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Was glauben Sie denn?

In Zeiten wachsender Kirchenaustritte könnte man meinen, dass Gott out ist. Wir haben zwei strenggläubige Frauen gefragt, was ihnen im Leben Halt gibt, woraus sie Kraft schöpfen und wie tolerant sie gegenüber Andersdenkenden sind.

von

Was glauben Sie denn?
© Julian Raggl

Buddhistin

Chöje Lama Gelongma Palmo, 46 Jahre, buddhistische Priesterin und Nonne, Head Lama von Palpung Europe, dem Europäischen Sitz der über 2500 Jahre alten Palpung (Mount of Excellence) Linie des Buddhismus.

Was genau lehrt Ihr Glaube?

Ich möchte zu allererst „Glaube“, genauso wie „Religion“ definieren, denn wir benützen diese Worte nicht unbedingt. Wenn ich Glauben aus dem Mittelhochdeutschen (Vertrauen) und Religion (sich rückverbinden) aus dem Lateinischen ableite, dann denke ich, dass ich etwas dazu sagen kann. Anstatt von Religion sprechen wir von Buddhadharma und anstatt von Glauben von Vertrauen. Wenn ich vertraue, öffne ich mich einer größeren Möglichkeit. Stark vereinfacht gesagt lernen wir das, was in uns schlummert - und ich meine nicht oberflächliche Fähigkeiten, sondern wie und wer wir wirklich sind - voll zum Vorschein kommen zu lassen und diese Essenz zu voller Blüte zu bringen. Dazu werden wir angeleitet: Sowohl in Theorie, damit wir verstehen, was, wem und warum wir vertrauen, als auch in der Praxis, in der wir angeleitet werden.

Wie haben Sie zu ihrem Glauben gefunden?

Vertrauen ist ein dynamischer Prozess, in ständiger Veränderung und Vertiefung befindlich. In mir war von Kindheit eine Art, nennen wir sie „Sehnsucht“, die auf Erfüllung wartete. Den ersten Lama traf ich, als ich 20 Jahre alt war. Mit 25 nahm ich Zuflucht in die Drei Juwelen (Anmerkung: Pendant zur Taufe), mit 27 war ich Nonne und in den letzten Jahren habe ich den Europäischen Sitz der Palpung Linie, die älter als 2500 Jahre ist, etabliert.

Was gibt er Ihnen?

Ich denke, dass jene Dichotomie, mit der wir so stark vertraut sind, zwischen „normalem“ und „spirituellem“ Leben zu unterscheiden, irreführend ist. Was ich praktiziere, durchdringt alle meine Tätigkeiten, die Art und Weise, wie ich denke, was ich tue. Ich „pendle“ nicht zwischen formeller spiritueller Praxis und Alltag. Alles ist durchdrungen und durchzogen mit diesem Grundvertrauen, das es mir ermöglicht, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu betreiben, mit anderen in Verbindung zu treten.

Was fasziniert Sie so daran, dass Sie ihn mit so einer Intensität praktizieren?

Faszination verfliegt und ist punktuell. Vertrauen oder Mitgefühl (die zwei Seiten einer einzigen Medaille) ist latent in uns vorhanden. Es offenbart sich zumeist zufällig. Im Buddhadharma nähern wir uns diesem Mitgefühl und Vertrauen gezielt unter Anleitung an. Sowohl in Theorie, als auch praktisch und besonders durch die spirituelle Praxis. Vertrauen und Mitgefühl ist, wer wir wirklich sind. Sie entspringen uns, vertiefen, formen und vervollständigen sich.

Was bestärkt Sie darin?

Jeder Augenblick, jede Begegnung, einfach alles, das ich tue, sehe, rieche, fühle, sage, denke und mehr.

Sind Sie so erzogen worden?

Nein.

Woher glauben Sie zu wissen, dass Ihre Religion die „richtige“ ist?

