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Warum wir weinen – und das sogar gut für uns ist!

Wer weint, verrät seine Gefühle. Aber warum fließen Tränen überhaupt? Warum sind manche Menschen näher am Wasser gebaut als andere? Warum Weinen gut für uns ist.

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Warum wir weinen – und das sogar gut für uns ist!
© Photo by Kinga Cichewicz on Unsplash

In jeder verdammten Sekunde jeder Episode von "This Is Us". Bei einem YouTube-Clip eines Hochzeitsantrags. Bei einem traurigen Buch. Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Wenn wir an unsere Eltern denken. Wenn unser Kleinster das erste Mal alleine die Schule betritt. Plärrrrrrrrrrrrrrrr!

Okay. Wir sind nah am Wasser gebaut. Sehr nah. An manchen Tagen im Monat könnten wir sogar schon losheulen, wenn wir das Gurkenglas nicht selbst öffnen können. Echte Tränen weinten fast zwei Drittel der Österreicher in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal. Sagt zumindest eine Umfrage unter 2.000 Männern und Frauen im Alter ab 14 Jahren. Den Schnitt heben die Frauen.

Wut, Trauer, Angst, Rührung, körperliche Schmerzen, Stress, Streit mit dem Partner – diese Gründe wurden für Tränen am häufigsten genannt.

Doch warum weint man – und warum fließen bei manchen Menschen die Tränen schneller als bei anderen?

Sind alle Tränen gleich?

Tränen sprechen eine eigene Sprache, die Wissenschaftler noch nicht vollends übersetzen konnten. Zumindest nicht die der emotionalen Tränen, die übrigens nur der Mensch weint.

Was passiert, damit ein Mensch in Tränen ausbricht, ist ein komplexer Vorgang. Es hängt mit kulturellen und sozialen Regeln zusammen, mit Hormonen und mit der Erziehung. Erst ab dem 13. Lebensjahr werden Geschlechtsunterschiede beim Weinen deutlich. Vorher weinen Mädchen und Jungen tatsächlich gleich viel.

Denn die Tropfen, die bei Gefühlen aus den Augen treten und dem Gegenüber verraten, wie wir uns fühlen, ist nur eine von drei Tränenformen. Alle bestehen sie aus Elektrolyten, Wasser und Proteinen. Doch die Zusammensetzung von emotionalen Tränen ist eine andere als die von sogenannten basalen (befeuchten das Auge) oder reflektorischen Tränen (entstehen bei Reizen von außen – Zwiebeln, Rauch, Wind). Emotionale Tränen enthalten bis zu einem Viertel mehr Proteine als Reflextränen, dafür deutlich weniger Flüssigkeit, mehr Serotonin und bei Frauen mehr Prolaktin.

Warum weint man?

Der Grund dafür liegt in der Evolutionsgeschichte. Tränen sind – neben Lachen, Erröten, dem wütenden Verzerren des Gesichts – eine zusätzliche nonverbale Ausdrucksform unserer Gefühle. Wir können mit ihnen unsere Emotionen zu anderen Menschen übertragen.

Dabei erzeugen Tränen in erster Linie Mitgefühl. Für Babys ist das Weinen (neben dem Schreien) eine Art Hilferuf an die Eltern. Im Alter von etwa vier Wochen ist ein Kind in der Lage, zu weinen und mit Tränen nach Unterstützung der Mutter zu verlangen.

Wie sehr diese unterbewusste Information auch noch im Erwachsenenalter nachhallt, beweist ein Experiment. Der Psychologe Randolph C. Cornelius ließ auf Fotos von weinenden Gesichtern nachträglich die Tränen entfernen. Dadurch wurden die Gesichter ausdrucklos. Die Probanden zeigten deutlich weniger Mitgefühl als mit weinenden Gesichtern.

Dabei handelt es sich um ein erlerntes Verhalten. Die Tränenproduktion entsteht im zentralen Nervensystem, ein bestimmter Reiz von außen setzt eine neuronale Verschaltung in Gang. Im Kleinhirn, so die Vermutung, wird die erlernbare Reaktionsschwelle auf einen bestimmten Reiz festgelegt. Da die Gehirnzellen veränderbar sind, lernen wir von klein auf das Weinen oder Nichtweinen – und passen unser Verhalten an.

Warum Weinen uns in Wahrheit gut tut

Tatsächlich berichteten zwei Drittel der Befragten bei einer Studie der Universität von Florida, dass sie sich nach dem Weinen besser fühlen. Stephen Sideroff, klinischer Psychologe an der UCLA: "Weinen ist eine sehr positive und gesunde Art, seine Verteidigungsschilder fallen zu lassen und Stress und Anspannung loszuwerden. Es ist schlecht für den Menschen, wenn er seine Emotionen kontrollieren will – vor allem bei Trauer. Loszulassen und die Wucht der Gefühle anzunehmen hilft dabei, Negatives schneller zu verarbeiten als der Verdrängungsmechanismus."

Na bitte. Beim nächsten Dammbruch schämen wir uns nicht mehr für die vollgerotzten Taschentuch-Berge. Wir verarbeiten einfach besser. Tschacka!

Thema: Psychologie