nichts als Warten in diesem Lager. Hier wird gezielt Hoffnungslosigkeit gezüchtet.

Man sieht im Film, dass Sie gefährliche Szenen im Meer zu drehen hatten.

ALTENBERGER: Ja, ich hatte auch wahnsinnige Angst - schwimmend, im offenen Meer, nachts. Gleichzeitig wusste ich: Die Filmcrew im Boot und Rettungstaucher im Meer sind um mich herum. Andere Menschen haben diese Angst, weil sie in Lebensgefahr sind, nicht, weil sie einen Film drehen und halt so tun als ob. Als ich beim Gasgeben im Boot etwas Schiss hatte, hat mein Speedboat-Lehrer zu mir gesagt: "Schau, wir fahren über das offene Meer, da kann nicht viel passieren, außer du fährst über einen Menschen." Das ist die bittere Realität vor Ort.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als optimistisch?

ALTENBERGER: Vielleicht ist es auch Idealismus, aber etwas anderes geht doch gar nicht. Wenn man weitermacht, bedingt dies, dass man an etwas Positives glaubt. Wenn man nur pessimistisch über ein Problem denkt, hört man auf, an der Verbesserung zu arbeiten.

Die Autorin Donna Leon hat unlängst gesagt, man müsse ein Idiot sein, wenn man in diesen Zeiten Optimist ist!

ALTENBERGER: Ich bin lieber eine Idiotin als eine Pessimistin.

Wenn Sie so viel drehen, gehen Sie dann abends nach Hause, sind wieder privat?

ALTENBERGER: Nein. Wenn ich spiele, bleibt die Rolle durchgehend nah bei mir. Bei meinem letzten Kinofilm "Unter der Haut der Stadt" spielte ich eine krebskranke Frau, da war ich zwei Monate quasi nicht ansprechbar. Ich habe keine Freundinnen getroffen, Radio und Fernsehen nicht einmal aufgedreht. Das Einzige, was bei mir dann noch funktioniert, ist abends laufen gehen.

Was sagen Freunde und Familie dazu?

ALTENBERGER: Sie reagieren mit Verständnis. Ich habe zum Glück so viele gute Freundschaften, in denen gegenseitig die Abmachung gilt: Wenn der Hut brennt, bin ich erreichbar, klar. Ansonsten melde ich mich in einem Monat.

»Frau sein heute bedeutet: Du darfst alles sein! Das bestimmt auch meinen Feminismus.«

Dann machen wir hier einen Cut und wechseln das Thema: Sie freuen sich darüber, die Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen zu spielen. Aus Lokalpatriotismus? Und: Was denken Sie vor Probenbeginn?

ALTENBERGER: Ich bin in Salzburg aufgewachsen, ich kann die Bedeutung dieses Stückes gar nicht gering schätzen. Der "Jedermann" ist in meiner DNA eingebrannt. Die Buhlschaft ist für mich sexy und selbstbestimmt und zugleich unsicher und in gewisser Weise abhängig. Ich möchte versuchen, eine zeitgemäße Frau auf die Bühne zu stellen. Frau sein heute bedeutet, du darfst alles sein! Das bestimmt auch meinen Feminismus. Ich werde mich nicht gegen die Verführung wehren, aber ich bin dagegen, es als einzigen Charakterzug der Buhlschaft zu sehen.

Verena Altenberger und Lars Eidinger bei der Jedermann-Premiere am 17. Juli.

Wird im "Jedermann" der Tod und das Sterben heuer wegen Covid anders aufgenommen werden?

ALTENBERGER: Ich denke ja, zwangsläufig. Zum ersten Mal war der Tod bei so vielen Menschen mehr als üblich präsent. Das wird im Ensemble und im Publikum so sein.

Wie lange wussten Sie schon, dass Sie im "Jedermann" spielen werden, und konnten nicht darüber sprechen?

ALTENBERGER: Ende August 2020 kam der Anruf, darüber reden konnte ich erst ab 4. Dezember. Ich habe es meinem Vater und meiner Schwester erzählt, aber sonst niemandem. Da waren meine besten Freundinnen etwas sauer und haben gesagt: "Was, das müssen wir aus der Zeitung erfahren!" Ich habe mich gar nicht getraut, es jemandem zu erzählen, weil ich es nicht glauben konnte. Anfang Dezember hatten wir so eine Art Video-Pressekonferenz, und bis zu der hatte ich Angst, dass irgendwer kommt und sagt: "Sorry, das war ein Fehler, eine Verwechslung. Was wollen Sie denn hier?"

Aber die Buhlschaft ist auch auf jedem Society-Event präsent. Stört Sie das?

ALTENBERGER: Ich weiß ja, was da in Salzburg abgeht. Und Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für mich etwas Schönes. Das ist auch ein Privileg. Aber ich habe auch meine Grenzen, muss nicht überall dabei sein, bei einigen Dingen wäre ich außerhalb meiner Komfortzone. Aber es ist so lustig, ich habe das Gefühl - und das ist nicht abwertend gemeint -, als sei ich die amtierende Weinkönigin.

Wenn schon, dann Champagnerkönigin! Sie haben sich oft als Landei bezeichnet, hat sich dieses Gefühl aufgelöst?

ALTENBERGER: Der Landei-Komplex hat sich gebessert. Was immer noch da ist, das ist keine Koketterie, ist meine Unsicherheit. Vor Publikum zu sprechen fällt mir schwer. Ich habe tatsächlich oft Angst, in Ohnmacht zu fallen.

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Der Schauspielstar lacht viel beim Fotografieren im Grazer Schlossberghotel, es macht ihr sichtlich Spaß. Auch beim Interview ist Verena Altenberger unkompliziert und offen. (c) Christian Jungwirth

Viele Frauengenerationen beklagen, dass ihre Rollen zu klein sind und dass es viel weniger gibt. Ist das für Ihre Generation 30 plus nicht mehr der Fall?

ALTENBERGER: Doch! Ich persönlich habe mir einen Status erarbeitet, der mir mittlerweile eine gewisse Sicherheit gibt. Ich kann mir die Rollen aussuchen, und damit wird es übermorgen nicht vorbei sein. Vielleicht aber übernächstes Jahr. (lacht) Die MaLisa Stiftung von Maria Furtwängler hat eine Studie veröffentlicht, dass bei Frauen ab 35 die Beschäftigungskurve talwärts geht. Bei Männern ist dem nicht so. Das sind Fakten. Frauen sind bei den Regisseurinnen und Autorinnen noch nicht einmal annähernd bei 50 Prozent. Und auch nicht bei der aufgesagten Textmenge, der Screentime. Es ändert sich etwas, aber in Babyschritten.

Sie sprechen sieben Sprachen, üben zahlreiche Sportarten aus, von Kickboxen bis Golf. Was wollen Sie als Nächstes lernen?

ALTENBERGER: Meine Unsicherheit ablegen und ein Instrument lernen. Gitarre wäre schon sehr schön.

Thema: Society