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Was erhofft sich die Jugend von ihrer Zukunft?

Die Fotografin Alexandra Grill startete vor fast zehn Jahren ein außergewöhnliches Projekt. Sie fragte Jugendliche aus aller Welt nach ihren Plänen und Wünschen.

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junge Frau
© Photo by Alex Mihai on Unsplash

Als Jugendliche konnte ich mir nicht vorstellen, alt oder auch nur erwachsen zu sein. Ich lebte im Hier und Jetzt und machte mir kaum Gedanken über meine Zukunft", erinnert sich Alexandra Grill. Heute, mit 44, hat sich die Denkweise der Fotografin längst verändert: "Vor allem seit mein Sohn vor acht Jahren auf die Welt gekommen ist, überlege ich oft, wie sich alles weiterentwickeln wird. Mich interessiert, welche Perspektiven diese Generation hat."

Auf Reisen, die sie rund um den Erdball führten, sprach die Oberösterreicherin erstmals 2009 Teenager an: "Ich habe sie nach ihren Wünschen und Träumen gefragt." Es war der leise Start ihres Projekts "In my future", das sich letztendlich über fast zehn Jahre zog. Über 60 Jugendliche hat die Künstlerin bis heute vor die Linse geholt. "Ich wollte die Mädchen und Burschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten an Orten fotografieren und filmen, die etwas über ihre Persönlichkeit aussagen. Dabei konnten sie völlig frei erzählen. Ich war beeindruckt, wie unterschiedlich sie ticken. Manche waren sehr schüchtern, andere wussten schon genau, wo es für sie einmal hingehen sollte."

Den Unterschied zwischen der Überflussgesellschaft und Ländern, die mit Armut kämpfen, hat Alexandra hautnah zu spüren bekommen. Ihre Erkenntnis: Die junge Generation, die sie in der westlichen Welt befragt hat, scheint eher selbstbezogen zu denken, während jenen Jugendlichen, die in benachteiligten Situationen aufgewachsen sind, ihr Umfeld wichtiger ist. Der Familie soll es gut gehen, die Menschen sollen mehr teilen und füreinander da sein. Eine junge Frau ist ihr besonders in Erinnerung geblieben, Silvia aus Bolivien. "Die 25-Jährige verbringt schon den Großteil ihres Lebens in einem Kinderheim. Sie möchte später einmal eine Familie gründen, aber unbedingt auch ein Kind adoptieren, um ihm ein Zuhause zu geben, das sie selbst nie hatte. "Das war für mich sehr eindrucksvoll", sagt Grill.

DER DRUCK WÄCHST. Laut einer Studie des "Statista"-Instituts zeigen sich 78 Prozent der Youngster besorgt über den Zustand unseres Planeten in 20 Jahren. Die Generation, die in Zukunft diese Welt führen wird, ist mit großen Herausforderungen konfrontiert. In Industrieländern konkurrieren bereits Jugendliche um Praktikums-,Studium-und Ausbildungsplätze. In sozial schwachen Gegenden kämpfen hingegen viele mit schlechter Bildung. Die Lage wird sich, laut Unicef, weiter verschärfen. Etwa 75 Millionen Menschen unter 24 Jahren sind weltweit arbeitslos, davon leben 85 Prozent in Entwicklungsländern. Erschreckenderweise sitzt eine Million Minderjähriger in Gefängnissen. Weltweit heiratet jedes fünfte Mädchen vor dem 18. Geburtstag und wird schwanger. "Die Jugend wurde bisher nicht genug beachtet, obwohl ohne sie kein Wandel, kein Ausbruch aus Armut und Ungleichheit möglich ist", kritisiert Simone Mang von Unicef.

Für etwa 60 Millionen Mädchen und Buben weltweit ist schon nach der Grundschule Schluss mit Bildung. Dabei ist gerade diese so wichtig. Denn eine fundierte Ausbildung ist der Schlüssel zur späteren Unabhängigkeit und sichert die Zukunft. "Es entscheidet sich bereits in der Jugendphase, ob Armut und Perspektivlosigkeit in die nächste Generation vererbt werden", betont Mang. Geld und Karriere sind dennoch keine alles entscheidenden Kriterien für ein glückliches Leben. Laut der "Shell-Jugendstudie 2017" steht in Deutschland bei 91 Prozent eine gesunde Balance aus Beruf, Familie und Kindern an erster Stelle. Alexandra Grill hat aus den Gesprächen mit den Jugendlichen viel mitnehmen können: "Die Antworten klingen ja großteils optimistisch und unbeschwert. Hoffentlich kann mein Sohn auch so positiv in Richtung Zukunft blicken." Und dieser Wunsch vereint bestimmt alle Jungen weltweit.

ZAHRA, 17, AFGHANISTAN

Die junge Mutter lebt seit 2015 mit ihrem Mann Ahmad, 24, und ihrer Tochter Bahra, 2, als Asylwerberin in Oberösterreich. Zahra und Ahmad wuchsen beide in Tehren auf. Als Zahra 13 war, flüchteten sie gemeinsam. Zuerst in den Iran, später weiter nach Österreich. Sie möchte hier bleiben, eine Ausbildung machen: "Ich durfte nicht zur Schule gehen, für meine Tochter soll Bildung selbstverständlich sein." Leben in Afghanistan. Nur Kinder aus reichen Familien besuchen Schulen. 38,2 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Altersstrukturell ist das Land eines der jüngsten der Welt. Dennoch werden die Jungen und Frauen aus allen wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen. Die Macht liegt in den Händen der älteren männlichen Elite.