„Die Richtige“ gibt es nicht. Für MICH ist sie die richtige. So etwas wie „die eine“ Religion kann es meiner Ansicht nicht geben. Menschen sind unterschiedlich, die unterschiedlichen Religionen bieten jeweils Mittel und Wege, zu dieser Wahrheit vorzudringen, sich aktiv auf den Pfad begeben zu können. Ich vertraue in eine letztendliche Wahrheit, die wir in buddhistischer Terminologie „Erleuchtung“ nennen, zu der es verschiedene Zugänge gibt. Das Allesdurchdringende, Allmächtige, vollkommene Liebe, vollständiges Mitgefühl und perfektes Vertrauen.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Sehr zeitig aufstehen und ein paar Stunden spirituelle Praxis, dann der ganz normale Alltag von jemand, der für sich um Gemeinden kümmert: Also lehren, „Seelsorge“, persönliche Gespräche, etc., weiters das Planen, Betreuen, Ausführen der unterschiedlichen Projekte – soziale Projekte, Bauprojekte, handwerkliche Projekte, Übersetzungsprojekte, Buchprojekte; die Liste ist lang. Abends, wenn das Tageswerk vollbracht ist, ziehe ich mich wieder für ein paar Stunden spirituelle Praxis zurück.

Wie tolerant sind Sie gegenüber Andersdenkenden?

Genauso unterschiedlich wie die Wesen sind, sind auch ihre Denkweisen. Keine ist besser oder schlechter, sie drücken nur die unterschiedlichen Arten und Weisen aus, Dinge zu betrachten, zu tun und zu betreiben. Unvoreingenommenheit ist eine jener Kontemplationen, die uns von Anfang unseres buddhistischen Pfades an begleiten.

Wurden Sie je für Ihren starken Glauben kritisiert?

Sicher. Je mehr die Menschen an endlichen, vergänglichen Dingen festhalten, umso weniger können sie sich auf Anderes einlassen.

Was empfinden Sie gegenüber Menschen, die an gar nichts glauben?

Menschen, die sagen, dass sie an nichts glauben, glauben an dieses Nicht-Glauben, was dann wiederum zu ihrer „Religion“ wird, an der sich ihr Leben orientiert. Sie werden zu Gläubigen des Nicht-Glaubens. Sie sind Menschen wie „du und ich“, nicht besser, nicht schlechter, Lebewesen, die Teil meiner Gebete sind.

Wie denkt Ihre Familie über Ihr religiöses Leben?

Meine Mutter sagt oft: „Du bist so gescheit, warum bist du nicht in der Privatwirtschaft, dort könntest du so viel Geld verdienen? Stattdessen lebst Du mit null Einkommen!“

Finden sich in Ihrem Freundeskreis nur Gläubige?

Nein.

Was gibt Ihnen Halt?

Die Gewissheit, dass Buddha in uns ist und darauf wartet, erweckt zu werden.

Weshalb sollte man glauben?

Jeder glaubt an irgendetwas, vertraut irgendetwas. Es ist uns inhärent, uns irgendetwas anvertrauen zu wollen.

Hatten Sie niemals Zweifel?

Nein.

Wie kann man einem Gott derart huldigen?

Ich muss diese Frage aus meiner interreligiösen Erfahrung heraus beantworten, indem ich Gott als das Letztendliche verstehe, das wir Buddhisten Erleuchtung oder Buddha nennen. Indem wir uns etwas Äußerem, etwas Vertrauenswürdigem anvertrauen, erwecken wir unser uns inhärentes Potenzial, um letztlich selbst Buddha (Sanskrit für Erwachtes Herz) zu werden.

Wie praktizieren Sie Ihren Glauben? Wie binden Sie Ihre Religiosität in Ihren Alltag ein?

In jeden Augenblick, jeder Situation, mit jedem Gedanken.

Wie oft beten Sie?

Es gibt unzählige Arten von Gebet. Formelle Liturgien, durch die Jahrhunderte hindurch tradierte Gebete, die sich spontan artikulierenden Gebete, die der Situation entspringen, jene, die in formelle spirituelle Praxis eingebettet sind und jene des Alltags, wie z. B. vor dem Essen, etc. Also oft.

Wie viel Platz nimmt Ihre Religion ihn Ihrem Alltag ein?

Religion ist nichts, das ich von – bis lebe und dann jemand anderer bin.

