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Volksanwältin: Akuter Handlungsbedarf bei Gewalt gegen Frauen

Am 25. November ist internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Maria Rösslhumer von den Autonomen Frauenhäusern und der Leiterin der Ringvorlesung "Eine von Fünf", Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich, hat Volksanwältin Gertrude Brinek heute einen dringenden Appell ausgesprochen.

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Volksanwältin: Akuter Handlungsbedarf bei Gewalt gegen Frauen
© Volksanwaltschaft

Jeder kennt diese Schilder, die oft an direkt der Bundesstraße, gleich neben der Ortstafel stehen und die Aufschrift „Familienfreundliche Gemeinde“ tragen. Geht es nach Volksanwältin Gertrude Brinek, Maria Rösslhumer von den Autonomen Frauenhäusern und Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich, sollten Gemeinden in Zukunft auch eine andere Zertifizierung erhalten können. Und zwar als „Gewaltfreie Gemeinde“. Denn was jetzt für so manchen nach „Ja, eh!“ klingt, ist bei weitem nicht so selbstverständlich wie viele meinen würden. Die „g’sunde Watschn“ wurde immerhin erst 1999 verboten - aber selbst darüber wurde in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert.


Einen Schulterschluss von Gemeinden, Vereinen, Opferschutzorganisationen, Kinderschutzorganisationen, LehrerInnen, Justiz, Polizei und der Zivilgesellschaft eben für ein „gewaltfreies Leben“ wäre daher höchst an der Zeit, wie heute bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Volksanwaltschaft, Autonomen Frauenhäusern und einer Vertreterin der MedUni Wien deutlich wurde. „Es gibt nach wie vor viel zu wenig Wissen über Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Bevölkerung“, sagt Volksanwältin Brinek. Dabei habe das Thema zuletzt wieder an Brisanz gewonnen - nicht zuletzt, weil aktuelle Studien eben diese Wissenslücken in der Gesellschaft aufzeigen, aber auch die schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen ins Bewusstsein gerückt haben. Und natürlich: Die nach wie vor höchst alarmierenden Zahlen.

Österreich an EU-Spitze

Allein im Jahr 2017 gab es in Österreich 77 Morde bzw. Mordversuche an Frauen. Damit hält Österreich den beschämenden „Rekord“ in der EU. Nach wie vor ist eine von fünf Frauen täglich körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Laut Kriminalstatistik hatten im Jahr 2018 fast zwei Drittel aller 42.079 Tötungs-, Körperverletzungs-, sexueller Übergriffs- und Raubanzeigen mit Beziehungstaten zu tun. Und trotz dieser alarmierenden Zahlen hält sich nach wie vor das Bild des unbekannten Täters, der seinem Opfer hinter einem Gebüsch auflauert, allzu hartnäckig. Insofern werden Opferschutzeinrichtungen, aber auch andere Stellen nicht müde, den akuten Handlungsbedarf zu betonen.

Regierung in der Pflicht

Maria Rösslhumer von den Autonomen Frauenhäusern schließt sich Volksanwältin Brinek - die die Pressekonferenz vor allem als Appell an Politik und Gesellschaft verstanden wissen will - an und geht noch einen Schritt weiter: „Es ist nicht nur ein dringender Appell, sondern schon mehr ein ‚Aufschrei‘, diese Anliegen ernst zu nehmen“, sagt Rösslhumer. Und sie nimmt vor allem die Regierung - die zuletzt eher durch Kürzungen in dem Bereich aufgefallen ist - in die Pflicht. Sie erinnert daran, dass Österreich 2013 die Istanbul-Konvention zur Verhinderung von Gewalt ratifiziert hat und sich somit dazu verpflichtet hat, alles zu tun, um Gewalt an Frauen zu verhindern. „Und ein verbesserter Opferschutz bedeutet viele verschiedene Maßnahmen: Verursacher von Gewalt zur Verantwortung ziehen, das Gesetz im Sinne des Opferschutz anzuwenden aber auch Frauenrechte und eine echte Gleichstellung von Frauen und Männern umzusetzen.“ Denn das habe alles miteinander zu tun, so Rösslhumer.

Andrea Berzlanovich (MedUni Wien), Gertrude Brinek (Volksanwältin) und Maria Rösslhumer (Verein Autonome Frauenhäuser) bei der gemeinsam Pressekonferenz.

