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Die Wahrheit übers Kinderkriegen

Bei keinem anderen Thema wird dermaßen viel gelogen und beschönigt wie beim Kinderkriegen. Zeit für die Wahrheit, findet Mamabloggerin Susanne Holzer.

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Die Wahrheit übers Kinderkriegen
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Wenn man vorhat, ein Kind in diese Welt zu setzen, sollte man sich am besten gleich vorher über eines im Klaren sein: Bei kaum einem anderen Thema wird dermaßen viel gelogen, verschwiegen und beschönigt wie beim Kinderkriegen. Das, was die Leute erzählen und das, was hinter den Kulissen wirklich passiert, ist dabei oft so weit voneinander entfernt wie die Erde vom Mond.

»Und? Bist du endlich schwanger?«

Es ist nicht so, dass andere Mütter einen bei diesem Thema aus reiner Bosheit oder Hinterhältigkeit anlügen - meist geschieht dies eher aus Selbstschutz. Die große Wahrheits-Verbiegerei beginnt dabei bereits, bevor man überhaupt ein Kind hat - nämlich meist dann, wenn man beschlossen hat, eines zu bekommen.

Kaum jemand erzählt seinen Kollegen in der Mittagspause, dass er jetzt "bastelt" oder läuft mit einem großen "Pille abgesetzt!"-Schild um den Hals herum. Schließlich könnte es ja sein, dass es nicht beim ersten Mal klappt. Oder beim zweiten Mal. Oder auch beim 40. Mal. Und nichts könnte man in dieser Situation schließlich weniger gebrauchen, als die ständigen Fragen des interessierten Publikums: "Und, hat's schon geklappt?", "Und, bist du endlich schwanger?".

?". Also beginnt man meistens bereits in diesem Stadium des Kinderkriegens mit der Lügerei. Fragt einen wieder mal ein besonders sensibler Zeitgenosse am Biertisch, wie es denn bei einem mit dem Thema Kinderplanung aussieht, läuft man rot an, wiegelt ab und murmelt in sein Glas (Apfelsaft - man könnte ja vielleicht DOCH schon schwanger sein!) "Ach, mal schauen... keine Eile...erst mal noch das Leben genießen..blablabla...", obwohl man in Wahrheit bereits Basalthermometer, Ovulationstests, Schwangerschaftstest und sexy Unterwäsche zu Hause bereitgelegt hat.

»So ein Geburtsvorgang ist kein Party-Spaß«

Während diese kleinen Halbwahrheiten den anderen abgesehen von einem tollen Klatsch- und Tratschthema noch wenig vorenthalten, sieht es beim Thema Schwangerschaft dann schon ganz anders aus. Hätte mir bereits vor meiner Schwangerschaft jemand offen und ehrlich von Zervixschleim, Damm-Massage & Co. erzählt, hätte ich mir das Ganze vielleicht noch mal überlegt! Ziemlich wahrscheinlich ins Grübeln wäre ich aber gekommen, wenn mir auch nur ein Mensch ehrlich von der Geburt erzählt hätte.

Gut, dass so ein Geburtsvorgang ein Partyspaß ist, hatte noch keiner behauptet, aber das wirkliche Ausmaß an Schmerzen, Angst und vor allem Demütigung hatte niemand auch nur mit einem Wort erwähnt! Hätte es jemand geschafft, mir die Situation auch nur annähernd realistisch zu schildern, hätte ich mich vielleicht besser darauf vorbereiten können. Wie ich das gemacht hätte, weiß ich zwar nicht, aber vielleicht hätte es geholfen, mich als Nacktmodell zum Anfassen für eine Gruppe Medizinstudenten zur Verfügung zu stellen. Vielleicht hätte mich das bereits genug abgehärtet, dass es mir piepegal gewesen wäre, mir von 20 Leuten gleichzeitig in jede Körperöffnung lugen zu lassen und mich dabei drehen und wenden zu lassen wie ein Stück Schlachtvieh.