Gibt es etwas wonach Sie sich sehnen?

Nach der Ehrlich- und Aufrichtigkeit, der Echtheit der Menschen.

Inwiefern hilft Dir Dein Glaube zum Glück?

Glück bedeutet Zufriedenheit. Zufriedenheit wiederum ist ein Prozess, der erlernbar ist. Vertrauen und Mitgefühl bedingen oder bringen als Nebenprodukt hervor, ausgefüllt, zufrieden, ausgeglichen und glücklich zu sein.

Wie sehr ist Ihre Religiosität in Ihrem Umfeld täglich von Relevanz?

„Religiosität“ hört sich an, als wäre es eine Krankheit, die uns befallen hätte und uns in unserem Leben behinderte. Als wäre es etwas, das uns zu „Außerirdischen“ machte. Vertrauen und Mitgefühl sind Eigenschaften, die uns inhärent sind. Manche von uns möchten diese aktiv vorantreiben und vertiefen zum Wohle aller, während andere lieber an sich selbst zuerst denken. Vertrauen und Mitgefühl sind immer relevant, sie machen uns zu lebendigen Menschen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären an einem anderen Ort auf die Welt gekommen… Wie ist die Vorstellung, mit dem dort üblichen Glauben aufgewachsen zu sein?

Genau das beschreibt meinen Lebensweg. Ich bin in einer Umgebung und an einem Ort aufgewachsen, in der ich keinen Zugang zu meiner mir nativen, mir nahen und vertrauten Religion hatte und fühlte mich 20 Jahre lang völlig verloren.

Wie wäre Ihr Leben anders verlaufen, besser, schlechter?

So wie es verlaufen ist.

Liefert Ihnen Ihre Religion Antworten auf alle Fragen des Lebens?

Uns alle ereilt früher oder später die Frage nach dem „Sinn des Lebens“, mich hat sie von Kindesbeinen an bewegt und begleitet. Als ich den Buddhadharma traf, begann sich diese unerfüllte Suche zu erfüllen.

Hilft Ihnen Ihre Religion in Ihrer Beziehung? Ist sie generell hilfreich für das Zusammenleben von Mann und Frau?

Im menschlichen Zusammenleben ist es notwendig, über den eigenen Rand hinauszuschauen. Im Buddhadharma lernen wir stufenweise, das „Wir“ vor das „ich“ zu stellen, eine durch „ich“ geprägte Sichtweise schrittweise durch „andere“ zu ersetzen, um das Letztendliche in uns, allen und allem zu enthüllen.

Wie begegnen Sie Menschen die Ihrer Religion gegenüber kritisch eingestellt sind, versuchen Sie, diese zu überzeugen?

Wie jedem anderen Menschen, mit Liebe, Mitgefühl und einem offenem Ohr und Herzen.

Vielleicht bestehen allgemein Vorbehalte gegenüber Ihrer Religion, etwa Diskriminierung, Rolle der Frau usw. Wie berechtigt ist diese Kritik?

Vorbehalte weniger. Aber viele Leute setzen Buddhadharma mit Esoterik gleich und mischen Einrichtungshaus Gadgets mit Chinarestaurant Weisheiten, vereiteln sie mit ihren eigenen Ideen und sagen dann, dass sie Buddhisten sind, um sich damit in eine exotischere Parallelwelt als die bekannten zu beamen. Der Buddhadharma lehrt uns, kein Paralleluniversum eines „religiösen“ kontra des „alltäglichen“ Lebens zu erwecken, sondern den Alltag mit Liebe, Mitgefühl, Offenheit, Respekt und Vertrauen für alle Lebewesen zu durchdringen.

Wie leben Sie selbst mit den zweifellos vorhandenen Nachteilen/Einschränkungen (nichts im Leben ist perfekt) Ihres Glaubens?

Der Buddhadharma lehrt uns, die Grenzenlosigkeit des Geistes zu erlangen. Einschränkungen ergeben sich durch persönliche Enge im Geist, Voreingenommenheit und Selbstsucht.

