Ressort
Du befindest dich hier:

Pillen-Skepsis und Schwangerschaftsabbrüche: Zahlen aus dem österreichischen Verhütunsreport

Wie verhüten die Österreicherinnen und Österreicher? Welche Altersgruppe verhütet mehr? Und wie hoch ist die Skepsis gegenüber der Pille? Das zeigt der Verhütungsreport 2019.

von

Pillen-Skepsis und Schwangerschaftsabbrüche: Zahlen aus dem österreichischen Verhütunsreport
© iStock

Informationen zur Pille gibt es anscheinend zu wenig – das zeigt nicht nur die Debatte der letzten Wochen, in der es zum einen um das verpflichtende Kennzeichnen des Depressionsrisikos in den Beipackzetteln der Pille geht, zum anderen aber auch um die Fehlinformation, man müsse nach 21 Tagen eine Pillen-Pause von 7 Tagen einlegen, um die Menstruation in Form der Entzugsblutung herbeizuführen. Dieser Fehlinformation bedarf es mehr Aufklärung durch das medizinische Personal, sowie der Zusammenarbeit mit den Pharma-Unternehmen, als auch der Arbeit in der Prävention. Das bestätigten die Psychologin Mag.a Elisabeth Parzer und der Gynäkologe DDr. Christian Fiala bei der Pressekonferenz zum Verhütungsreport 2019, der von Gynmed, einem Ambulatorium das auf Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung spezialisiert ist, in Auftrag gegeben wurde.

Skepsis gegenüber der Pille nimmt zu

Die Pille gehört zu den wirksamsten Verhütungsmitteln. Die Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln hat laut dem Verhütungsreport in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Im Jahr 2012 gaben 60 Prozent der Frauen an, hormonell zu verhüten. Im Jahr 2019 waren es nur noch 44 Prozent. Im Zuge des Verhütungsreports wurden knapp 1.800 Frauen und Männer im Alter zwischen 16 und 49 Jahren befragt.

»Rund 60 Prozent der Frauen wollen hormonfrei verhüten.«

Die Pille kann durchgehend eingenommen werden

Neben der Skepsis gegenüber der Pille herrscht vor allem die Fehlinformation zur künstlich herbeigeführten Menstruation. Der Grund dafür sei der Glaube, dass die Menstruation ein natürlicher Ablauf und dadurch wichtig für den Körper sei, so die Psychologin Mag.a Elisabeth Parzer. Zum anderen gibt es seitens der Frauenärzte und -ärztinnen zu wenig Informationen über die Möglichkeit, die Pille durchzunehmen.

"Die Mehrheit macht nicht davon Gebrauch, die Pille durchzunehmen. 52 Prozent der Frauen nehmen die Pille nach herkömmlichen Einnahmeschema, weil sie glauben, das es besser für ihren Körper sei", so Parzer. Die Wirksamkeit der Pille sei laut Fiala sogar erhöht, wenn diese durchgehend eingenommen wird. "Zum Einen wird darauf hingewiesen, die Pille müsse jeden Tag pünktlich eingenommen werden, da sonst ein Schwangerschaftsrisiko besteht. Zum Anderen werden Frauen dazu angehalten, eine siebentägige Pause einzulegen. Das ist ein Widerspruch", so der Gynäkologe DDr. Fiala. Auch die Placebo-Tabletten, die bei einigen Pillen-Marken in einer anderen Farbe während der Pillen-Pause eingenommen werden, seien angesichts dessen, dass eigentlich keine Pillen-Pause notwendig ist, kritisch zu betrachten.

Kupferspirale und Kondome als Alternativen zur Pille

Die Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln sei laut Fiala ein neues Phänomen und hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Vor allem Frauen, die höher gebildet sind, sehen hormonelle Verhütungsmittel äußerst kritisch. Viele greifen daher zu Alternativen wie der Kupferspirale, dem Kupferball oder der Kupferkette. Die beiden Letzteren zählen laut Fiala zu den weniger wirksamen Verhütungsmethoden und führten bei vielen Patientinnen zu Schwangerschaften. Die Kupferspirale zählt allerdings zu den sehr wirksamen Verhütungsmitteln, doch viele Patientinnen klagen über starke Menstruationsblutungen, weshalb sie sich die Kupferspirale häufig entfernen lassen. Das mittelmäßig wirksame Kondom ist mit 38 Prozent das am häufigsten angewendete Verhütungsmittel in Österreich. Sehr wirksame Methoden wie die Hormon- oder die Kupferspirale oder die Vasektomie werden deutlich seltener angewendet. Mit zunehmenden Alter gewinnen sie allerdings an Bedeutung.

Schwangerschaftsabbrüche in Österreich werden von der Krankenkasse nicht bezahlt

Personen mit Migrationshintergrund wenden laut der Umfrage deutlich seltener wirksame Methoden an (40 Prozent) als Personen, die in Österreich geboren wurden (58 Prozent). Bei Frauen mit Migrationshintergrund käme es daher häufiger zu Schwangerschaftsabbrüchen. Allgemein komme es durch die Hormon-Skepsis und einer falschen Vorstellung von Fruchtbarkeit häufiger zu ungewollten Schwangerschaften, so Fiala: "Es wird weniger wirksam verhütet. Wir verzeichnen in Österreich eine niedrige Geburtenrate – eine der niedrigsten in westeuropäischen Ländern. Allerdings sind wir im Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche im Spitzenfeld".

»In Österreich gibt es die niedrigsten Geburtenraten und einer der höchsten Raten an Schwangerschaftsabbrüchen in Westeuropa. «

Politik gefordert

Es mangle an der Sexualerziehung an Schulen, der Familienpolitik und der Finanzierung von wirksamen Verhütungsmitteln seitens der Krankenkassen. Außerdem fehle eine staatlich finanzierte Verhütungsberatung und staatlich finanzierte Studien zum Thema. Schwangerschaftsabbrüche sowie Sterilisationen und wirksame Verhütungsmittel wie z.B. die Hormonspirale werden in Österreich – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern – nicht von der Krankenkasse übernommen. Die Kosten eines Schwangerschaftsabbruchs – ob medikamentös oder mittels chirurgischen Eingriff – belaufen sich auf ca. 550 bis 1000 Euro. Bei einer Kostenübernahme würden 59 Prozent der befragten Frauen auf eine Langzeitmethode wie der Hormon- oder Kupferspirale oder dem Hormonstäbchen/Implantat wechseln. "In anderen Ländern werden derartige Erhebungen wie der Verhütungsreport selbstverständlich von der öffentlichen Hand gemacht, als Grundlage für politische Entscheidungen", so Fiala.

»22 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher verhüten gar nicht.«

Wer verhütet besser?

Die Spitzenreiter in Sachen Verhütung sind die 20- bis 39-Jährigen. Die, die am wenigsten verhüten finden sich bei den über 40-Jährigen und den unter 20-Jährigen. Höher Gebildete verhüten laut dem Report besser – die Verhütung nimmt laut der Umfrage mit steigender Bildung zu. 22 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher verhüten gar nicht. Weiters verhüten Frauen nach der Geburt eher schlechter.

Wie zufrieden sind die Österreicherinnen und Österreicher mit ihrem Sexualleben?

Bei den Frauen waren es 83 Prozent, die mit ihrem Sexualleben zufrieden sind. Bei den Männern 89 Prozent.

Weiterführende Links:
www.gynmed.at – Ambulatorium für Schwangerschaftsabbrüche und Familienplanung
www.verhuetungsreport.at
www.periodenfrei.info
www.integral.co.at

Thema: Verhütung