Darüber hinaus drängt sie auf groß angelegte Sensibilisierungs- und Bewusstseinskampagnen auf allen Ebenen. Einerseits um das in der Gesellschaft vorhandene Wissen zu vergrößern, andererseits aber auch um den Umgang mit den Betroffenen zu verbessern. Und dabei geht es eben nicht nur um die Frauen, sondern auch um die von Gewalt betroffenen oder mitbetroffenen Kinder, wie Andrea Berzlanovich von der MedUni ausführt. Kinder würden sehr genau mitbekommen, wenn Eltern streiten, eine aggressive Atmosphäre herrscht und im schlimmsten Fall auch Gewalttaten bis hin zu Tötungen mitansehen müssen. „Viele Kinder glauben, an der unglücklichen Familiensituation (mit-)schuld zu sein. Manche ziehen sich zurück, andere versuchen die Mutter zu schützen“, so Gerichtsmedizinerin Berzlanovich, die auch die Ringvorlesung „Eine von Fünf“, seit Jahren ein Fixpunkt an der Uni Wien zum Thema, leitet.

Wissen macht stark!

Außerdem würden viele Kinder, die von häuslicher Gewalt (mit-)betroffen sind, die Verhaltensweisen der Eltern übernehmen aber auch posttraumatische Belastungsstörungen und andere gesundheitliche Probleme davon tragen. „Obwohl die Berichterstattung zum Thema zugenommen hat, ist die Kenntnis von Frauenrechten bei jungen Menschen mangelhaft“, so Volksanwältin Brinek über eine kürzlich erschienene Studie von SOS Mitmensch. Dabei wäre vor allem das Wissen ein wichtiger Schutzfaktor, so Brinek: „Ihre Rechte zu kennen und zu wissen, wo die Grenzen für tolerierbares Verhalten liegen, stärkt Mädchen und Frauen.“

Maria Rösslhumer kommt noch einmal darauf zu sprechen, wie man mit Gewaltsituationen umgeht und verweist in dem Zusammenhang auf die fehlende Unterstützung vor allem für mitbetroffene Kinder, also jene, die zwar nicht selbst Opfer von Gewalt sind, aber die Gewalt gegen die Mutter miterleben. Auch für sie wären Frauenhäuser die einzige Anlaufstelle. Aber schon bevor Kinder mit ihren Müttern dort landen, müsse mehr Expertise im Umgang mit ihnen vorhanden sein. So habe eine kürzlich erschienene Studie gezeigt, dass Kinder und Jugendliche bei häuslicher Gewalt oft diejenigen wären, die den Polizeinotruf tätigen. „Im Kriminalistischen Leitfaden (KLF) der Bundespolizei gibt es aber derzeit keine Handlungsanleitung dafür, wenn Kinder anrufen“, sagt Rösslhumer. Das heißt, die Schulung aller Involvierten - und dazu gehören auch etwa LehrerInnen - für einen sensiblen Umgang, müsse oberste Priorität haben.

Die Forderungen auf einen Blick:

Prävention verstärken

Das gilt für das gesamte Bildungssystem, in verschiedenen Vereinen, in Bezirken und Gemeinden: Die Studienergebnisse und die Erfahrungen von Expertinnen und Experten sollten ernst genommen und breit diskutiert werden. Wissen schützt und kann helfen zu vermeiden, dass Situationen eskalieren. Im Ernstfall sollte jede und jeder wissen, wie man sich verhalten soll und wo man Hilfe holen kann.

Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche schaffen

Um Gewaltkreisläufe möglichst frühzeitig zu unterbrechen ist es unabdingbar, dass betroffenen Kindern und Jugendlichen kompetente Ansprechpersonen zur Verfügung stehen. Kinder als Opfer und Zeugen häuslicher Gewalt brauchen eigenständige Beratungs- und Unterstützungsangebote.

Opferschutzorientierte Täterarbeit verstärken

Es braucht einen bundesweiten Ausbau an Anti-Gewaltraings, auch mit muttersprachlichen TrainerInnen, und eine gute Zusammenarbeit zwischen Opferschutzeinrichtungen sowie Männerberatungsstellen, die opferschutzorientierte Täterarbeit anbieten.

Mehr einschlägige Fortbildungen und Schulungen anbieten

Gesundheitlichen Gewaltfolgen und dem medizinischen Versorgungsbedarf von betroffenen Patientinnen wird bislang kaum Beachtung geschenkt. Auswirkungen von Gewalt finden in Anamnese, Diagnostik und Therapie noch immer zu wenig Niederschlag. Ziel von Gesundheitsfachkräften muss sein, gewaltbedingte Verletzungen und Beschwerden bei Patientinnen und Patienten als solche zu erkennen, sensibel anzusprechen, gerichtsverwertbar zu dokumentieren und letztlich die Betroffenen an weiterbetreuende Hilfs- und Beratungseinrichtungen zu vermitteln.

Wie man sich verhält, wenn man Zeugin oder Zeuge von Gewalt in Beziehungen wird, kann man im Rahmen des Projekts "Stadtteile ohne Partnergewalt" erfahren, das erst kürzlich in Wien Margareten angelaufen ist.

Die wichtigste Kontaktnummern
Polizei: 133
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800/222555
Frauenhausnotruf Wien: 05/7722
Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: 01/5853288
Männerberatungsstelle Wien: 01/6032828