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Warum ich lieber eine Rabenmutter sein will

Sind "perfekte Mütter" eigentlich nur ein Synonym für Intoleranz? Diese Frage stellt sich eine werdende Mutter, nachdem ihr seit ihrer Schwangerschaft auf einmal von allen Seiten ungefragt Tipps und Vorwürfe um die Ohren fliegen.


Warum ich lieber eine Rabenmutter sein will
© iStockphoto.com

Ist man schwanger, verändert sich das ganze Leben. Das merkt Janina gerade ganz deutlich: Aber vor allem, weil auf einmal alle meinen, über ihr Leben und ihr Handeln als werdende Mutter eine Meinung haben zu können. Darum schrieb sie sich ihren Frust über all die "gutgemeinten" Ratschläge auf ihrem Blog Janina's Welt vom Herzen und wir freuen uns, diesen Text hier auch mit euch teilen zu können:

"Eine Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Eine schöne Zeit mit viel Vorfreude auf den süßen Nachwuchs. Bei mir sind es noch knapp 3 Monate bis zum Happening „Geburt“ und ich muss sagen, dass ich mittlerweile etwas desillusioniert bin. Ich freue mich riesig auf mein Kind! Aber irgendwie habe ich mir diese Zeit anders vorgestellt. Nichts scheint die Geister so zu entzweien, wie das Thema Kinder. Jeder hat plötzlich eine Meinung! Egal, ob sie dich interessiert oder nicht, sie fühlen sich berufen dir zu erzählen, was zu du tun und zu lassen hast, bevor du überhaupt ein Kind hast!

Im Netz ist es aufgrund der Anonymität besonders schlimm. Themen wie Stillen und Kinderbetreuung gleichen einer wahren Hetzjagd. Die Äußerungen, der selbst ernannten „perfekten Mütter“, sind teilweise so verurteilend und intolerant, dass es einem den Atem verschlägt. Die Ansprüche sind riesig und wer die Erwartungen nicht erfüllt, der bekommt etwas zu hören.

Ich will nicht zu dieser Sorte Frau und nicht zu dieser Sorte Mutter gehören. Ich will nicht anderen Leuten meine Meinung aufzwingen und ich will die Freiheit haben, meine Meinung zu ändern. Wir haben so viele Rechte und Möglichkeiten und unsere Engstirnigkeit ist dennoch größer, wie nie zuvor. Es muss doch möglich sein, dass Leute ihren eigenen Weg gehen, ohne dass wir jemanden dafür sofort verurteilen? Ich bin nicht bereit, mich der Masse zu beugen. Es muss möglich sein Frau und Mutter in einem zu sein. Wenn das bedeutet, dass meine Einstellung zu Familie und Kind zu liberal ist und man mich wegen der fehlenden Demut zur Selbstaufgabe in eine Schublade steckt, dann werde ich den Titel der Rabenmutter mit Stolz tragen!

#1: Ich will arbeiten und unabhängig sein!

Ich arbeite gerne und für mich ist es auch selbstverständlich, dass ich wahrscheinlich nach einem Jahr in den Beruf zurückkehren will. Ich sehe darin keine mangelnde Liebe zum Kind, sondern einen gesunden Pragmatismus. Zum einen bin ich der festen Überzeugung, dass eine Beziehung auf Augenhöhe stattfinden sollte und ich will in der Lage sein, meinen Anteil dazu beizutragen. Dazu gehört für mich auch die finanzielle Unabhängigkeit. Zum anderen kann ich den Punkt nicht außer Acht lassen, dass sehr, sehr viele Frauen heute in Altersarmut leben. Wer die Kinder erzieht und danach nur noch wenige Stunden in Teilzeit arbeitet, hat es im Falle einer Trennung wirklich schwer. Ich bin wirklich kein Pessimist, aber ein gebranntes Scheidungskind und die Statistik besagt, dass sich immerhin noch 40 % scheiden lassen. Für mich also ein wichtiger Punkt, meine Zukunft und die meines Kindes absichern zu können im Notfall!

