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Geld, Sexualität, Feminismus: Wie erleben 4 Generationen diese Themen?

Zusammen sind Josefa, Erika, Christine und Franziska 237 Jahre alt. Wir wollten wissen: Wie haben sie diese Themen erlebt? Und wie sehen sie die Dinge heute?

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Geld, Sexualität, Feminismus: Wie erleben 4 Generationen diese Themen?

Eine Familie mit vier starken Frauen, die ihrer Zeit immer ein Stück voraus waren.

© www.neumayr.cc

"Nein, wir vier machen uns immer gerne zurecht, nicht nur für diesen Termin", lacht Christine Rührlinger, 48, als wir sie bei der Begrüßung auf ihr elegantes Kleid ansprechen. Jogginghosen sind im Hause Rührlinger/Baudisch verpönt. "Das hat etwas mit Respekt und Tradition bei uns zu tun", sagt die Chefin des Brautmodegeschäftes "Hänsel & Gretel". Die Familie hat sich bei Christine, die in einem kleinen Ort bei Wels lebt, versammelt: ihre Mutter Erika, 69, die Tochter Franziska, 21, und Oma Josefa, 99. Bei unserem Gespräch am großen Esstisch wird diskutiert, viel gelacht und einander ins Wort gefallen.

»Urli-Oma war alles andere als ein Hausmütterchen und sehr streng.«

Frau Hausleitner, was waren die schwierigsten und die schönsten Zeiten in Ihrem fast 100-jährigen Leben?
JOSEFA: Vieles war nicht schön. Meine Mutter ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Aber ich habe gerne gelernt und bin später Lehrerin geworden. Dass eine Frau arbeitet, war etwas Besonderes.

War es in diesem Beruf leichter als heute?
JOSEFA: Die Probleme waren anders. Zum Beispiel hat man das Wort Migration nicht einmal gekannt. Dafür war es verkehrstechnisch komplizierter. Ich musste zum Beispiel für den Schulweg täglich fast 50 Kilometer mit dem Rad fahren. Autobus hat es keinen gegeben.

Josefa Hausleitner, 99

Sie waren offensichtlich extrem selbstständig. Waren Sie da eher eine Ausnahme?
JOSEFA: Ja, ich kannte kein Mädchen, das so wie ich die Matura gemacht hatte. Das musste ich mir erkämpfen.

Erika, wie war Josefa als Mutter?
ERIKA: Sie war alles andere als ein Hausmütterchen und hat alles in der Familie bestimmt. Zum Leidwesen meines Vaters, der sehr gutmütig war. Aber sie ist im Alter ungemein milde geworden.
CHRISTINE: Ihre starken Gene hat sie sicher an uns weitergegeben.

Erika, wie haben Sie Ihre Jugend in den eher spießigen 1950er-Jahren erlebt?
ERIKA: Als junge Frau hatte ich null Selbstbewusstsein. Vielleicht, da für meine Eltern eine gute Schulbildung überflüssig war. Sie dachten, ich arbeite ohnehin einmal in der einzigen ortsansässigen Firma. Das war damals am Land üblich. Und in vielen Orten ist es heute noch so.

Sie haben sich dann aber emanzipiert und ein eigenes Geschäft gegründet. Gelebter Feminismus also.
CHRISTINE: Ja, das ist das Motto aller Frauen in unserer Familie:"Wir müssen gar nichts." Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Es ärgert mich oft, dass Frauen mit dem lauten Rufen nach Gleichberechtigung ihre Position eher schwächen als stärken. Vielleicht, weil ich mich in meinem frauendominierten Job nicht mit Männern messen musste.
FRANZISKA: Ich durfte mir aussuchen, in welcher Stadt ich welches Fach studiere. Das hätte Oma nicht dürfen und Urli-Oma schon gar nicht. Aber auch bei Männern gab es Einschränkungen: Nur der ältere Bruder meines Opas durfte studieren, er nicht. Es gibt heute unzählige Möglichkeiten, die selbst meine Mama noch nicht hatte. Andererseits beneide ich sie, wenn sie von ihrer unbeschwerten Jugend ohne Smartphone und Social Media erzählt. Das hat früher mehr Freiheit gebracht.

Heute lernen sich viele auch online kennen. Waren Sie da selbst je aktiv dabei?
FRANZISKA: Ich habe das probiert, meinen Freund jedoch dann beim Ausgehen kennengelernt. Aber ich kenne einige, die sich online gefunden haben. Erika, Sie und Ihr Mann sind ja sehr früh Eltern geworden.
ERIKA: Ja, mit 19. Dann mussten wir natürlich so schnell wie möglich heiraten. Wie hätte das Umfeld auf ein uneheliches Kind reagiert?
JOSEFA: Man hat einfach heiraten müssen, da hatte meine Tochter gar keine andere Wahl. Und zu meiner Zeit, vor 80 Jahren, war die Situation für Mädchen noch schwieriger. Besonders am Land, wo jeder jeden kennt. Wie hat man über Abtreibung gedacht?
ERIKA: Das war auch noch in meiner Jugend ein absolutes No-Go und auf legalem Weg gar nicht möglich. Dieses Thema wurde einfach totgeschwiegen.

