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"Ich bin nicht unerzogen, ich bin autistisch!"

Es klirrt, es rauscht, die Bilder wechseln hektisch. Dieses eindringliche Video zeigt die Welt aus der Sicht eines autistischen Jungen. Hältst du es durch?


"Ich bin nicht unerzogen, ich bin autistisch!"
© Screenshot YouTube

Es klirrt, es raschelt, es brummt. Eine Flut hektisch wechselnder Bilder, Geräusche, Eindrücke und Reize. Es ist zu viel. Genervt will man abbrechen.

"Can you make it to the end?" (zu deutsch: "Hältst du es bis zum Schluss aus?") ist der provokante Titel eines Videos der britischen National Autistic Society. Über zwei Millionen User haben sich den eindringlichen Clip bereits angesehen, die Absprungrate ist laut der Autismus-Organisation hoch. "Es wird den meisten Sehern zu viel," so ein Sprecher.

Nicht unverständlich. Denn das Video hat ansatzweise Ähnlichkeiten zu einem Horrorfilm. Münzen kullern auf den Boden, Luftballons glitzern, dass sie fast blenden, eine Parfumprobe wird vor der Nase zerstäubt, Menschen blicken sich um, alles rauscht, flirrt, überflutet. Eine hektische, rabiate Atmosphäre herrscht in dem Einkaufszentrum, in das der Junge im Video mit seiner Mutter muss.

Autismus: Reize können nicht gefiltert werden

Wie viele andere Menschen im Autismus-Spektrum hat der Junge im Video Schwierigkeiten damit, aus der Flut von Bildern, Geräuschen und Gerüchen diejenigen herauszufiltern, die relevante Informationen für ihn bergen. Im Gegensatz zu nicht-autistischen Menschen kann er die unwichtigen Eindrücke nicht einfach ausblenden. Jeder Reiz prasselt mit derselben Stärke auf ihn ein. Eine Situation, die nur schwer zu ertragen ist. Die Welt wird als laut und hektisch wahrgenommen.

Wird die sensorische Belastung zu hoch, dann sprechen Autisten von einem "Overload". In dem Clip will sich der Junge selbst beruhigen, er zählt laut vor sich hin. Doch die Reizüberflutung ist zu hoch, es kommt zu einem "Meltdown", wie dieser Ausbruch in der Fachsprache genannt wird. Er schreit, versucht sich von seiner Mutter loszureißen und zu fliehen.

Für Außenstehende wirkt es wie der Tobsuchtsanfall eines ungezogenen Jungen. Es ist nicht erkennbar, dass der Junge nur aus der für ihn unerträglichen Situation fliehen will. „Ich bin nicht ungezogen, ich bin autistisch. Und ich kriege einfach zu viele Informationen.“

Autisten: Ruhezonen sind wichtig

Mit dem Video will die National Autistic Society darauf aufmerksam machen, wie schwierig es für Autisten ist, sich im Alltags-Chaos zurechtzufinden. Wichtig für sie sind Vertrauenspersonen, Ruhezonen, in denen sie sich von den Eindrücken entspannen können und im Falle eines "Meltdowns", dass sie der Situation entkommen können. Indem sie den Ort verlassen und in ein ruhiges Zimmer gehen.

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