#2: Ich will mich beruflich verwirklichen, auch mit Kind!

Ein anderer Punkt, der mir richtig sauer aufstößt, sind all die gut ausgebildeten Frauen, die heutzutage immer noch ein Frauenbild von 1950 in sich tragen. Egal, ob ich mich im Netz bewegt habe oder im Alltag. Wenn du äußerst, dass du deinen Job zu 80-100 % wieder aufnehmen willst und keine Lust auf eine anspruchslose 50 %-Stelle hast, dann bekommst mit Sicherheit eine der folgenden Antworten zu hören:

„Es gibt auch andere Dinge als Arbeit für eine Mutter. Du wirst dann andere Prioritäten haben.“
„Ich finde es zu früh, die Kinder mit einem Jahr in die Kita zu geben, sie sind dafür viel zu klein und werden dort nur vernachlässigt“.

Sicherlich gehen Familie und Kinder vor und natürlich verändern sich Prioritäten, aber wieso will mir jeder sagen, was ich zu tun haben und was ich fühlen sollte? Wieso muss sich die Frau allein dem Wohl des Kindes opfern? Sollte sich nicht ein Kind in die Familie einordnen, statt sie zu beherrschen? Vielleicht braucht die Familie auch das Geld und kann es sich nicht leisten, dass ein Partner die ersten 3 Jahre zuhause bleibt. Bei den gestiegenen Mietpreisen und dem hohen Lebensstandard, sicherlich ein bekanntes Problem.

Ist den „perfekten Müttern“ eigentlich klar, dass wir hier extrem privilegiert sind, was die Länge und Bezahlung der Elternzeit betrifft und dass es in sehr vielen Ländern nach 14 Wochen zurück an die Arbeit geht? Wären all diese Kinder so vernachlässigt, wie gerne behauptet, dann müsste der Logik nach, besonders die Dänen und die Schweden ihre Kinder zu echten Sozialfälle erziehen.

Du wirst nur eine gute Mutter sein, wenn du all deine Bedürfnisse und Wünsche zurückstellst?

Ich finde es sehr schön, wenn jemand seinen Sinn des Lebens in seinen Kindern findet und es ihm Spaß macht zuhause zu bleiben. Jeder kann das machen, was er oder sie möchte. Ich finde es nur absolut unglaublich, dass es hier zweierlei Maßstäbe gibt. Für Männer war es schon immer selbstverständlich, dass sie eine Vollzeitstelle haben - auch als Vater. Ich kenne wenige Männer, die überhaupt mehr als 2 Monate Elternzeit nehmen.

Natürlich geht das oft auch nicht anders und der Mann einfach viel mehr verdient. Aber hier geht es mir nicht darum, dass es einfach Sinn ergibt, dass dann derjenige zuhause bleibt, der weniger verdient. Mir geht es hier um die Einstellung dahinter. Arbeitet eine Mutter gerne und ist nicht bereit freiwillig alles aufzugeben, dann ist sie automatisch eine Rabenmutter, hat die falschen Prioritäten, ist egoistisch und vernachlässigt ihre Kinder. Der Mann ist der Held, der das Geld nach Hause bringt und wird schon in den Himmel gelobt, wenn er am Samstag mit dem Winzling zum Kinderschwimmen geht. Ich finde das ungerecht und altbacken!

Sollte die Rollenverteilung heutzutage immer noch so klassisch sein? Wieso ist es okay, wenn der Mann sich verwirklicht und die Frau sich zurücknimmt? Heißt es nicht, dass glückliche Eltern auch glückliche Kinder haben?

Und wieso sind wir Frauen hier diejenigen, die viel intoleranter sind? Statt zusammenzuhalten, zerfleischen wir uns gegenseitig offline und online, was eine „perfekte Mutter“ ausmacht.

Eure Rabenmutter-to-be, Janina"

Themen: Eltern, Kinder

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