ALEXANDRA, 18, COSTA RICA

Bereits mit zwölf Jahren begann das Mädchen aus Tierra Promentida in einem Zirkus mitzuwirken. Alexandra wohnt mit ihren Brüdern bei ihrer Tante. Ihre Mutter lebt in den USA, auch ihren Vater kennt sie kaum. Nach dem Schulabschluss möchte sie eine Ausbildung zur Profiakrobatin machen: "Der Zirkus ist mein Zuhause." Leben in Costa Rica. Politisch ist das Land stabil, dennoch gibt es viel häusliche Gewalt gegenüber Frauen &Kindern, Kinderprostitution, Menschenhandel. Die Schule muss bis zum 15. Lebensjahr besucht werden.

HUDA, 19, SYRIEN


Die quirlige Syrerin ist 2015 mit ihrer Familie von Damaskus nach Österreich geflohen. Mittlerweile hat sie einen positiven Asylbescheid erhalten. Sie besucht eine Modeschule in Wien: "Mein größter Traum ist es, später als Modedesignerin zu arbeiten." Leben in Syrien. Trotz des herrschenden Krieges gehen zwei Millionen Kinder fast täglich zur Schule. 1,7 Millionen aber nicht. Oft weil der Weg zu gefährlich ist oder es die Schule nicht mehr gibt. Um zu verhindern, dass eine "Lost Generation" heranwächst, unterstützen Hilfsorganisationen aus aller Welt mit Lernhilfsprojekten.

SILVIA, 25, BOLIVIEN

Ihre Eltern waren sehr arm, deshalb wuchs Silvia ab dem 10. Lebensjahr in einem Kinderdorf in La Paz auf. Mit der Unterstützung von Pateneltern konnte sie nach der Schule ein Wirtschaftsstudium absolvieren. Die 25-Jährige hat viel geschafft. Sie lebt nach wie vor im Heim und unterstützt mittlerweile die Kleinen. Später möchte sie eine Familie gründen: "Ich will ein eigenes Kind und eines adoptieren." Um etwas zurückzugeben. Leben in Bolivien. Es gilt als ärmstes Land Südamerikas. Unter den zehn Millionen Einwohnern gibt es 850.000 Minderjährige. Bolivien ist das einzige Land der Welt, in dem Kinderarbeit erlaubt ist. Das Mindestalter dafür wurde 2014 sogar von 14 auf 10 Jahre gesenkt.

FRANZISKA, 18, ÖSTERREICH

Die Oberösterreicherin hat ganz klare Vorstellungen von ihrer Zukunft. Nach der Matura möchte sie Biologie studieren. Freunde und Familie sind ihr ebenso wichtig wie eine gute Ausbildung. Sie sind für sie das Fundament für ein glückliches Leben. Franziska hat drei Geschwister und wünscht sich später mehrere Kinder: "Sie sollen sich einmal genauso geborgen fühlen wie ich mich bei meinen Eltern." Leben in Österreich. In Österreich leben 1.719.499 Jugendliche unter 19 Jahren. 2016 wurde die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre eingeführt. Es gibt 22 öffentliche Universitäten, in denen aus über 1.000 Studienmöglichkeiten gewählt werden kann.

BULBULI, 18, BANGLADESCH

Perspektivlos. Das Mädchen aus dem kleinen Dorf Rudrapur kann mit dem Begriff "Zukunft" nicht viel anfangen: "Ich habe keine Träume." Bulbuli macht keine Pläne, es geht ums tägliche Überleben. Meistens ist sie mit ihrem Baby im Tragetuch unterwegs. Eine Schule hat sie nie besucht. Sie kümmert sich um den Haushalt und die kleine Landwirtschaft mit Tieren. Leben in Bangladesch. Nur vier Prozent der Arbeitskräfte haben eine Berufsausbildung. Auch die Lehrer in den Schulen sind oft unzureichend ausgebildet. Sie unterrichten bis zu 100 Kinder pro Klasse. 70 Prozent können am Ende der Grundschule weder gut lesen, schreiben noch rechnen.

ZOE, 13, AUSTRALIEN

Offen. Sie lebt in Penreath bei Sydney, geht auch dort zur Schule. Zoe hat zwei jüngere Geschwister und zwei ältere Halbbrüder. Wenn Zoe an die Zukunft denkt, fallen ihr hauptsächlich berufliche Möglichkeiten ein: "Ich will mit Tieren arbeiten oder Künstlerin werden." So wie ihre älteren Brüder wird das Mädchen ab 15 neben der Schule ein paar Stunden arbeiten. Leben in Australien. Es gilt als völlig normal, dass Teenager neben ihrer Ausbildung kleine Jobs machen. Auch aus gut situierten Familien. So sollen sie den Umgang mit Geld lernen und Verantwortung übernehmen. Die Kinder beginnen den Unterricht bereits mit vier Jahren.

ZUR KÜNSTLERIN: Alexandra Grill liebt ihre Arbeit als Fotoredakteurin und Fotografin. Manchmal träumt sie davon, mehr Zeit für freie Projekte zu haben. alexandragrill.com.

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