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Die ersten Vierlinge Österreichs sind erwachsen geworden

Vor 19 Jahren sorgten sie für Schlagzeilen. Jetzt haben die ersten Vierlings-Mädchen Österreichs maturiert. Aber wie ist es, mit drei genau gleich alten Schwestern aufzuwachsen? Gibt's Harmonie pur oder Dauerstreit? Und kommt man sich bei der Liebe in die Quere? Das Quartett gibt überraschende Einblicke!

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Vierlinge

Tamara, Vanessa, Sarah und Jasmin mit ihren Eltern.

© privat/ Ernst Kainerstorfer

Eine ruhige Einfamilienhaussiedlung am Rand von Oberwaltersdorf, Niederösterreich. Mittendrin ein hellblaues Anwesen mit großem, gepflegtem Garten. Hier sind sie also aufgewachsen, die vier Mädchen, deren Geburt 1998 landesweit für großes Aufsehen sorgte. Eine Vierlings-Geburt galt vor 19 Jahren als Sensation, heute wird sie in Österreich immerhin ein Mal pro Jahr registriert.

Mama Michaela Haas, 51, begrüßt uns an der Eingangstür: "Die Mädchen warten im Wohnzimmer." Und da sitzen sie aufgereiht um den Esstisch: Jasmin, Tamara und Vanessa. Nur drei? Ja, Sarah fehlt. Sie ist mit ihrem Freund per Interrail unterwegs - der erste Abnabelungsprozess von der Vierfaltigkeit! Und ohne Jasmins eineiigen Zwilling -"Sarah sieht genauso aus wie ich" - wirkt das Trio wie ganz normale Geschwister.

Sie ähneln sich, aber nicht sehr. Sie sind unterschiedlich groß, die braunen Locken haben verschiedene Schattierungen. Die Nähe zueinander ist dennoch bei jedem Wort spürbar, wie ein unsichtbares Band. Auch beim Sprechen. Die eine beginnt den Satz, die andere vollendet ihn. Es fällt ihnen nicht einmal auf. Die lebhafteste sei die fehlende Sarah, sagen sie, aber Rudelführerin gäbe es keine. Machtkämpfe sehr wohl: "Wir streiten viel, aber meist handelt es sich um Kleinigkeiten. Wer im Auto vorne sitzen darf oder wer ungefragt ein T-Shirt einer anderen ausborgt", lacht Vanessa. "Die Schmoll-Phase dauert maximal ein paar Stunden", fügt Tamara schnell hinzu.

Bloß keine Aufmerksamkeit: Die ist dem Quartett unangenehm: "Wir verstehen das Interesse an uns nicht. Für uns ist ja alles ganz normal", erklärt Jasmin. Aber noch immer heißt's bei Begegnungen auf der Straße: "Ah, das sind ja die Vierlinge." Ein Satz, der sie extrem nervt."Wir werden oft als nur eine Person wahrgenommen. Wenn ich zum Beispiel mit einer Freundin streite, ist die gleich auf alle von uns sauer. Dabei können meine Schwestern gar nichts dafür."

Welche Krisen sich da abgespielt haben müssen! Schließlich gingen die vier Mädchen zwölf Jahre lang immer in dieselbe Klasse! Bevorzugt wurde das Quartett von den Lehrern nie, im Gegenteil, sogar eher strenger behandelt. "Aber das war für uns okay. Nur ja keine Sonderstellung! Warum auch? Wir wollten immer so normal wie möglich sein und uns von den anderen nicht unterscheiden."

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Die überglücklichen Eltern kurz nach der Geburt. Zwei Monate mussten die Mädchen im Brut-oder Wärmekasten verbringen, bevor sie aus dem Spital entlassen wurden.

Also gar keine Verwechslungsspielchen der spiegelgleichen Sisters Jasmin und Sarah? "Ach, das ist so ein Klischee. Wenn man uns etwas besser kennt, kann das gar nicht passieren. Unsere Gesichtsformen sind etwas anders, und vor allem die Stimmen." Nun gut, einmal hätten sie in der Volksschule erfolgreich versucht, die Lehrer zu täuschen. Sie wechselten in der Pause ihre Kleider und setzten sich auf den Platz der jeweils anderen. Durchschaut hat sie keiner. "Das war ganz lustig, aber richtig ausgenützt haben wir unser Zwillings-Dasein nie", meint Jasmin, die eher charakterliche als äußerliche Unterschiede zu ihrem "Klon" sieht: "Sarah ist extrovertierter, offener. Und sie will als einzige von uns Jus studieren. Uns andere zieht es zur Medizin."

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Logistisch nicht einfach zu bewältigen: vier Babys mit ihren Kindersitzen ins Auto packen.

