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Verhütungs-App: Warum Ärzte jetzt warnen!

Ein Fieberthermometer und die App "Natural Cycles" sollen reichen, um sicher zu verhüten. Warum jetzt Ärzte warnen: "Fruchtbarkeits-Apps sind unsicher."


Verhütungs-App: Warum Ärzte jetzt warnen!
© Natural Cycles

Mehr als 300 Frauen und über 1.500 Zyklen (von regulären bis zu höchst irregulären) wurden für eine wissenschaftliche Studie getestet, dann konnte das Unternehmen "NaturalCycles" mit einer Jubelmeldung an die Öffentlichkeit gehen: "Unsere Familienplanungs-App erreicht eine 99,9 prozentige Verhütungssicherheit – ist damit sogar sicherer als die Pille!"

Eine Revolution in der natürlichen Empfängnisprävention, so gut, dass die App für iOS und Android in Deutschland sogar vom TÜV Süd als zuverlässige Verhütungsmethode zertifiziert wurde. Dazu mussten sowohl sämtliche technische Details der App sowie Ergebnisse von Studien über deren Effektivität offengelegt werden.

Wie funktioniert die Verhütung mit "NaturalCycles"?

Die Methode wirkt überzeugend einfach: Man benötigt einzig ein Basalthermometer und die App. Die Frau misst ihre Temperatur am Morgen, gibt den Wert in die App ein, und ein grüner oder roter Tag wird angezeigt. Grün ist 99.9% sicher, während man an einem roten Tag verhüten muss. Denn: Nach dem Eisprung steigt die Körpertemperatur leicht an.

Mit der Erfindung der App wollte das Physiker-Ehepaar Elina Bergl und der gebürtige Wiener Raoul Scherwitzl eine neue Form der natürlichen Verhütung finden. Bergl in einem Interview mit Wired: "Ich wollte meinem Körper eine Auszeit von der Pille gönnen, aber nichts gefunden. Also habe ich mir den Alogrithmus selbst geschrieben."

Was sagen Ärzte zu der Verhütungs-App?

Das deutsche Portal Techbook wollte wissen, wie verlässlich die Verhütung per "NaturalCycles"-App tatsächlich ist – und fragte bei Dr. med. Christian Albring, dem Präsidenten des deutschen Berufsverbandes der Frauenärzte nach.

Laut dem Mediziner gibt die Temperaturmessung am Morgen tatsächlich eine sehr verlässliche Auskunft über den Eisprung und die fruchtbaren Tage. Vorausgesetzt, man hat einen sehr regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus, am besten ohne Alkoholkonsum, ohne wechselnde Sport-Aktivität oder keine plötzlichen Stresssituationen.

Zwar weist die App durchaus darauf hin, dass Abweichungen das Ergebnis beeinflussen können (so macht etwa eine Messung am Morgen nach einer feucht-fröhlichen Nacht oder bei Krankheit keinen Sinn) - doch dem Experten reicht das nicht. Auch wenn die Frau im Schichtdienst arbeitet, lange ausschläft, Sport vor der Bettruhe macht, unter Stress steht oder auf Reisen ist, kann die Körpertemperatur nach dem Aufstehen ansteigen. Diese Faktoren würden aber in der App nicht abgefragt und damit auch nicht einberechnet.

Dr. med. Albring zu "Techbook": „Viele Paare wissen auch nicht, dass nach der Menstruation bis zum nachgewiesenen Eisprung immer verhütet werden sollte. Eine App, die darauf nicht vorbereitet ist und die wesentliche Gründe für Temperaturschwankungen nicht abfragt und einbezieht, ist als hochgradig unsicher anzusehen.“

"NaturalCycles": "Der Algorithmus bereinigt Ungenauigkeiten."

Das Unternehmen kontert der Kritik. Die App erkenne alle Temperaturschwankungen – egal, welche Ursache sie hätten. Damit habe der Algorithmus einen sehr hohen Wirkungsgrad.

Zudem hätten natürliche Verhütungsmethoden einen Pearl Index (damit wird die Fehlerquote ausgewiesen) von 25. Bedeutet: 25 von 100 Frauen, die auf natürliche Empfängnisverhütung setzen, werden jährlich trotzdem schwanger. Das sei auch auf die ungenaue Methode zurückzuführen, die Daten händisch einzutragen – Unsicherheiten, die die Algorithmen der App entfernen würden. Die Fehlerquote bei der "NaturalCycles" liege bei gerade einmal 7, die der Pille im Vergleich bei 9.

Allerdings eigne sich die Methode eher für Frauen in festen Beziehungen und ohne wechselnde Sexualpartner. Wer sich vor Geschlechtskrankheiten schützen wolle, dem sei trotzdem auch noch ein Kondom empfohlen.