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Vitaminpillen: Sinnlos oder hilfreich?

Sie sollen der Gesundheit dienen, entpuppen sich in neuen Studien aber oft als sinnlos oder gar riskant: Was man über Vitaminpillen & Co wissen sollte.


Vitaminpillen: Sinnlos oder hilfreich?
© Corbis

Eines fürs Kind, damit sich’s jetzt keinen Schnupfen holt. Ein anderes für die elterliche Immun- oder Nervenkraft . Weitere gegen Nagelspliss, als Krebs-Schutz oder gegen das Altern generell: Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen gibt’s ohne Ende. Vor dem Drogerieregal könnte man meinen, es gäbe kein Leiden, das Vitaminpillen nicht lösen können. Also greift bereits jeder dritte Österreicher zu derlei Produkten.

Was taugen Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmittel?

Wir warnen daher gleich eingangs alle Anhänger des Kapsel-Kults vor: Das Lesen dieser Geschichte könnte das Vertrauen in die kleinen "Helferlein“ gewaltig trüben. Denn immer mehr Studien zeigen, dass die Präparate oft gar nichts nützen - ja manche sogar die Gesundheit gefährden.

Natürlich stimmt es, dass wir ohne Vitamine nicht leben können, weil diese für unzählige Funktionen - von Stoffwechsel und Wachstum bis Immunkraft - unverzichtbar sind. Da der menschliche Körper nur zwei der 13 lebenswichtigen organischen Verbindungen (Vitamin D und Niacin) selbst produzieren kann, müssen die anderen von außen zugeführt werden. Fehlt’s an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, drohen Mangelsymptome von Hautproblemen und Mattigkeit bis Abwehrschwäche oder - auf lange Sicht - sogar Organversagen.

Kurzum: Die Natur sieht vor, dass wir den Vitaminbedarf durch unsere Ernährung decken. Wer nun ständig hört, dass stressig-ungesunder Lebensstil erhöhten Bedarf verursacht, moderne Nahrungsmittel jedoch durch ausgelaugte Böden und industrielle Verarbeitung weniger Vitalstoffe liefern, beginnt zu zweifeln. Pillchen, die solche Sorgen bequem und ohne Arztbesuch ausräumen, sind da sehr verlockend.

77 Millionen Euro geben Österreicher für Vitamin-Präparate aus

Entsprechend viel geben die Österreicher für die Präparate aus: 77 Millionen Euro setzten allein die Apotheken im Zeitraum von Juli 2011 bis Juni 2012 mit Nahrungsergänzungsmitteln um. Mit immerhin 13,5 Prozent sind sie die zweitgrößte Cashcow unter den nicht verschreibungspflichtigen Over-the-Counter-(OTC-)Produkten - hinter Husten- und Erkältungsmitteln. Wie viele Vitaminprodukte zusätzlich über die Ladentische von Drogerie- und Supermärkten gehen, weiß freilich keiner. Viele Firmen sind sogar dazu übergegangen, ihre Produkte nicht mehr als Arznei-, sondern als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt zu bringen. Das erspart teure, lange Arznei-Prüfverfahren, weil für Lebensmittel weniger strenge Auflagen gelten.

Schockierende Studien

Was Produktwerbungen dann versprechen, ist oft wenig wert. Tatsächlich weisen immer mehr Studien sogar darauf hin, dass der Pillendrang böse enden kann. Hier die Ergebnisse:

► Anti-Aging mit den antioxidativen Vitaminen A, C und E klappt nicht, so eine Meta-Analyse des internationalen Ärzte- und Wissenschaftler-Netzwerks "Cochrane Collaboration“. Stattdessen entdeckten die Experten Hinweise auf eine lebensverkürzende Wirkung von Vitamin E und Beta-Carotin.

► Australische Forscher stellten fest, dass Vitamin A Schlaganfällen nicht vorbeugt, sondern im schlimmsten Fall das Sterberisiko steigert.

► Experten des deutschen Verbrauchermagazins "Öko-Test“ prüften 46 Multivitaminpräparate. Fazit: Keines war eine Empfehlung wert. Vielmehr wurden zu hohe Dosierungen, dubiose Auslobung und mangelnder Nutzen festgestellt.

► Eine weitere Cochrane-Studie belegt: Hoch dosiertes Vitamin C (über 200 mg pro Tag) kann die Häufigkeit von Erkältungen nicht senken. Nur bei Sportlern hilft’s.

► Tests mit 35.500 Männern ergaben, dass Vitamin-E-Einnahme das Prostatakrebs-Risiko um 17 Prozent steigert!

► US-Forscher entdeckten schon vor Jahren, dass hoch dosiertes Beta-Carotin (Vitamin-A-Vorstufe) bei Rauchern Lungenkrebs begünstigt.

► Das österreichische Verbrauchermagazin "Konsument“ berichtete jüngst von einer finnischen Studie, die bei älteren Frauen höhere Sterberaten durch Vitaminpräparate mit Mineralstoffzusatz zeigt.

Fast schon trotzig diese Studien ignorierend, raten nach wie vor "Spezialisten“zu hoch dosierten Vitaminen. Und Orthomolekularmediziner behandeln ihre Patienten mit den Pillen munter weiter.

Doch was tun, wenn man gesund bleiben will? Abseits aller Diskurse gilt: Darreichungsform und Diagnose sind entscheidend - und die Dosis macht das Gift.

Hält man sich an die Empfehlungen der Österreichischen Ernährungspyramide, nimmt man mit dem Essen die Vitaminmenge auf, die täglich zugeführt werden muss. Ist die Nahrung saisonal und vollwertig - also Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, etwas Fleisch, Fisch und natürliche Pflanzenöle -, gibt es auch keinen Vitaminmangel.

Pillen sind also meist überflüssig, Überdosierung und Nebenwirkungen mit rezeptfreien Varianten zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. Sinnvoll sind Zusatzmittel nur, wenn Krankheiten, die Einnahme von Medikamenten und andere spezielle Umstände den Bedarf steigern.