Auch in der Freizeit hängt man meistens zu viert ab, kennt es nicht anders. "Das ist einer der großen Vorteile", beginnt Tamara den Satz, "dass man nie alleine ist", setzt Vanessa ihn fort. Zweier-Teams gab's bis vor Kurzem nur bei den Zimmern. Die "Eineiigen" teilten sich eines, Vanessa und Tamara ein zweites. "Seit ein paar Monaten haben wir jeder eines. Wir sind jetzt auch ganz gern mal allein oder mit unseren Freunden", sagt Vanessa, die sich wie ihre Schwestern ein Leben als Einzelkind trotzdem nicht vorstellen mag.

Apropos Freunde: Kam man sich da nie in die Quere?"Überhaupt nicht. Natürlich waren manche zunächst überrascht, dass wir so viele sind. Aber nicht lange. Wir reden uns da auch nicht drein. Noch einmal: Wir sind ja nicht eine Person", lacht Vanessa. Und zum Glück: Auf den gleichen Männer-Typ stehen sie ohnehin nicht!

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Mama Michaela Haas, 51, sitzt mit am Tisch. An die anstrengende Anfangsphase erinnert sich die OP-Krankenschwester nur zu gut: "Vier Babys gleichzeitig zu erwarten, ist natürlich eine Anstrengung. Aber mein Mann und ich haben zehn Jahre lang vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Unser Glück war unbeschreiblich, als ich endlich schwanger war."

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Tamara, Sarah, Jasmin & Vanessa (v. l.) mit ihren Eltern, Werner, Elektrotechniker, und Michaela, OP-Schwester.

Bis zur Geburt am 27. Oktober 1998 musste Michaela die meiste Zeit liegen. Per Kaiserschnitt wurde das Quartett im SMZ Ost in Wien entbunden, als erste Vierlings-Geburt im Haus. Zwei Monate blieben die Mädchen im Spital, großteils im Brutkasten. Sarah, heute diejenige mit dem größten Durchsetzungswillen, war damals mit 890 Gramm die Kleinste. Nach dem Heimkommen fing der Stress an. Anfangs führten die Eltern Buch, wer wann gefüttert wurde oder wann für eine bessere Lungenfunktion inhaliert werden musste. "Wenn ich einmal zwei Stunden hintereinander schlafen konnte, war das eine Erholung. Erst nach Monaten haben die Kinder erstmals durchgeschlafen." Fremde Hilfe von außen kam für Michaela und ihren Mann Werner, einen Elektrotechniker, nicht infrage: "Wir wollten alles alleine bewältigen. Nur meine Mutter hat uns oft unterstützt."

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Auf Urlaub hat Familie Haas nie verzichtet. Dann wurde es eben die günstige Pension, wie hier beim Italien-Trip, oder eine Selbstversorgerhütte.

Nach drei Jahren begann Michaela wieder halbtags zu arbeiten, auch aus finanziellen Gründen. "Mein Chef kam mir sehr entgegen. Ich musste keine Nacht- oder Wochenenddienste übernehmen." Die Mädchen waren im Kindergarten gut aufgehoben. Und die Erziehung der Schwestern gelang leichter als gedacht. Sogar die üblichen Pubertätskonflikte blieben aus, obwohl die Eltern von allen Seiten gewarnt wurden: "Wartet mal, wenn die vier ins Teenie-Alter kommen. Mädchen sind furchtbar." Michaela Haas kann darüber nur lachen: "Wahrscheinlich hat es so gut geklappt, weil sie viel untereinander ausgemacht haben. Wir waren gar nicht so gefragt." In der Schule blieben gröbere Probleme aus: "Sie haben schon mit mehr oder weniger großem Aufwand gelernt. Den Matura-Abschluss haben aber alle geschafft."

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Heuer haben die vier Mädchen erfolgreich die Schule abgeschlossen. Ihre Maturareise verbrachten sie mit ihrer Klasse in Kroatien.

Bleibt die Frage zum Klischee: Traten die Mädchen immer im gleichen Outfit auf? "Nein!", lacht Michaela Haas, auf Individualität hat sie immer großen Wert gelegt: "Ich habe sie fast nie gleich angezogen. Und zu Freundinnen sollten sie auch mal alleine gehen." Trotz des Mehraufwands unternahm die Familie viel miteinander: "Urlaub war uns wichtig." Es war nicht leicht, Ferien zu finanzieren, aber dann wurde es im Skiurlaub statt des teuren Hotels eben die Selbstversorgerhütte. Mittlerweile fahren die Haas-Eltern alleine weg. Endlich, nach vielen strapaziösen Jahren, in denen es nicht einfach war, eine Beziehung zu leben. "Natürlich gab es Höhen und Tiefen. Uns hat geholfen, dass wir uns davor schon lange und gut gekannt haben."

Eine letzte Frage an die Mädchen: Wollen sie selbst auch so viele Kinder?
"Nein", kommt es einstimmig. "Zwei sind das Maximum. Vier sind zu anstrengend."

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Für die Hochzeit eines Cousins zogen sich die Mädchen gleich an - ausnahmsweise! Sonst legen sie Wert auf Individualität.
Themen: Kinder, Eltern

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