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Vergesslich, wortkarg, zerstreut: Was macht Corona mit unserem Gehirn?

Du bist seit der Quarantäne unkonzentriert, vergesslich und etwas zerstreut? Das hat einen Grund – wir haben einen Neurologen dazu befragt.

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Vergesslich, wortkarg, zerstreut: Was macht Corona mit unserem Gehirn?
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Hand aufs Herz: Wenn ihr in keinem systemerhaltenden Beruf arbeitet und keine Kinder habt, die ihr beim Homeschooling betreuen müsst, hattet ihr die letzten Wochen vermutlich um einiges weniger zu tun als sonst. Okay, nennen wir das Kind beim Namen: Vielen Menschen war regelrecht langweilig. Nun ja, keine Situation, die wir uns selbst ausgesucht haben. Aber trotzdem stellte sich eine Frage: Warum sind wir trotz niedrigerem Leistungspensum so müde und unkonzentriert? Sind wir durch die Quarantäne bereits träge geworden? Und woran liegt es, dass wir teils völlig zerstreut und vergesslich durch die Wohnung schlendern und nicht mehr wissen, was wir überhaupt tun wollten? Wir haben diese Fragen Prim. Prof. Dr. Wilfried Lang, Chefarzt der Neurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien, gestellt.

WOMAN: Warum sind wir seit der Corona-Krise so zerstreut und unkonzentriert?
Dr. Lang: Die mentalen Funktionen (Richtung der Aufmerksamkeit, Sprache, Merkfähigkeit) werden sehr stark durch die psychische Verfassung beeinflusst. Stress, Angst, Depression und Schlafstörungen wirken sich auf die Leistung des Gehirns aus. In psychischen Belastungssituationen entstehen im Alltag sogenannte „dysfunktionale Verhaltensweisen“ – zum Beispiel verändern viele Menschen ihre Schlafgewohnheiten, trinken mehr Alkohol, spielen mehr Videospiele etc.. Diese Beeinträchtigungen führen dann ebenfalls zu diesen kognitiven Störungen.

Die Menge der bewusst kontrollierten Information, die wir verarbeiten können, ist limitiert. Das heißt: Wenn ich meinen Kopf frei habe, wach und motiviert bin, wenn ich meine Aufmerksamkeit fokussieren kann („den Kopf bei der Sache habe“), kann ich hervorragend arbeiten. Wenn der Kopf aber mit anderen Dingen, z.B. mit angst-besetzten Inhalten oder mit traurigen Gedanken, „besetzt“ ist, dann sind meine geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt. Diese Dinge, die parallel ablaufen, nehmen Kapazität weg, die ich für die Konzentration brauche. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns ist in einer Stresssituation also generell limitiert.

»Jede Änderung der Situation befasst uns und unser Gehirn.«

Geschieht das auch unbewusst? Viele sind ja durchaus auch gelassen in der Krise?
Dr. Lang: Man kann davon ausgehen, dass die Corona-Krise Menschen mehr beschäftigt, als sie selbst annehmen. Hier sind auch Abwehrmechanismen am Werk bzw. auch Verdrängungsmechanismen. Menschen schöpfen ihr Wohlbefinden und ihr Selbstvertrauen aus Ressourcen – ein Job, in dem man anerkannt wird, Freundinnen und Freunde, die einen schätzen, eine funktionierende Partnerschaft, körperliches Wohlbefinden – diese Ressourcen, die uns aufbauen, sind vielen Menschen in der Quarantäne verloren gegangen. Manche lassen die Emotionen, die daraus resultieren zu, andere nicht. Diese Resilienz ist mit Sicherheit unterschiedlich ausgeprägt. Aber alles, was sich verändert, verändert auch unsere Kognition und unsere Konzentrationsfähigkeit. Jede Änderung der Situation befasst uns und unser Gehirn. Unser Gehirn ist mit hunderten von Eindrücken gleichzeitig beschäftigt – die Information ist MEHR geworden. Ein Großteil der Energie unseres Gehirns geht in diese neuen Prozesssteuerungen über. Deswegen haben wir weniger Aufnahmekapazität.

Wir haben weniger zu tun und trotzdem sind wir überlastet?
Dr. Lang: Es laufen viele Prozesse im Gehirn ab, die sich mit der Situation beschäftigen. Bei Menschen, die Ängste und Depressionen haben, passiert noch viel mehr. Man kann schlechter abschalten und sich weniger auf das konzentrieren, was man gerade zu tun hat. Aber auch bei gesunden Menschen laufen gerade andere Prozesse im Gehirn ab, die sie beeinträchtigen.

Aber viele schlafen gerade mehr als sonst und sind trotzdem dauermüde?
Dr. Lang: Die Dauer des Schlafes hat nichts mit der Qualität zu tun. Der Wach-Schlafrhythmus ist gekoppelt an die Tätigkeiten des Alltags. Montags passieren laut Statistiken weltweit mehr Unfälle als beispielsweise an einem Freitag, weil sich das Schlafverhalten am Wochenende verändert hat. Wenn sich das tägliche Aktivitätsverhalten in der Quarantäne verändert, verändert sich natürlich auch der Schlaf und somit auch unsere circadiane Rhythmik, mit der unser Hormon-Stoffwechsel synchronisiert ist und die auch das Immunsystem beeinflusst. Körperliche Aktivität verbessert die Schlafqualität. Deswegen wäre es wichtig, diese in der Quarantäne-Zeit beizubehalten.

Wie können wir unser Gehirn an die normale Situation wieder umgewöhnen?
Dr. Lang: Gesunde Verhaltensstrategien wie beispielsweise körperliche Betätigung sollten unbedingt beibehalten werden. Viele Menschen haben in ihrem Leben einigen Krisen durchgemacht und wissen, wie sie diese am besten bewältigen – auf diese Strategien sollte man zurückgreifen. Auch die Schlaf-Wachzeiten sollte man beibehalten. Auf das Aufrechterhalten sozialer Kontakte sollte man achten. Wichtig ist zudem, seine Emotionen anzusprechen und nicht für sich zu behalten.

Warum haben manche gerade verstärkt mit psychischen Problemen zu kämpfen?
Dr. Lang: Eine Krise löst praktisch immer Stress aus. Weitere Faktoren, die in Krisen immer wieder auftreten, sind neben der Stressbelastung auch Angststörungen, Depression und Schlafstörungen. Menschen, die vorher schon eine psychische Beeinträchtigung aufweisen, leiden natürlich dann noch mehr unter dieser Krise. Viele frühere Belastungen werden in der Krise wieder reaktiviert.

Die psychologische Dimension einer Krise macht sich aber auch oft „hinterher“ bemerkbar. Man spricht hier vom sogenannten „zweiten Tsunami“. Viele Menschen werden an einer chronischen Belastungsstörung leiden. Man nimmt an, dass hier noch eine Welle auf uns zukommen wird.

Thema: Coronavirus