Betrachten Sie sich als religiös tolerant? Wie sehen Sie den Umstand, dass sich die Menschen seit jeher aus religiösen Gründen bekriegen?

Wir alle, alle Lebewesen, streben nach Glück und Zufriedenheit. Jedes einzelne. Bloß wissen wir nicht, was „Glück“ bedeutet und verwechseln es mit „ich zu Ungunsten, oder auf Kosten aller anderen“. Es ist außerordentlich beschämend und bedauerlich, wie Menschen geblendet von Selbstsucht, falschen Zielen und verdrehten Konzepten sogar solch erhabene Mittel wie Spiritualität missbrauchen, um anderen Lebewesen zu schaden.

Was würde Dir ohne Religion fehlen? Wozu inspiriert Sie Ihr Glaube? Kann eine Frau ohne Glauben leben?

Religion stellt erhabene Mittel und Wege, all den Segen zur Verfügung, das Letztendliche zu erleben, dazu zu werden und das, wer wir wirklich sind, offenzulegen.

Worauf verzichten Sie für die Religion?

Ich „verzichte“ nicht und auch nicht für eine „Religion“. Ich entsage. Verzichten bedeutet, zu bereuen, etwas nicht mehr tun zu können, ich denke, verzichten ist mehr eine intellektuelle als eine von Herzen kommende Entscheidung. Ich bereue aber nicht, nicht mehr jeglicher Befindlichkeit hemmungslos nachzugehen, exzessiv hedonistisch und selbstsüchtig zu sein. Ich entsage vielen unnotwendigen Dingen bewusst, um Freiraum für die wichtigen Dinge des Lebens zu haben, für mein eigenes, dauerhaftes Glück, Zufriedenheit, genauso wie das aller anderen fühlenden Wesen.

Was erwarten Sie sich davon?

Persönliche Freiheit von Geist; grenzenlose Freude!

Wie wird die Rolle der Frau in Ihrer Religion gesehen?

Alle Wesen haben die gleichen Voraussetzungen, Erleuchtung zu erlangen. Buddhas Unterweisungen waren schon zu seiner Zeit revolutionär, sie transzendieren all die Beschränkungen, die uns Kultur, Gewohnheit, etc. bescheren. Von Anfang an waren Frauen gleichberechtigt in allem. Wir müssen aber zwischen Kultur, Gesellschaft und Buddhadharma unterscheiden, denn wir alle sind von dem Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind geprägt und stellen es vielleicht nicht einmal in Frage. So erklärt sich, dass es selbst in unseren Breiten mit der Gleichberechtigung nicht so weit her ist, wie wir es gerne hätten.

Was ist das häufigste Vorurteil, dass Sie im Zusammenhang mit Ihrer Religion hören?

Nonnen und Mönche sind immer glücklich.

Und was kontern Sie?

Von nix kommt nix.

Auf welche Frage haben Sie trotz Religion noch keine Antwort gefunden?

Die Welt scheint uns heute komplizierter denn je. Oberflächlich betrachtet gibt es sicherlich viele Fragen, die auf den ersten Blick unbeantwortet scheinen. Manche Dinge erscheinen uns oft willkürlich. Tatsächlich aber, bei genauerem Hinsehen, sind sie das Resultat von bestimmten Ursachen, die mit gewissen Bedingungen in Interaktion treten oder traten.

Wie verbringen Sie den 24.12.?

Wie jeden anderen Tag der Woche.

Katholikin

Sr. Barbara Flad, 39 Jahre, Leiterin der Abt. Seelsorge im Krankenhaus St. Vinzenz in Zams, Ordensfrau

Was genau lehrt Ihr Glaube?

Der christliche Glaube lehrt, dass Gott die Liebe ist und dass er selbst als Mensch auf diese Welt gekommen ist, um uns diese Liebe zu zeigen und vorzuleben. Er lehrt uns die Liebe zu ihm, zu den Nächsten und zu uns selbst. Er ist ein Gott, der für und mit uns Menschen da ist und durch Seinen Geist in uns atmet.

Wie haben Sie zu ihrem Glauben gefunden?