Das wahre Ausmaß der Unwahrheiten wird einem aber erst bewusst, wenn das kleine Wesen die Welt erblickt und gleichzeitig vollkommen für sich in Beschlag genommen hat. Bis heute bin ich mir noch nicht sicher, ob es allen am Anfang gleich geht und es nur niemand ehrlich sagen will, oder ob es wirklich nur mir so ergangen ist. War die Übersetzung oft gehörter Mama-Sätze in Wahrheit gleichbedeutend mit folgenden von mir erlebten Szenarien?

1

"Er ist ein total braves Baby - schreit eigentlich nur, wenn er Hunger hat!" Das Baby schreit zu jeder möglichen Tages- und Nachtzeit und man hat keine Ahnung warum. Hat es Flascherl oder Busen im Mund, kann es nicht gleichzeitig schreien - deswegen erzählt man allen, dass es der Hunger war. In Wahrheit ist es aber viel öfter Bauchweh, Schlafmangel, Langeweile, Kälte, Wärme, allgemeines Unwohlsein oder was auch immer - leider gehört man ja nicht zu den Supermamis, die bereits nach drei Tagen verstehen, was GENAU einem das Kind mit seinem Gebrüll sagen möchte. Oft genug gibt es Tage, an denen das kleine Wesen schon brüllt, bevor es überhaupt die Augen aufgemacht hat - und keiner hat einem davon erzählt, wie unglaublich hilflos, allein und machtlos man sich fühlt, wenn stundenlanges Babygeschrei von den Wänden widerhallt ohne dass man errät, was dem kleinen Wurm gerade die Laune verdirbt.

2

"Also meine Kleine schläft schon durch, seit sie 6 Wochen alt ist!" Durschlafen ist relativ. Was das Thema Schlaf betrifft, bin ich sicher nicht, aber es KANN unmöglich sein, dass jedes verdammte Baby auf dieser Welt bereits mit wenigen Wochen durchzuschlafen scheint und es nur mein Kind nicht schafft. Zuerst einmal ist man also nur zerknirscht, deprimiert und versinkt in Selbstmitleid. Fragt man dann allerdings nach, kommt oft ein kleines Stückchen Wahrheit der "Durchschläfer" ans Licht: Aha, das Kind geht erst um Mitternacht schlafen und ist dann um 05.00 Uhr wieder wach! Aha, man muss ihm zwischendurch "nur" ein paar Mal den Schnuller geben, aber "ansonsten" schläft er durch! Aha, 1-2 Flascherl braucht er natürlich dazwischen schon, aber SONST schläft er durch! Wenn das so ist, schläft Noah auch bereits durch, seit er 6 Wochen alt ist. Nämlich die 15 Minuten, bis er wieder nach seinem Schnuller oder dem Flascherl verlangt....

3

"Ja, ein bisschen anstrengend ist es schon manchmal!" Ich kann das Maß an Erschöpfung niemandem beschreiben, deswegen nenne ich es einfach ein "bisschen anstrengend". Man hat ja wohl gewusst, dass das ganze Kinderkriegen kein Wellness-Urlaub wird, aber ich habe ehrlich noch nie in meinem Leben so einen Grad an Erschöpfung, Müdigkeit und K.O.-sein erlebt. Stell dir einfach vor, du müsstest 100 Runden am Sportplatz laufen und dürftest dich danach nicht hinsetzen. Auch nicht stehenbleiben und was trinken. Sondern immer weiterlaufen, immer, immer weiter. Was ich noch vergessen habe zu erwähnen, ist, dass du während des Laufens verschiedene Geschicklichkeitsspiele bewältigen müssen und dabei mit Düsenjet-lauter Blasmusik beschallt wirst. Und wenn du dann so richtig, richtig am Ende bist und denkst, du dürftest jetzt für 2 Minuten Pause machen oder vielleicht auch nur ungestört auf die Toilette gehen, ertönt wieder der Startschuss und du trabst erneut los - auch wenn du eigentlich gedacht hast, dass es rein körperlich gar nicht mehr möglich ist. Das Gute daran: Man lernt tatsächlich, dass man viel mehr schaffen kann, als man eigentlich dachte. Iron Man ? Pah, da können frischgebackene Mütter nur lachen!

