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Von der Teenie-Rebellin zur Aussteigerin

Stephanie Laggner erlebte ihre Jugend als Ausnahmezustand. Nach einem sexuellen Missbrauch experimentierte das Mädchen mit Drogen und rebellierte gegen ihre Umwelt. Erst auf einer langen Reise hat sie zu sich selbst gefunden.

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Von der Teenie-Rebellin zur Aussteigerin
© Privat

Aufgewachsen in scheinbarer Idylle, einem 80 Personen Dorf in Kärnten: "Jeder kennt hier jeden und man weiß alles über die Anderen. Nicht immer leicht." Stephanie, 29, beschreibt sich als sehr sensibel, dadurch nehme sie Vieles besonders intensiv wahr. Ihre Jugend war geprägt von Ereignissen, die drohten, sie aus der Bahn zu werfen. Die Scheidung der Eltern als sie neun war, etwas später starb der Nachbarbub an einer Hirnhautentzündung. "Das hat das ganze Dorf erschüttert."

»Es gibt doch so viele junge Leute, die zu Rauschmittel greifen, aber kaum jemand fragt, nach dem Warum. Dem sollte man immer auf den Grund gehen.«

Und dann ihr erster Freund. Sie war 13,5, er 16. "Ich wurde unter Drogen gesetzt und missbraucht." Stephanie fiel es fortan schwer, sich als Frau wahrzunehmen. "Durch diese Erfahrung fühlte ich mich total entwertet. Aber im Laufe der Zeit habe ich gelernt, die Einzige, die mich wirklich beschützen kann, bin ich selbst." Sie reagierte für alle sichtbar: Sie trug nur mehr burschikose Kleidung, Rastalocken, Piercings und betäubte ihr seelisches Leid mit Drogen: "Der Schmerz war damit zumindest unterdrückt. Es gibt doch so viele junge Leute, die zu Rauschmittel greifen, aber kaum jemand fragt, nach dem Warum. Dem sollte man immer auf den Grund gehen."

Die Mama gab ihr, trotz allem, den nötigen Halt.

Die Kärntnerin hatte Glück, denn ihre Mutter war da. Mit der Kleinkindpädagogin ist sie bald an den Wörthersee gezogen, raus aus der dörflichen "Idylle". "Es war sicher die freie, offene Liebe meiner Mama, die mir über alles hinweggeholfen hat. Trotz ihrer Herkunft aus einem eher konservativen Umfeld, ist sie extrem offen und hat einen weiten Blickwinkel auf das Leben. Sie hat mich immer urteilsfrei begleitet. Ich spüre ihre Liebe, egal was ich mache und konnte mich ihr jederzeit anvertrauen. Dadurch habe ich ihr jeden Blödsinn erzählt. Das Wichtigste war, dass ich keine Angst vor negativen Konsequenzen haben musste. Sie ist die Probleme mit mir angegangen, hat hinterfragt, warum ich diese Drogen meinem Körper antue? Irgendwann habe ich es kapiert, ich muss mich selbst gern haben", sagt Stephanie, der bewusst wurde, noch so viel aus ihrem Leben machen zu wollen: "Die weitaus bessere Alternative als es wegzuwerfen und in der Opferrolle zu bleiben." Nach der Matura begann sie ein Anthropologie-Studium, das sie noch neugieriger auf die Welt machte: "Ich erkannte, alles ist ständig in Bewegung, verändert sich, passt sich an, zieht wieder los. Wir selbst, die Natur oder das Leben an sich. Also wollte ich es auch sein."

»Aber wir wollten uns nicht von Ängsten leiten lassen, stattdessen mitten reinsetzen.«

2016 zog es sie in die Welt hinaus. In Begleitung einer Freundin wollte sie Australien und Zentral-Asien entdecken. Mit wenig Geld, dafür umso mehr Herz und Verstand, wie Stephanie sagt. Mit Trampen und Couchsurfing reisten sie durchs Land: "Das war öfter grenzwertig. Aber wir wollten uns nicht von Ängsten leiten lassen, stattdessen mitten reinsetzen."

Mit der Zeit entwickelten die Mädchen ein gutes Bauchgefühl, haben, wie Stephanie meint, gefährliche Situationen erkannt: "Vor jedem Einsteigen in Autos haben wir die Nummerntafeln fotografiert und die Pics einem Freund in Australien geschickt. So hat immer jemand gewusst wo und in welchem Auto wir unterwegs sind. Und wenn wir ein schlechtes Gefühl hatten, waren wir schnell weg. Es hat schon der erste Augenkontakt mit einem Fahrer gereicht, um zu erkennen, da steigen wir ein oder eben nicht. So hat das für uns funktioniert." Die Ersparnisse der Kärntnerin waren bald aufgebraucht, die Freundin kehrte nach Österreich zurück: "Ich habe dann als Volonteer für Kost und Logis in unterschiedlichen Betrieben gearbeitet, aber vor allem als Straßenmusikerin. Das hat mich super über die Runden gebracht." Überhaupt, Musik sei die Medizin ihres Lebens. Schon während ihrer Schulzeit spielte sie in einer Band: "Auch das Musizieren hat mich vor einem Absturz gerettet und mir immer Halt gegeben."

Die Reise geht weiter.

Letztendlich zwang sie Corona, Ende Juni 2020, zur Rückkehr nach Österreich, ihr Visa wurde nicht mehr verlängert. Und da war sie wieder, in der engstirnigen Welt, mitten in Kärnten. "Es ist ja wunderschön hier aber ja, wenn man so viel von der Welt gesehen hat, dann hat Österreich einen weniger offenen Charakter." Dennoch, ihr großes Glück hat sie in der Heimat gefunden: Kurz nach ihrer Ankunft lernte Stephanie einen Seelenverwandten kennen. Marcus, ein vielgereister Kitelehrer und Freigeist wie sie. Mit ihm zog sie auf den Gemeinschaftshof Lorenzhof. Mit 15 Menschen bildete man eine Art Kommune. Der Hintergrund war eine soziale Organisation, spezialisiert auf die Rettung von Lebensmitteln. "Täglich kann sich jeder Essen, das in Kooperation mit Supermärkten, bei "Live together" landet, sowie Second Hand-Kleidung, abholen", erklärt Stephanie das Konzept. Eine großartige Sache, bei der sie sich gerne einbrachte.

Zur Ruhe gekommen ist die 29-Jährige trotzdem nicht: "Marcus und ich vermissten einfach zu sehr das Meer, jetzt wollen wir versuchen uns ein Leben in einem etwas mediterranerem Klima aufzubauen." Während unseres Zoom-Gesprächs machen die beiden gerade mit ihrem Van in Montenegro Halt. Nächste Station: Griechenland. Dort wollen die zwei versuchen, sesshaft zu werden: "Falls es nicht funktioniert haben wir den großen Luxus, ein Zuhause, in das wir zurückkehren können, zu haben. Mal sehen, wo uns die Reise hinführt." Noch eines möchte sie uns mitgeben: "Das Leben bleibt immer ein Auf und Ab. Aber wenn man mutig ist, und sich durch die tiefen Täler des Lebens getraut, sind die Hochs dazwischen das pure Leben, welches so viele Menschen nicht mehr zu erkennen wissen. Und bitte: Verurteilt eure Teenie-Töchter niemals, sondern hört ihnen zu."

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