Ich bin in meinen Glauben über viele Schritte hineingewachsen. Das Wesentliche haben meine Eltern grundgelegt durch ihre Liebe zu mir. Schon als Kind habe ich Anschluss gefunden an kirchliche Kinder- und später Jugendgruppen. Erst als Teilnehmerin, später als Leiterin dieser Gruppen habe ich das kirchliche Leben kennengelernt und Aufgaben darin übernommen. Durch Begegnungen und Gespräche mit gläubigen Menschen, aber auch durch persönliche Auseinandersetzung bin ich dann immer weiter hineingewachsen in meinen Glauben.

Sind Sie so erzogen worden?

Meine Eltern sind gläubig, wir sind als Familie mehr oder weniger regelmäßig in die Kirche gegangen und feiern die kirchlichen Feste. Als meine Schwester und ich uns in der Kirche engagiert haben, haben das meine Eltern mitgetragen und gefördert, aber uns nie zu irgendetwas verpflichtet. Es war und ist meinen Eltern wichtig, dass ihre Kinder ihren eigenen Zugang zur Welt finden und sie haben uns auch immer darin unterstützt, uns unsere eigene, durchaus auch kritische Meinung zu bilden.

Was gibt Ihnen Halt?

Meine Familie, meine Freunde, mein Leben in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, mein Glaube, meine berufliche Tätigkeit.

Gibt es etwas wonach Sie sich sehnen?

In tiefen inneren Frieden leben und sterben zu können.

Was gibt Ihnen Ihr Glaube?

Mein Glaube schenkt mir die Erfahrung, angenommen und geliebt zu sein: vor aller Leistung und trotz aller Fehler. Gott schenkt mir große innere Freiheit, vor nichts und niemanden etwas scheinen zu müssen, sondern sein zu dürfen, wie ich bin. Ich kann mich annehmen, weil er mich schon lange angenommen hat. Bei Gott darf alles sein: Freude und Trauer, Hingabe und Widerstand, Vertrauen und Zweifel. Ich darf aufrecht stehen vor meinem Gott und vor den Menschen. Mein Glauben ist das Leben einer Beziehung mit allen Facetten: mit den Herausforderungen und dem, was mir Heimat schenkt.

Was bestärkt Sie in Ihrem Glauben?

Mich bestärken die Begegnungen mit Gott in der Stille und das Teilen des Glaubens mit anderen Menschen.

Hatten Sie niemals Zweifel?

Oh doch, schon oft. Sogar schon sehr starke. Aber das gehört zum Glauben dazu. Glaube ist ein Für-Wahr-Halten, kein Wissen und damit nicht beweisbar. Dieses Für-Wahr-Halten muss in jeder Lebensphase immer wieder neu errungen werden und kann sich auch verändern. Den Glauben hat man nicht in der Hand. Wir tragen unseren Glauben „in zerbrechlichen Gefäßen“, wie es in der Bibel heißt – umso kostbarer ist er.

Was könnte Sie in Ihrem Glauben erschüttern?

Es können Begegnungen und Lebenserfahrungen sein, die den eigenen Glauben in Frage stellen, aber manchmal wird er auch einfach ein Stück weit verschüttet vom Alltag. Dann muss man sich erinnern an frühere Glaubensgewissheiten und sich auf die Suche machen nach der Glut unter der Asche.

Liefert Ihnen Ihre Religion Antworten auf alle Fragen des Lebens?

Nein, natürlich nicht. Religion ist kein Navigationsgerät, das an jeder Kreuzung des Lebens klar den Weg bestimmt. Sie ist vielmehr ein Kompass, der eine grundsätzliche Orientierung gibt, in welche Richtung das Ziel liegt. Den Weg dorthin finden und gehen muss jeder selber. Und es gibt meist mehrere Wege zum Ziel.

Auf welche Frage haben Sie trotz Religion noch keine Antwort gefunden?

Ist die Art und der Zeitpunkt, wie wir aus diesem Leben scheiden – z.B. lebenssatt in hohem Alter oder als junge Mutter an Krebs – jedem Menschen vorherbestimmt?

