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"War schon geil." Das soll ein Spot GEGEN Vergewaltigung sein?

Kinos in Deutschland zeigen aktuell einen Spot, in dem eine Frau vergewaltigt wird, danach sagt der Täter grinsend in die Kamera: "War schon geil." Wie eine gut gemeinte Idee zur Prävention verheerende Wirkung haben kann.

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StopRape - Kinospot
© StopRape - Kinospot

Wir sind fassungslos, als wir diesen Kinospot das erste Mal gesehen haben. Denn er zeigt mehr als deutlich, wie falsch die Richtung werden kann, selbst wenn die Absichten die allerbesten waren.

Darin zu sehen ist ein Mann, der beschreibt, wie heiß er eine bestimmte Frau findet. Dass sie ihn dann eingeladen hat, und ihm damit klar war, was sie von ihm will. Also hat er sich das auch genommen. Es folgt eine brutale Vergewaltigung, nach anfänglicher Gegenwehr sieht man nur mehr das verzweifelte Gesicht der Frau. Danach wieder den Mann in der Interview-Situation: "War schon geil" ist seine Interpretation des Geschehens.

Die gesamte Szene wird rein aus der Perspektive des Täters, des Vergewaltigers wiedergegeben. Er hat eine Stimme, die Frau nicht, sie bleibt hilflos und schluchzend zurück. Der Kinospot „STOP RAPE“, der eigentlich eine abschreckende Wirkung haben und zum Nachdenken über sexuelle Belästigung und Vergewaltigung anregen soll, ist so vielmehr eine Einladung für Nachahmungstäter - schließlich war die Gewalttat ja in seiner Grundaussage "geil".

Erschreckenderweise kommt hinzu, dass dieser Spot für Opfer von sexueller Gewalt kaum zu ertragen ist. Und diese werden - wenn sie eigentlich nur einen unterhaltsamen Abend im Kino erleben wollen - überraschend damit konfrontiert. Geht man von Statistiken aus, dann ist sogar jede siebte Frau in einem Kinosaal Opfer einer Vergewaltigung geworden. Und auf einmal besteht die Gefahr, "getriggert" zu werden. Das bedeutet, dass sie die traumatischen Momente der Gewalttat wieder durchmachen müssen. Noch verstärkt wird dies durch die Dunkelheit des Kinosaals, da man sich hierin gedanklich schwerer in die eigentlich sichere, aktuelle Situation zurückversetzen kann.

Zwar werden die meisten Menschen wohl die Absicht des Spots erkennen können und das Vorgehen des Vergewaltigers entsetzlich finden, aber es ist ebenso möglich, dass potenzielle Gewaltverbrecher oder auch einfach nur sexistische Männer anwesend sind, die sich dank der vermeintlichen Anonymität in der Dunkelheit des Kinos über die gezeigte Szene lauthals lächerlich machen, was das Angstgefühl für betroffene Frauen noch verstärken kann.

Am Ende des Spots wird darüber hinaus auch nicht auf Hilfsmöglichkeiten für Vergewaltigungsopfer hingewiesen oder dargestellt, dass der Täter für sein Verbrechen belangt oder bestraft wird. Es wird einzig eingeblendet, dass in Deutschland alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt wird.

Achtung - Trigger-Warnung! Der folgende Kinospot zeigt eine Szene sexueller Gewalt gegen Frauen und sollte unserer Meinung nach in Kinos nicht mehr präsentiert werden:

Mit folgendem Text haben sich die Verantwortlichen für den Kinospot, der in Kooperation der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung sowie der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbeauftragten Baden-Württemberg entstanden ist, zu obigen Kritikpunkten auf Facebook zurückgemeldet:

"Unsere Prävention zur Verhinderung von Vergewaltigung und sexueller Nötigung hat zum Ziel, weitere zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Primär ging es nicht darum Beratungsangebote für betroffene Frauen zu unterbreiten, sondern auf die Situation hinzuweisen, dass in Deutschland jede dritte Minute eine Frau vergewaltigt wird. Nicht die Frauen sind die Zielgruppe des Spots. Intension ist es, jungen Männern zu verdeutlichen, dass Vergewaltigung eine massive Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen ist.

Ein Kinospot als Vorspann von Filmen ab FSK 16 kann dem Publikum ungeschönte gesellschaftliche Realitäten – wie die einer Vergewaltigung - zumuten. Unser Spot problematisiert diese Realität und soll zur Reflektion einer solchen Straftat bei jungen Männern führen. Frauen hingegen wird durch den Spot aufgezeigt, wie schnell sie auch in vertrauter Atmosphäre zum Opfer werden können. Tatsächlich finden Vergewaltigungen eher im eigenen sozialen Umfeld statt und werden meist nicht angezeigt.

Wir gehen davon aus, dass die Diskussion und Auseinandersetzung mit diesem Thema Taten verhindern kann. Gewalt nicht zu thematisieren ist unserer Meinung nicht zielführend. Um Gewalt an Frauen verhindern zu können sollte eine Auseinandersetzung mit Männern geschehen. Ergänzend zur Beratungsarbeit mit den Opfern muss auch an den strukturellen Ursachen von Gewaltverbrechen gearbeitet werden, dies befördert den Schutz von Frauen. Natürlich ist uns bewusst, dass wir durch den Spot eine kleine Anzahl rücksichtsloser Gewalttäter nicht erreichen. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung müssen geächtet werden – gerade diese Auseinandersetzung ist im öffentlichen Raum deshalb von äußerster Wichtigkeit und auch Aufgabe der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten."

Nachtrag: Mittlerweile wird der Spot nicht mehr in Kinos ausgestrahlt.

Thema: Feminismus