Ressort
Du befindest dich hier:

Viel zu oft und viel zu viel? Warum Antibiotika-Resistenzen so gefährlich sind

Antibiotika nehmen bei grippalem Effekt? Das ist ähnlich, wie mit Kanonen auf Spatzen schießen. Und es befeuert Antibiotika-Resistenzen. Wir haben nachgefragt, wie diese entstehen, was sie bewirken und wann die starken Mittel schon sinnvoll sind.

von

Antibiotika
© iStockphoto.com

Die Nase läuft, der Kopf brummt, man fiebert: Mit diesen Symptomen schlucken einige noch immer Antibiotika, obwohl die bekanntlich selten nützen. Denn dieser "Hammer" hilft nur gegen Bakterien - der typische Grippe-Infekt wird aber durch Viren ausgelöst. Im besten Fall ist die Wirkung also gleich null, im schlimmsten fördert man Resistenzen gegen diese wichtige medizinische Waffe. Warum das so ist und wie es sich auswirkt, erklärt Hygiene-Facharzt Dr. Oskar Janata vom Wiener SMZ Ost im Interview:

WOMAN: Was genau ist eine Resistenz?
JANATA: Das Medikament wird in einer bestimmten, zumutbaren Konzentration dosiert. Es soll ja das Bakterium bekämpfen, aber nicht dem Menschen schaden. Wenn die für den Patienten zulässige Konzentration nicht mehr greift, spricht man von Resistenz.

WOMAN: Warum entsteht diese?
JANATA: Erstens durch Antibiotikaeinnahme. Jedes Mal, wenn ich eines nehme, kommt ein in mir lebender Keim damit in Berührung. Irgendwann lernt er, das zu tolerieren. Macht er dann einmal Probleme, wirken die gängigen Rezepturen nicht mehr. Die zweite Möglichkeit ist die spontane Mutation. Ein Erreger wird durch eine grundlose Veränderung im Erbgut resistent. Er bekommt so einen Vorsprung gegenüber anderen Keimen und kann sich ausbreiten. Das passiert meist in Krankenhäusern mit schlechten Hygienestandards oder in Gegenden, wo es wenig oder keine Antibiotika gibt, im Irak etwa oder in der Wüste. Die dritte Entstehungsart kommt in der Landwirtschaft vor.

WOMAN: Wie kann das sein?
JANATA: Durch massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht. Dort wird das Medikament in großen Mengen ins Wasser oder Futter gegeben, die Tiere nehmen es auf, ein Keim wird resistent. Liegt dann zum Beispiel ein belastetes Huhn in Ihrer Küche, kann er auf Sie übergehen. Denn das Huhn wird zwar erhitzt, aber der daneben liegende Salat nicht. Von dort wandern die Keime dann in Ihren Darm. Solange Sie gesund sind, ist das kein Problem. Aber wenn Sie krank werden, eine Blinddarminfektion bekommen, eine Entzündung der Gallengänge oder sogar eine ganz banale Blasenentzündung, greifen herkömmliche Medikamente nicht mehr.

»Viele Resistenzen entstehen durch den massiven Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht. Die gehen dann auf uns über.«

WOMAN: Was kann ich dagegen tun?
JANATA: Sie tragen einen Verbündeten in sich herum, das ist Ihr Mikrobiom. Die Keime, die ohnehin in unserem Darm wohnen, erkennen die resistenten schnell und können sie im Normalfall gut bekämpfen, sie werden wieder ausgeschieden, ohne dass etwas passiert. Im Krankheitsfall sind unsere Spitäler Gott sei Dank gut gerüstet und haben spezielle Mittel in Reserve. Im Normalfall gibt es immer ein anderes Antibiotikum, gegen das der Keim nicht resistent ist.

WOMAN: Wie kann es dann aber sein, dass Menschen an Spitalskeimen sterben?
JANATA: Es sterben Alte und Kranke. Und es ist schwierig, zu unterscheiden, ob jemand wegen eines oder mit einem resistenten Keim stirbt.

WOMAN: Jedenfalls sollte man also Antibiotika möglichst selten einnehmen.
JANATA: Bei den üblichen Infektionskrankheiten auf jeden Fall. Greifen Sie zu Nasenspray, Hustensaft, bei Kindern auch zu fiebersenkenden Mitteln. Und warten Sie ab. Wird es nach zwei, drei Tagen nicht besser oder treten plötzlich Schmerzen wie Bruststechen oder Schüttelfrost auf, gehen Sie zum Arzt. Dahinter steckt oft eine bakterielle Komplikation. Die Einnahme des dann verschriebenen Antibiotikums sollte kurz, dafür heftig sein. Drei Tage, dafür die doppelte Dosis.

WOMAN: In den Beipackzetteln steht aber meistens eine viel längere Einnahme?
JANATA: Ja, ein altes Relikt. Das Problem ist, dass Antibiotika ein schlechtes Geschäft sind. Sie kosten viel in der Entwicklung und werfen wenig ab. In den Beipackzetteln steht immer noch eine lange Einnahmedauer. Aufgrund der gesetzlichen Regulative ist ein neuer Beipacktext jedoch praktisch eine neue Zulassung. Das kostet wahnsinnig viel Geld. Das Pharmaunternehmen verdient aber an den üblichen Mitteln pro Patient und Tag 1,50 Euro, maximal 2 Euro. Dafür zahlt sich das nicht aus. Gibt es dann mal ein neues, sehr gut wirksames Mittel, sagen wir Hygienemediziner: Moment, das verwenden wir nicht. Wir sparen uns das auf, wenn es einmal Probleme gibt.

WOMAN: Kann auch eine vorbeugende Einnahme sinnvoll sein?
JANATA: Nur in bestimmten Fällen. Bei einer Chemotherapie oder schweren Vorerkrankungen, bei Bisswunden, Unfällen oder einer OP mit offener Wunde. Aber sonst wäre das eine verrückte Sache.