Wie sieht Ihr Alltag aus? Wie viel Platz nimmt Ihre Religion in Ihrem Alltag ein? Wie sehr ist Ihre Religiosität in Ihrem Umfeld täglich von Relevanz? Wie oft beten Sie?

Mein Tag beginnt mit einer Zeit der Stille in der Gemeinschaft der Mitschwestern in unserer Kirche, gefolgt vom gemeinsamen Morgengebet. Nach dem Frühstück geht jede an ihre Arbeit – ich arbeite als Seelsorgerin im Krankenhaus, führe also Gespräche mit PatientInnen, begleite Sterbende und ihre Angehörigen, gestalte Rituale rings um Krankheit, Sterben, Tod und Trauer. Je nach Möglichkeit kommen wir Schwestern zu einem kurzen Innehalten vor dem Mittagessen in der Klosterkirche zusammen. Nachmittags gehen wir wieder unserer Arbeit nach, bevor wir um 17:45 das gemeinsame Abendlob beten oder Messe feiern. Danach folgt das Abendessen. Den Abend gestaltet jede Schwester unterschiedlich, mal in Gemeinschaft, mal individuell. Meinen Tag beschließe ich mit einem kurzen Rückblick über das, was den Tag über war, und lege alles in Gottes Hände.

Wie kann man einem Gott derart huldigen?

Was meinen Sie mit „derart“? Und mit „huldigen“? Wenn Sie unter „huldigen“ „unterwerfen“ verstehen, dann würde ich mich darin nicht wiederfinden. Wenn Sie darunter „ehren“ verstehen, dann kann ich damit eher etwas anfangen. Ich glaube daran, dass nicht ich oder wir als Menschen das Maß aller Dinge sind. Ich glaube daran, dass es etwas/jemanden gibt, der uns und unser Fassungsvermögen unendlich übersteigt. Und ich glaube daran, dass dieses Etwas, das ich Gott nenne, es gut mit uns meint. Ich erlebe mein Leben als Geschenk, für das ich danken kann und will. Ich erlebe die Schöpfung und die vielen kleinen und großen Alltagswunder als Geschenk (z.B. die gesunde Geburt eines Kindes). Dafür danke ich Gott. Ich erlebe aber auch die Schattenseiten dieser Welt, die Armut, die Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg. Ich sehe, dass wir noch viel zu tun haben, um allen Menschen dieser Welt gerecht zu werden und der Liebe, die Gott ist, ähnlich zu werden. Für diese Anliegen und Menschen bitte ich Gott. Dieses Bitten und Danken, dieses Leben aus der Beziehung mit Gott heraus, das heißt für mich „Gott ehren“.

Wurden Sie je für Ihren starken Glauben kritisiert? Wenn ja von wem und weshalb?

Meine Entscheidung, ein Ordensleben zu führen, hat bei einigen Menschen Widerstand hervorgerufen, bis dahin, dass manche überzeugt waren, es sei „der falsche Weg“ für mich. Die Ursachen dafür waren unterschiedlich, manche konnten sich wohl auch einfach nicht vorstellen, wie so ein Leben aussieht.

Weshalb sollte man glauben?

„Glauben“ und „sollen“ passen für mich nicht zusammen. Glaube ist letztendlich immer Geschenk und kann nicht erzwungen, erarbeitet oder verordnet werden. Glauben kann eine Bereicherung sein, kann Halt geben in den Unwägbarkeiten des Lebens, kann Beheimatung selbst in der Fremde schenken – aber wenn man aus diesen Gründen „beschließt“, gläubig zu sein, wird es nicht funktionieren. Glaube hat zu tun mit den tiefen, eigenen Sehnsüchten, mit den Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens. Wenn es diese Fragen und Sehnsüchte in mir nicht gibt (oder ich sie nicht wahrnehmen will), dann komme ich wohl auch gut ohne Glauben aus. Ich denke allerdings, dass diese Fragen zum Menschsein gehören und es gibt Momente im Leben, wo sie sich einem aufdrängen, z.B. einer bei lebensbedrohlichen Erkrankung.

Wie begegnen Sie Menschen die Ihrer Religion gegenüber kritisch eingestellt sind, versuchen Sie diese überzeugen?