Christine Rührlinger, 48

Wie frei konnte man Sexualität leben?
ERIKA: Gar nicht. Ich habe für meine Hochzeit noch schriftlich die "Entlassung aus der väterlichen Gewalt" vorlegen müssen. Allein diese Bezeichnung sagt schon alles. Sie haben sich mit 32 mit einem Secondhand Laden selbstständig gemacht und mit drei Kindern Ihr Brautmodengeschäft aufgezogen.

Wie haben Sie das geschafft?
ERIKA: Wir wohnten mit meinen Eltern in einem Haus, dadurch war viel Unterstützung da. Ich habe ja klein begonnen. Den Laden hatte ich anfangs nur zwei Mal in der Woche geöffnet. Mit der Zeit ist er gewachsen, letztlich habe ich mich auf Brautmode spezialisiert. Als die Kinder etwas älter waren, wurden wir durch eine Haushälterin unterstützt.
CHRISTINE: Bewundernswert, dass du so viel in einer Zeit geschafft hast, in der es definitiv nicht leicht war. Wir haben nie etwas vermisst, obwohl meine Brüder und ich mittags meistens allein gegessen haben. Das war aber okay, sonst hätte man erzählen müssen, wie es in der Schule war. (lacht) Anfangs war auch nicht viel Geld da. Mit 14 Jahren habe ich erst mein eigenes Kinderzimmer bekommen.

Stichwort Geld: Ging man früher damit anders um als heute? Franziska, haben Sie es leichter als Ihre Mutter und Oma?
FRANZISIKA: Natürlich bekomme ich viel finanzielle Unterstützung von zu Hause, aber meine Eltern zahlen eben nicht alles. Ich verdiene neben dem Studium etwas dazu, um mir mein Leben und Wohnen in Innsbruck leisten zu können. Sehr gut, denn nur so erkennt man, dass am Ende des Monats schon mal weniger am Konto sein kann, wenn man es mit den Kinobesuchen oder dem Ausgehen übertreibt.
CHRISTINE: Meine Großeltern haben sich schon etwas geleistet, so gut es eben ging. Sie hatten als Erste im Ort einen Farbfernseher. Meinem Vater war Geld immer egal, weil sich meine Mutter darum gekümmert hat. Manchmal hatte ich das Gefühl, er hat gar nicht genau gewusst, wie viel er verdient. Meine Mutter hat das Geld angelegt. In meiner eigenen Familie investieren wir ins Studium der Kinder, ins Geschäft und in unser Haus, wo wir auch unsere Freizeit genießen. Auf Urlaub fahren wir nur ganz selten.

Sie sind mit 23 Jahren ins Geschäft Ihrer Mutter eingestiegen. Hatten Sie gegenüber Ihren Kindern ein schlechtes Gewissen?
CHRISTINE: Selten. Vielmehr hat mich gestört, dass ich öfter gehört habe: "Warum schaffst du dir Kinder an, wenn du sie in die Krabbelstube gibst und lieber arbeiten gehst?" Und das in den 90er-Jahren! Es kam aber nur von Frauen, die selbst nicht gearbeitet haben. Da hat wohl Neid mitgespielt, dass ich da frei entscheiden konnte, in die Welt hinaus konnte und mich nicht hauptsächlich in Babysprache verständigen musste. Ich habe ja nicht immer Vollzeit gearbeitet und war extrem flexibel in meiner Zeiteinteilung. Mein ganzes Einkommen ging aber für die Kinderbetreuung drauf.

Franziska Rührlinger, 21 und Erika Baudisch, 69

Wann gibt es zwischen Ihnen Meinungsverschiedenheiten?
CHRISTINE: Zwischen 1993 und 2007 haben meine Mutter und ich gemeinsam gearbeitet. Da gab es öfter Auseinandersetzungen, weil wir unterschiedliche Führungsstile hatten. Mutti ist sehr harmoniebedürftig, hat immer Angst, jemanden zu verletzen. Aber damit kommt man nicht weiter, denke ich. Ich bin strenger.
ERIKA: Ich hatte Leute bei mir im Team, die ich schon seit ihrer Kindheit gekannt habe. Da ist es schwierig, plötzlich den Chef raushängen zu lassen. Apropos Heiraten: Sie sind bei diesem Thema ja Experten.

Was hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren verändert?
ERIKA: Sehr viel! Zu meiner Zeit musste noch jeder eingeladen werden. Da waren nicht selten 500 Leute bei einer Hochzeit. Die sind dann im Gasthaus mit Frittatensuppe verköstigt worden, und ein Alleinunterhalter hat aufgespielt. Heute ist alles kleiner, aber viel exklusiver.
CHRISTINE: edenfalls wird heute sehr viel Wert auf das Kleid gelegt, man bucht eine teure Location, hat einen Sänger in der Kirche, eine Candy-Bar, Fotobox, Tauben und vieles mehr.

Ist das übertrieben?
CHRISTINE: Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Mein Mann und ich hatten auch eine tolle Hochzeit mit allem Drum und Dran. Aber manche Bräute steigern sich so rein, übersehen die Kosten und den enormen Aufwand. Wir haben schon erlebt, dass Männer kalte Füße bekommen und kurz vor der Trauung Reißaus genommen haben.

Franziska, wollen Sie das Geschäft einmal weiterführen?
FRANZISKA: Ja durchaus. Ich studiere Psychologie, aber das kann man ja in diesem emotionalen Geschäft gut brauchen.

Thema: Feminismus

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