4

"Manchmal gehe ich jetzt sogar ungeschminkt aus dem Haus!" Ich bin froh, wenn ich wenigstens voll bekleidet außer Haus gehe und dabei nur auf einem Kleidungsstück Babykotze-, Kacke- oder Breiflecken habe. Beim Friseur war ich das letzte Mal vor der Geburt und ich habe ernsthaft überlegt, ob ich mir eine Handy-Erinnerung dafür setzen soll, ob ich eh eine Hose anhabe, wenn ich das Haus verlasse. Tatsache ist: Schlafmangel macht das Hirn zu Matsch und hat man erst mal das Kind mit seinen 1000 Flascherl, Decken, Windeln, Spielzeugen und Jäckchen ausgehfertig gemacht, ist man so erledigt, dass man schlicht und einfach vergisst, noch mal einen Blick in den Spiegel zu werfen, bevor man das Haus verlässt. Was wahrscheinlich auch besser ist, da man sonst vor lauter Schreck in Ohnmacht gefallen wäre, hätte man die käsebleiche Vogelscheuche mit Augenringen bis zum Bauchnabel gesehen, die einem da entgegen geblinzelt hätte - und das auch noch ungeschminkt, versteht sich.

»'Danke, uns gehts suuuuuuper!' – Echt jetzt?«

Sollte es also tatsächlich den meisten Müttern gleich gehen, fragt man sich, warum einem das alles noch nie jemand ehrlich gesagt hat. Die Antwort darauf ist wahrscheinlich eine Mischung aus mehreren Wahrheiten. Erstens will man sich vor den anderen keine Blöße geben. Man soll doch gerade die berühmte "schönste Zeit des Lebens" erleben und möchte nicht zugeben, dass man das offensichtlich nicht so tiptop hinbekommt wie alle anderen. Zweitens glaubt man Dinge, die man nur oft genug sagt, irgendwann selbst - und gerade in dieser Zeit braucht man oft ein bisschen Selbstbelügung zum Überleben. "Danke, uns geht's suuuuper!" Echt? Na wenn ich das schon selber sage, wird's irgendwie auch stimmen!

Und drittens habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Wahrheit zu diesem Thema oft gar niemand hören will. Gerade zu Beginn war ich zu allen super-ehrlich, weil ich mir geschworen habe, meinen Freunden und Bekannten kein Schmierentheater vorzuspielen. Frei von der Leber weg erzählte ich ihnen also von der schrecklichen Geburt, dem unerträglichen Schlafmangel, dem nervtötenden Gebrüll. Und merkte schnell, dass die Leute das eher verstörte. Trifft man jemanden mit einem kleinen Baby, MÖCHTE man ganz einfach hören, dass es allen gut geht und rundherum alles zuckerlrosa ist. Vielleicht, damit man keine Angst davor bekommt, selbst ein Kind zu bekommen, vielleicht weil man sich nicht wirklich mit den Problemen andere beschäftigen möchte - ich weiß es nicht.


Letzten Endes habe auch ich mich ein Stück weit angepasst und befolge den Rat einer lieben Freundin: "Irgendwann trägt man einfach noch mehr Bobbi Brown Concealer auf und lügt mit den anderen mit". Komplett ehrlich bin ich nur noch denen gegenüber, die es auch vertragen und damit kann ich leben. Schade finde ich es trotzdem - denn wären alle ein kleines bisschen ehrlicher zueinander, müsste man sich als Mama nicht oft so unendlich allein mit seinem Problem fühlen und könnte sich stattdessen denken: Wenigstens bin ich nicht die einzige, der es so geht.

Über die Autorin: Susanne Holzer ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Sybille Maier-Ginther schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog „Hand aufs Herz“ darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf Facebook/HandsAufsHerzBlog. .

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