Auch ich stehe bestimmten Aspekten meiner Religion kritisch gegenüber – also vielleicht bin ich mit dem Anderen sogar einer Meinung?! Wenn jemand Religion pauschal verurteilt, dann wird ein Gespräch auf Sachebene schwer – dann halte ich mich lieber zurück. Grundsätzlich ist mein Ziel in einer solchen Unterhaltung nie „Überzeugen“, sondern eine Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses.

Wie tolerant sind Sie gegenüber Andersdenkenden?

Der Respekt vor dem Anderen als Mensch mit seinen Überzeugungen ist mir sehr wichtig. Jede darf ihre eigenen Ansichten haben. Allerdings erwarte ich diesen Respekt auch von meinem Gegenüber.Wenn alle das gleiche denken würden, würde menschliche Entwicklung ein Ende finden. Der Austausch mit Menschen, die anders denken, fordert heraus, bereichert aber auch. Wenn ich weiß, wo ich verwurzelt bin, kann ich Fremden oder Andersdenkenden ohne Angst und mit freundlichem Interesse begegnen.

Worauf verzichten Sie für die Religion? Was erwarten Sie sich davon?

Ich wüsste nicht, worauf man im Christentum „für die Religion“ verzichten muss – ich habe meinen Glauben zumindest nie als Verzicht erlebt. Es gibt Zeiten, Orte und Lebensformen, in denen man auf bestimmte Dinge verzichtet: z.B. in der Fastenzeit oder bei sogenannten Exerzitien, also Tagen der Stille und des Schweigens. Der bewusste Verzicht ist allerdings im Endeffekt ein Gewinn: er lässt bewusster leben und wahrnehmen, was in mir und um mich herum ist. In meiner Lebensform als Ordensfrau verzichte ich auf eine intime Partnerschaft und auf eigenen Besitz, um immer mehr in eine große innere Freiheit und Offenheit für Gott hineinzuwachsen. Diese Lebensform ist aber nicht pauschal die „bessere“, sondern für manche die richtige, für andere aber nicht.

Was ist das häufigste Vorurteil, dass Sie im Zusammenhang mit Ihrer Religion hören? Und was kontern Sie?

Manche sagen, dass das Christentum gerade hier in Tirol, wo es noch eine vergleichsweise hohe Rolle im öffentlichen Leben spielt, nur noch „Schein nach außen hin“ ist, also reines Brauchtum ohne innere Überzeugung. Es mag den ein oder anderen geben, der nur um der Tradition willen in die Kirche geht oder an Prozessionen teilnimmt. Aber ich erlebe gerade in meiner Arbeit im Krankenhaus, dass viele Menschen eine tiefe innere Glaubensüberzeugung haben. Diese ist allerdings etwas sehr Intimes und daher äußern die wenigsten ihre persönlichen Glaubensansichten in der Öffentlichkeit.

Wie wird die Rolle der Frau in Ihrer Religion gesehen?

Mir ist nicht bekannt, dass Frauen im heutigen Christentum eine bestimmte Rolle zugewiesen würde. Allerdings ist es im Katholizismus so, dass Frauen keine Priesterinnen werden dürfen. Begründet wird dies mit dem biblischen Zeugnis und der Tradition der Kirche. Das hat über die Jahrhunderte dazu geführt, dass Vieles in der katholischen Kirche sehr männlich geprägt ist. Es gibt inzwischen gute Ansätze, daran etwas zu verändern, aber es bleibt noch einiges zu tun.

Wie verbringen Sie den 24.12.?

Den 24. Dezember verbringe ich heuer zum zehnten Mal mit unterschiedlichsten Menschen in unserem Geistlichen Zentrum Klösterle Kronburg. Ich leite die sogenannte „Kronburger Weihnacht“, zu der alle kommen können, die Weihnachten als Fest der Geburt Christi bewusst feiern, aber dies nicht (alleine) daheim tun möchten. Wir werden uns gemeinsam dem Inhalt dieses Festes annähern, Geschenke basteln, den Christbaum schmücken und den Heiligabend feiern.